Der Dramatiker Roland Schimmelpfennig © Heike Steinweg

Roland Schimmelpfennig ist einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Dramatiker Deutschlands. Seine Stücke werden in mehr als 40 Ländern aufgeführt, sozialkritische, menschheitsparabelhafte Texte sind das. Nun hat der 1967 geborene Autor seinen ersten Roman veröffentlicht, der es gleich auf die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse geschafft hat.

Wieso auch nicht: Von einem versierten Theaterschriftsteller wie Schimmelpfennig kann man erwarten, dass er seinen Stoff gefällig arrangieren kann, auch in einem anderen Genre. Aus lose miteinander verwobenen Miniaturen schafft Schimmelpfennig einen Erzählreigen, in dem das Unheimliche ins Betongrau des Berliner Winters einzieht.

Ein Junge und ein Mädchen reißen von zu Hause aus, ihre Eltern suchen nach ihnen. Ein polnischer Bauarbeiter wird von seiner Freundin betrogen. Eine Greisin verlebt ihre letzten Stunden im Erdgeschoss eines Abrisshauses, ein Pärchen kämpft nicht nur ums Überleben seines Kiosks, sondern auch um das Überleben seiner Beziehung.

Der Winter bereitet ein entrücktes Gelände für die Härte und Kälte einer desillusionierten Gesellschaft, in der Investoren Wohnungen räumen lassen, junge Liebe verraten wird und Träume von einem guten Leben lange schon zerschellt sind. In diesem Klima streift ein Wolf umher, der die Stadt in vorapokalyptischen Aufruhr versetzt.

Eine typische Passage bei Schimmelpfennig klingt so: "Sie legte sich in die Badewanne. Der Junge kam nicht zurück. Sie wartete weiter. Sie machte einen großen Fernseher an und sah Zeichentrickfilme. Um sechs war noch niemand da." In dieser tiefgefrosteten Temperatur geht es immer so fort.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Wenn es einen Stil der Kälte gibt, dann ist es die Lakonie. Und weil hier durchweg Minusgrade herrschen, ist An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein lakonisches Buch. Es bedarf allerdings einiger Fantasie, um sich vorzustellen, was an diesem Roman preiswürdig sein könnte. Weder überzeugt Schimmelpfennigs Versuch, der Alltäglichkeit kleine Dramen abzugewinnen, noch das metaphorisch ausgetretene Terrain des Winterwundenlandes, in dem jegliches Miteinander erkaltet.

Vor allem, da Schimmelpfennigs Buch sprachlich ein einziges Ärgernis ist. So deutlich man die stilistische Absicht erkennt, so deutlich spürt man auch die Anstrengung, die den blutleeren Hauptsätzen zugrunde liegt. Wo jede Zeile, jeder Satz unter existenzieller Kälte erzittern sollen, verwandelt sich Lakonie in pathetisches Geraune, das unentwegt mit seinen Leerstellen kokettiert, bis das Ungesagte vom Nichtssagenden nicht mehr zu unterscheiden ist.

Das alles kann man konsequent nennen. Ebenso Schimmelpfennigs Tendenz zum Phrasenhaften, in dem jemand in eine Depression "rutscht" und Dinge andauernd "Sinn machen". Oder seine Umständlichkeit, die Mutter des entlaufenen Mädchens durchgängig "die Mutter des Mädchens", den Vater des Mädchens "den Vater des Mädchens" zu nennen. Das erzeugt im besten Fall nur unfreiwillige Komik. Wenn die Mutter des Mädchens in einer Rückschau den Vater des Mädchens kennenlernt, obwohl es das Mädchen, deren Eltern sie später sein werden, noch gar nicht gibt. Schlimmstenfalls ist es Geröll: "Die Mutter des Mädchens saß eine Stunde an dem langen, schweren Küchentisch. Sie hatte ihren früheren Mann, den Vater des Mädchens, nicht angerufen, als das Mädchen weggelaufen war."

Zwar wird jede Straße im Prenzlauer Berg Falkplan-genau benannt, aber im Grunde geht es Schimmelpfennig nur darum, zu zeigen, dass der wahre Wolf der Mensch ist und die eigentliche Wildnis die Großstadt, in der die Dinge ihren Lauf nehmen: Ein Alkoholiker wird rückfällig, ein Gewehr geht los, Menschen suchen Menschen und finden sie manchmal sogar, und der Wolf taucht auf und verschwindet wieder spurlos. Zwischendurch fallen Sätze wie dieser: "Alles war falsch, seit Jahren, das begriff er plötzlich, aber es gab auch Dinge, die richtig waren", was das Neblige ganz gut beschreibt, das der Roman in seinem pompösen Minimalismus ausbreitet.

Während der eisige Wind der Moderne durch den Prenzlauer Berg pfeift, kommt in diesem Roman nahezu alles zusammen, was an Teilen der deutschen Gegenwartsliteratur so nervt: die Fantasielosigkeit, die gern mit Subtilität verwechselt wird. Die protestantische Abneigung gegen alles Ornamentale. Die Gegenwartsdiagnose, die im unheilvollen Raunen ihr Genügen findet. Die habituelle Verweigerung jeglichen Humors und Witzes, da Kunst ja in Wahrheit eine ernste Angelegenheit ist. Und, natürlich, irgendwas mit Berlin, weil man dort eben wohnt.

Ein außerliterarischer Trost: Bald kommt der Frühling.

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016; 256 S., 19,99 €, als E-Book 18,99 €