Das Licht kam wieder einmal aus dem Osten, ex oriente lux: Indische und islamische Mystik inspirierten den Jazz der sechziger und siebziger Jahre zu improvisatorischen Himmelfahrten. Viele afroamerikanische Musiker konvertierten zum Islam, manche schon während der Bebop-Ära, der Schlagzeuger Art Blakey etwa oder der Flötist Yusef Lateef. Im Orient und in den Kulturen des Fernen Ostens erblickten sie, ebenso wie in der neu entdeckten afrikanischen Tradition, eine Quelle transzendentaler Weisheit – und neuen schwarzen Selbstbewusstseins.

Stets war der "Spiritual Jazz" beides: von großer Innerlichkeit und rebellisch, religiös und politisch. Er verhieß Befreiung von irdischen Fesseln und der eigenen blutigen Leidensgeschichte. Erst im Kollektivspiel des Free Jazz und des Spiritual Jazz, meinen viele, wurde die Musik wirklich und wahrhaftig "schwarz", denn erst jetzt löste sie sich vollends vom Diktat der europäischen Funktionsharmonik.

Doch sosehr es die Jazz-Avantgarde in die Ferne und ins Freie zog und sosehr sie den Islam für eine Religion hielt, die – anders als das "weiße" Christentum – frei von Rassismus sei: Die schwarzen Kirchengemeinden in den USA blieben nicht nur wichtige Stätten des afroamerikanischen Widerstands, sondern auch der musikalischen Selbsterkundung und spirituellen Gemeinschaftserfahrung.

Das Londoner Jazzman-Label erinnert an die christlich-spirituelle Unterströmung im Jazz der sechziger und siebziger Jahre nun mit der Wiederveröffentlichung einer Platte, die auf betörende Weise beides zusammenführt: afrikanische Rhythmik und außereuropäische Skalen auf der einen Seite, Gospeltradition und katholische Liturgie auf der anderen. Contemporary Jazz Mass, "zeitgenössische Jazzmesse", lautet der programmatische Titel dieses im Grundton meditativen, von perlendem E-Piano, verführerischer Perkussion und Kirchenchorgesang getragenen Albums. Erschienen ist es 1974 als Privatpressung auf dem Label des Bandleaders und Pianisten James Tatum in Detroit, Auflage: 5000 Stück.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Die Wiederveröffentlichung der LP bildet einen vorläufigen Höhepunkt in der unermüdlichen musikhistorischen Wühlarbeit der britischen jazzmen. Vor neun Jahren brachten sie erstmals eine Zusammenstellung rarer Spiritual-Jazz-Einspielungen heraus; eröffnet wurde sie mit dem ersten Stück des faszinierenden James-Tatum-Albums. Mittlerweile steht die sechste Ausgabe der bewegenden Reihe im Regal.

Spiritual Jazz eignet sich nicht als Klangkulisse zum Yoga

Es sieht aus, als habe das kleine Label damit eine große Welle angestoßen. Das Interesse an den spirituellen Musiken aus jener Zeit ist jedenfalls ausgeprägter denn je. Seit Monaten erscheint eine Wiederveröffentlichung nach der anderen: Da gibt es klassische Aufnahmen wie die Karma- LP des Coltrane-Schülers Pharoah Sanders oder das zwischen indischem Aschram und Stockhausen mäandernde Meisterwerk Universal Consciousness von Alice Coltrane, aber auch neu aufgelegte Alben eher unbekannter Künstler – vom ehemaligen Trompeter des Sun Ra Arkestra und Meister des afrikanischen Daumenklaviers Phil Cohran etwa oder von den Afro-Jazzern Ndikho Xaba and the Natives.

Mit einer effektvollen Neuinterpretationen des spirituellen Jazzsounds von einst füllt unterdessen der Saxofonist Kamasi Washington die Konzertsäle in Amerika und Europa. Weit ausgreifende Melodielinien, die gereckte Faust als Geste von Black Power und – auf dem gefeierten Dreifach-Album The Epic – ein zwanzigköpfiger Chor: Kamasi Washingtons Musikerkollektiv aus Los Angeles führt den Jazz zurück in seine religiös-revolutionäre Sturm-und-Drang-Phase. Der Südafrikaner Tumi Mogorosi etwa oder der Brite Nat Birchall (beide auf Jazzman) huldigen seit einigen Jahren denselben Jazzheroen und bemühen sich, deren Erbe in unsere post-postmoderne Gegenwart zu retten.