Pro: "Bei Konflikten setzen wir unser Hausrecht durch"

DIE ZEIT: Die Universität zu Köln eröffnet im Herbst einen Raum der Stille. Warum?

Patrick Honecker: Das Rektorat wurde von muslimischen und nicht muslimischen Studierenden immer wieder um einen solchen Raum gebeten. Die muslimischen Studierenden haben sich einen Ort für das Gebet gewünscht, andere zum Meditieren oder, um sich zurückziehen zu können. Der Rektoratsbeschluss für den Raum wurde bereits vor zweieinhalb Jahren getroffen, aber erst mit dem Umbau des Hauptgebäudes haben wir nun einen Ort gefunden.

ZEIT: Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihre Pläne?

Honecker: In den sozialen Medien ist die eine Hälfte begeistert, die andere sieht den Untergang des Abendlandes gekommen. Auch die Studenten diskutieren darüber, die Reaktionen sind gemischt. Manche denken zum Beispiel, dass Religionen nichts an einer Uni verloren haben.

ZEIT: Welche Rolle sollten Weltanschauungen an einer öffentlichen Institution spielen – und wie passen sie zum Leitbild der Universität?

Honecker: Unsere Studierenden sollen die Freiheit haben, ihre Religion auszuüben. Ein Raum der Stille ist kein Gebetsraum. Religiöse Studierende, egal welcher Konfession, müssen akzeptieren, dass sich dort auch Leute zurückziehen, die nur zur Ruhe kommen wollen und vielleicht Atheisten sind. Gleichzeitig muss man nicht in jeder religiösen Handlung einen Wunsch zum Missionieren sehen. Nach den Vorkommnissen der Silvesternacht in Köln droht der Islam unter einen Generalverdacht zu geraten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

ZEIT: An anderen Hochschulen wurden Räume der Stille und Gebetsräume geschlossen. Was denken Sie darüber?

Honecker: Es gibt immer noch viele Räume der Stille an deutschen Unis. Wir probieren das aus. In zwei Jahren werden wir bewerten, ob die Idee richtig war. Klar ist: Wenn es Konflikte gibt, setzen wir unser Hausrecht durch. Das fängt beim Verweis an und endet in der Schließung des Raumes.

Contra: "Freitags kamen 500 Personen zum Gebet mit Imam"

DIE ZEIT: Warum schließen Sie an der TU Berlin den Gebetsraum für Muslime?

Christian Thomsen: Eine staatliche Universität ist ein weltanschaulich neutraler und unparteiischer Ort, an dem der wissenschaftliche Diskurs im Mittelpunkt steht. Sie ist kein Ersatz für eine Moschee. Bei uns haben sich freitags mehr als 500 Personen zum Gebet mit Imam versammelt, den kleinen Gebetsraum nutzten täglich mehr als 100 Männer. Allein hinsichtlich Versammlungsrecht und Brandschutz hätten wir längst eingreifen müssen. Ausreichend Räume für die Religionsausübung von Hunderten von Menschen können und wollen wir nicht zur Verfügung stellen, zumal wir dadurch eine Religion bevorzugen und das Neutralitätsgebot des Grundgesetzes verletzen.

ZEIT: Welche Reaktionen bekommen Sie?

Thomsen: Bundesweit gab es großes Interesse und zu über 90 Prozent Zustimmung. Und es gab keine Pegida-Stimmung! Natürlich sind die betroffenen Personen enttäuscht, weil es praktisch ist, Vorlesung und Gebet an einem Ort durchzuführen. Rund 600 Studenten sendeten mir eine Petition. Daraufhin habe ich mich mit vier muslimischen Studentenvereinen getroffen. Wir werden sehen, welche Erfahrungen wir nun sammeln, und treffen uns erneut.

ZEIT: Welche Rolle sollten Weltanschauungen an einer öffentlichen Institution spielen – und wie passen sie zum Leitbild der Universität?

Thomsen: Diversität ist uns wichtig. Wir waren eine der ersten Unis, die ein Programm für Geflüchtete hatten. Das zeigt unsere Willkommenskultur und den Integrationswillen. Beides geht auch ohne die Bevorzugung einer bestimmten Religion.

ZEIT: Die Uni zu Köln möchte einen Raum der Stille eröffnen. Wäre das auch etwas für die TU?

Thomsen: Ich kenne das Konzept von Köln nicht. Ich will nicht ausschließen, dass wir in ein paar Jahren über einen un- oder überkonfessionellen Raum nachdenken. Jetzt ist das für uns keine Option.