Dieses Buch dürfte es eigentlich nicht geben. Nicht wenn es nach den Dämonen ginge, die die Herrschaft über Benjamin von Stuckrad-Barres Körper übernommen hatten und ihn in einen jahrzehntelangen Suchtstrudel hineinredeten, in eine Abwärtsspirale des Selbsthasses aus Drogen und Bulimie. Und dieses Buch dürfte es auch nicht geben, wenn es nach den Tugendwächtern der Literaturbranche ginge, denen Stuckrad-Barre bis heute zu schnöselig ist, zu schnell, zu groupiehaft, zu witzig. Er trug einfach immer zu schmale Krawatten für den breitbeinigen deutschen Normenkontrollrat. Pop? Ja. Aber Literatur? Doch wohl, hüstel, eher nicht.

Nun ist, genau 18 Jahre nach seinem Debüt Soloalbum, aber doch sein "Greatest Hits"-Album aus ihm erwachsen, ein Roman, von dem niemand mehr glaubte, dass er je erscheinen würde, am wenigsten der Autor selbst, der während des Entzugs in einer Suchtklinik an vollgekritzelten Entwürfen verzweifelte. Panikherz heißt das Buch – und es markiert wohl nicht weniger als das Ende dessen, was wir Popliteratur nennen. Diese Epoche, die mit Christian Krachts Faserland im Jahre 1995 begann, ist nun an ihr kongeniales Ende gekommen. In diesem letzten Akt richtet Stuckrad-Barre die Flammenwerfer und die Methoden, mit denen die Popliteraten unbarmherzig auf die Welt blickten, gegen sich selbst. Die Attitüde der Coolness läuft ins Leere angesichts eines zerbombten Lebens voller entwürdigender Junkie-Erfahrungen des "Helden meiner Autobiographie". Dieser Held "kennt die Welt, die Menschen, ihm macht keiner mehr etwas vor, nur er sich selbst". Aber eben nicht mehr dem Autor, der seinen Protagonisten durchschaut. Das markiert den Umschlagspunkt. Natürlich erzählt bereits Andy Warhols Pop-Art in Wahrheit von den Desastern unserer beschleunigten Moderne, von der Hohlheit des Personenkultes, von elektrischen Stühlen, Pistolen und den Lächerlichkeiten des Konsums. Aber es gibt bei Warhol noch eine trotzige Zärtlichkeit, mit der man auf die Oberflächen blickt, so wie auch bei Christian Krachts ichberauschtem Handlungsreisenden durch die Meta- und Tiefebenen des Faserlands. Zwischendurch haben Kracht und von Stuckrad-Barre gemeinsam versucht, das Todtraurige, das unter dem Glitzern schlummerte und wummerte, zu einer Tristesse Royale zu verklären. Half, wie man sieht, natürlich aber alles nichts. Wie auch nicht das Kokain, mit dem er die Bulimie zu ersticken versuchte, oder die Ecstasy-Pillen, die die Panik vertreiben sollten.

Wie Benjamin von Stuckrad-Barre von diesen Jahren des Wahns erzählt, in denen er vom Popmusik-Kritiker, Gag-Autor der Harald Schmidt Show und "besten Chronisten unserer Gegenwart" (ZEIT Nr. 13/10) zum Junkie wurde, der Heiligabend allein mit seinem Dealer und einem Happy Meal von McDonald’s über die Zeit zu bringen versucht – das ist vor allem anderen erst einmal: herzergreifend. Die entwaffnende Ehrlichkeit, mit der hier in die Seele und in die Synapsen eines Süchtigen geschaut wird, gepaart mit Stuckrad-Barres unübertroffener Genauigkeit im Erfassen der leeren Floskeln menschlichen Redens, erzeugt eine so drastische wie wahrhaftige "Drogenbeichte", die künftigen Psychologiestudenten das Hauptseminar "Mechanismen des Selbstbetruges bei Suchtkranken" ersparen wird. Erzählt wird scheinbar uferlos von sich selbst, womit die autistischen Redseligkeiten der Betrunkenen und Berauschten literarisch imitiert werden. Die Hauptfigur ist neben dem Helden ein Überraschungsgast im gut sortierten deutschen Nachkriegsliteraturregal: Udo Lindenberg. Seine elastischen Songzeilen durchziehen auf absurd versessene Weise das ganze Leben. Und am Ende wird Lindenberg, dessen hingenuschelte Coolness Stuckrad-Barre einst aus der Enge seines norddeutschen Pfarrhauses erlöste, zum zweiten Mal zum Retter: Selbst mit einer, wie man so sagt, respektablen Drogenbiografie ausgestattet, holt Lindenberg, kurz bevor es zu spät ist, den Autor ins Leben zurück.

