Wenn die Minenleute oben am Gipfel anfangen zu sprengen, bebt unten die Erde. Dann senkt sich die erste Staubwolke ins Tal: herab auf Flüsse, Wälder, Dörfer und Menschen. So geht es immer weiter, wieder und wieder, bis der Berg schließlich geköpft ist. Und der Schatz im Inneren ausgebeutet werden kann.

"Mountaintop Removal Mining" (MTR) heißt die brutalste, zerstörerischste Technik zum Kohleabbau. In den Appalachen, der Gebirgskette im Osten der USA, roden die Grubenbetreiber ganze Berggipfel. Dann sprengen sie die Kuppen ab: so lange, bis sie an die Flöze darunter kommen. Das ist billiger als der aufwendigere Abbau unter Tage. Dafür verwandeln die Ausbeuter intakte Ökosysteme in kahle Mondlandschaften. Sie kippen den Abraum oft in nahegelegene Täler, nehmen in Kauf, dass die Natur mit Schwermetallen oder anderen Giftstoffen verseucht wird. Und von diesem schmutzigen Geschäft erhoffen sich auch zwei deutsche Großkonzerne Profite: RWE und die Deutsche Bank.

Wie die Naturschutzorganisationen urgewald und Rainforest Action Network (RAN) entdeckt haben, ist der Essener Energiekonzern seit knapp vier Jahren Miteigentümer der Blackhawk Mining LLC. Das ist die Nummer eins in diesem kontroversen Geschäft. Als sich die RWE-Konzerntochter RWE Trading Americas 2012 mit 25 Prozent beteiligte, war Blackhawk noch ein überschaubares Familienunternehmen. Doch mit dem Einstieg von RWE und mithilfe der Deutschen Bank startete es eine Expansion ohne Beispiel. 2015 war Blackhawk laut Daten der US-Minen-Aufsichtsbehörde und nach Informationen des Rainforest Action Network der größte Gipfelbergbauer der USA, mutmaßlich gar der gesamten Welt. Und RWE hält noch immer knapp zehn Prozent der Anteile. Ausgerechnet RWE.

Ist es RWE tatsächlich ernst mit dem Neuanfang? Jahrelang hat Europas größter Kohlendioxid-Emittent die Energiewende verschlafen, hat weiter auf Kohle und Atomstrom statt auf Erneuerbare gesetzt – und sich so selbst die größte Krise der Unternehmensgeschichte miteingebrockt. Nach immer neuen Milliardenabschreibungen und -verlusten hat Vorstandschef Peter Terium gelobt, RWE radikal umzubauen. Er will das Geschäft mit regenerativer Energie und anderen vermeintlich zukunftsträchtigen Bereichen in einer neuen Tochtergesellschaft bündeln – und zum Teil an die Börse bringen. Am 20. April sollen die Aktionäre auf der Hauptversammlung seinen Plan gutheißen. Terium persönlich will die "grüne" Tochter leiten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Doch das Mountaintop-Removal-Geschäft ist ganz und gar nicht öko. Mehr als 500 Berggipfel in den Appalachen sind schon weggesprengt worden, Flussläufe verschwunden. Sofern die Gebiete wieder renaturiert werden, dauert es Jahrzehnte, und es wird nie mehr, wie es war. Für die Anwohner noch weitaus bedrohlicher sind die Giftstoffe, die beim Sprengen und Verklappen des Abraums freigesetzt werden.

"Das Risiko schwerer Erkrankungen wächst erheblich, wenn man in der Nähe von MTR-Minen wohnt", sagt Michael Hendryx. Der Professor für Gesundheitswissenschaft an der Indiana University erforscht seit Jahren die Auswirkungen des Gipfelbergbaus auf Menschen. Unter anderem hat er Staubproben aus Nachbarorten von Minen genommen und im Labor an Lungenzellen getestet. Heraus kam: Der Staub ist potenziell krebserregend.

Erheblich steigt laut Hendryx auch die Gefahr von Nervenschäden sowie Herz- und Magen-Darm-Krankheiten. Hier hätten Nichtraucher in der Nachbarschaft von MTR-Minen ein höheres Risiko als Raucher, die abseits lebten. Und am meisten Unbehagen bereiten dem Forscher die Folgen für werdende Mütter und ihre Kinder. "Wenn eine Frau in der Schwangerschaft raucht, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Herzschadens beim Baby um 30 Prozent", sagt Hendryx. "Wenn eine schwangere Frau in der Nähe einer MTR-Mine lebt, steigt die Wahrscheinlichkeit um mehr als 180 Prozent."