Gegen das politische Establishment: Demonstration von AfD-Anhängern in Berlin © Carsten Koall/Getty Images

Zwei Dutzend Rechtsparteien entstanden in Nachkriegsdeutschland. Mit zwei Ausnahmen hat es keine in die Parlamente geschafft. Die NPD hatte ihre Hoch-Zeit in den Sechzigern (sieben Landtage). Die "Republikaner" reüssierten zwei Mal in den Neunzigern. Im Bundestag aber lag die Erfolgsquote bei null. Die Deutschen haben nach 1945 einen freundlichen "Sonderweg" eingeschlagen, und zwar wegen des Abgrundes, in den sie unter Adolf Nazi gestürzt waren. Deutschland ist das einzige EU-Land, wo rechts eine breite Brache liegt.

Jetzt die schlechte Nachricht. Die zwölf bis 24 Prozent für die AfD schreien geradezu, dass die Zersplitterung des einstigen Drei-Parteien-Systems voranschreitet; die Brache füllt sich auf. Kann die AfD Wurzeln schlagen? Die Antwort ist nicht so eindeutig, wie das Beben vom Sonntag suggeriert.

Die AfD ist im Kern eine "Ein-Thema-Partei". Erst war’s der Euro, jetzt sind es die Flüchtlinge. Das "Ad hoc" ist das Markenzeichen des Populismus – seit 130 Jahren, als die American Populist Party für den agrarischen Westen gegen das "Finanzkapital" im Osten zu Felde zog. Bald war sie verschwunden – das Opfer der Etablierten, die deren Agenda aufsogen und entschärften.

Landtagswahlen - Soll man die AfD ausgrenzen? Jetzt sitzt die AfD also in drei weiteren Landtagen. Andere Parteien dürften sie nicht länger ignorieren, sagen viele. Wirklich nicht?

Ein hübsches Beispiel ist die Hamburger "Schill-Partei", die es 2001 mit fast 20 Prozent in eine Koalition mit der CDU schaffte. Warum war 2003 der Spuk vorbei? Weil Ole von Beusts Union der Statt-Partei das Protestthema der inneren Sicherheit – "Junkies am Hauptbahnhof" – geklaut hatte. Ende der Bürgerwut, Ende der Schillisten. Eine richtige Partei aber hat mehr als nur ein Produkt im Angebot; just deshalb bleibt sie im Geschäft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Eine zweite Erfahrung kommt hinzu. Protestparteien zerlegen sich gern – wie die verzankten Piraten, wie die AfD, als sie den Gründer Bernd Lucke und seine Professoren wegputschte. Das ist kein Zufall. Die Aufrührer schätzen "die da oben" in den eigenen Reihen so wenig wie das "Machtkartell" der Altparteien. Gegen die Streitsucht solcher Haufen demonstrieren Merkel und Seehofer geradezu kaderhafte Solidarität. Den Protestlern fehlt ein strategischer Vorteil. Mit Ausnahme der Grünen bleiben sie nicht lange genug zusammen, um die lebenswichtigen drei K zu lernen: Kuhhandel, Kompromiss und Kungelei.

Nehmen wir an, Merkels unartikulierte Rechnung geht auf. Schon jetzt hat die Blockade der Balkanroute den Flüchtlingsstrom zurückgestaut; die Bundespolizei registrierte zuletzt an die 100 Menschen pro Tag, wo es früher 3000 waren. Kommt die Türkei dazu, wird der Strom noch schmaler. Die "Überflutung" findet nicht statt, die AfD verliert ihren besten Claim und damit ihren Markt.

Das Kalkül hat bloß ein Problem. Die alte CDU war "rechts" genug, um die Wutbürger immer wieder heimzuholen. Ihr Angebot enthielt Konservatives wie Kirche und Familie; in dem breiten Zelt war auch Platz für national Gesinnte. Die Merkel-CDU aber wandert seit zehn Jahren nach links. So hat sie zwar die SPD dezimiert, aber auch der AfD das Feld bereitet.

Deshalb sei die anheimelnde Geschichte seit 1945 mit Vorsicht zu genießen. Solange Schwarz, Rot, Grün und Ganzrot ähnliche Produkte anbieten, wird eine AfD im Geschäft bleiben, auch wenn der Flüchtlingsstrom versiegen sollte. Die Frage ist nur, wie hoch ihre Rendite sein wird. Zwölf Prozent lassen sich ertragen, 24 Prozent nicht.

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