Dass Stuckrad-Barre nach Jahren der literarischen Impotenz dann ausgerechnet in Hollywood den Dreh dafür findet, wie er das Buch seines Lebens erzählen kann, ist ein herrlicher sprachlicher Clou von Gottes Gag-Schreibern für den verlorenen Pfarrerssohn. Er sitzt also im legendären Hotel Chateau Marmont am Sunset Boulevard – und an jenem absurden und mythischen Ort, wo auch seine Helden Udo Lindenberg und Helmut Dietl einst ihre Sprache wiederfanden, da wird aus sehr viel Panik und sehr viel Herz: Panikherz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Der listige Autor lässt seine Leser glauben, dass dies sein ganzes Leben sei: also die kurzen Räusche und die langen Ernüchterungen zwischen Harald Schmidt und Helmut Dietl, zwischen Bret Easton Ellis und Thomas Gottschalk, zwischen Udo Lindenberg und Oasis. Doch das ist natürlich nur die A-Seite seiner Autobiografie. Die Protagonisten der B-Seite sind ganz andere: Max Frisch, Gottfried Benn, Walter Kempowski, Rainald Goetz. Nur für den Kenner sichtbar lässt er immer mal ein Zitat von ihnen aufblitzen, Worte nur, und doch ist das ganze Panikherz nicht denkbar ohne diese vier Literaten. Stuckrad-Barre hat die Introspektion von Frischs Montauk weitergetrieben, bis dahin, wo es sehr wehtut, zugleich aber auf die Diskretion gegenüber all den Frauen, die sein Leben kreuzten, geachtet. Und Benns "Man kann über seinen Schatten springen, man kann!" ist so etwas wie das geheime Motto des Buches geworden.

Der wahre Held des Buches ist aber jemand ganz anderes. Es ist der Bruder des Icherzählers, der sich auch nach jahrelangem Belügen und Abwimmeln nicht abschütteln lässt und ihn in die Suchtklinik bringt – assistiert vom zweiten älteren Bruder, der so dezent ist, nicht über Drogen zu reden bei der Fahrt in die Klinik, sondern über die Fußballbundesliga. Es sind die berührendsten Passagen dieses ganzen Werkes, wenn Stuckrad-Barre auf einmal wie konsterniert fragt: "Wer hat eigentlich je gewagt, etwas Substanzielles gegen das Konzept Familie vorzubringen?" Am Ende, auf der Beerdigung der Großmutter, steht der Erzähler dann am offenen Grab, wirft gemeinsam mit dem Vater Erde hinein – und umarmt ihn dann. Keine Umarmung wie auf den vielen Hundert Seiten davor mit den Helden seines Pop-Universums, die nur eine Übersprungshandlung war. Sondern eine aus Scham, aus Reue, aus Dankbarkeit und Glück.

Da kommt die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn an ihr Ende – aber Stuckrad-Barre wäre nicht Stuckrad-Barre, wenn er nicht selbst diese Assoziation hätte, wenn er nicht wieder einmal viel schneller wäre als der Leser selbst. Doch er ironisiert seine Ballade auf die Familie nicht, er hält es aus, sie einfach kurz und leise anzustimmen, und dann legt sich auch schon wieder der Udo-Lindenberg-Sound des Buches sanft darüber.

In seinen Reportagen und Büchern der letzten 18 Jahre schien sich Stuckrad-Barre immer wieder von der haargenauen Abbildung der Wirklichkeit einen irgendwie gearteten Trost zu erhoffen. Als könne man die Welt des Schlagers, der Frühstücksfernsehmoderatoren, der Banalitäten durch maximale Nähe doch noch mit einer Bedeutung aufladen. Die Melancholie, die angesichts der Leere, der Absurdität und auch: Bescheuertheit der Populärkultur der letzten zwei Jahrzehnte jeden anwehte, der bei Sinnen war, deckte er immer wieder zu mit einem genialen Gag. Er wollte verhindern, dass man spürt, was er weiß. Und womit er eigentlich kämpft. Damit hat er, an einem Sommerabend im Chateau Marmont am Sunset Boulevard, aufgehört. Und von dieser Erkenntnis erzählt dieses große Buch.