Die Bahn rattert durch den Regen. Über den Landungsbrücken hängt grauer Dunst, die Barkassen liegen träge und ein bisschen ratlos in den Fleeten vor Anker. Mahler starrt aus dem Fenster und sieht sein Gesicht in der Scheibe, sieht, wie er den Kopf schüttelt, immer wieder schüttelt, und wie ihm dabei eine Strähne seines blonden Haars in die Stirn fällt. Mahler wippt mit dem rechten Bein, trommelt mit den Fingerspitzen auf die Oberschenkel, trommelt den Rhythmus eines Beatles-Songs, Penny Lane, oder Hey Jude, so genau weiß er das nicht. Seine Füße sind nass, glaubt er, zumindest der rechte, die Sohlen der alten Lederstiefel sind schon durchlässig. Er sollte sich mal neue kaufen, denkt er.

"Ich werde ihn verklagen!", murmelt Mahler entschlossen. "Verklagen vor Gericht! Ich suche mir einen Anwalt, und dann verklage ich ihn." Die anderen Fahrgäste schauen ihn skeptisch an. Die ältere Dame mit dem Yorkshire-Terrier auf dem Schoß rückt ein wenig von ihm ab. Mahler merkt es nicht.

Mahler ist auf dem Weg zu seinem Therapeuten, und Mahler ist wütend. Gestern traf er Bine auf der Straße. Bine, diese schöne kleine Schauspielerin, mit der er ein paar Mal geschlafen hatte, in die er sich, ja, er wagt es zu denken, in die er sich so sehr verliebt hatte, die er anhimmelte, mit ihrem kinnlangen schwarzen Pagenschnitt und diesen tiefblauen Augen, die Mahler den Verstand raubten. Bine, die immer wieder beteuerte: "Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben, aber ich kann nicht, ich kann mich nicht richtig auf dich einlassen. Ich kann es einfach nicht, ich habe Angst." Dabei drehte sie den Kopf zur Seite und schloss die Augen. Bine, die immer wieder von ihren selbstzerstörerischen Tendenzen redete, und die Mahler so gern heilen wollte. Bine, die so grazil und zauberhaft war, sobald sie eine Bühne betrat, und die dann immer in sich zusammensank wie ein kleines, scheues Tier, wenn er sie nach ihren Vorstellungen in eine Kneipe begleitete.

Er will Bine für sich. Warum und wofür, das weiß er nicht so genau, aber er will sie nicht länger teilen. Gestern auf der Straße hatte sie einen anderen Mann dabei, einen großen, kantigen Typen in St.-Pauli-Sweater und klobigen Turnschuhen. Mahler war sich kläglich vorgekommen in seinen durchlässigen Stiefeln und seiner himmelblauen Schlaghose. Er war nicht klein, nein, das kann man nicht sagen, aber der St.-Pauli-Typ überragte ihn um einen ganzen Kopf. Und Mahler schaut nicht gern nach oben.

Mahler ist Musiker und mag sein Leben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17. März 2016.

Mochte, denkt er, ich mochte mein Leben. Und dann kam Bine und ihre Selbstzerstörung und all das Gerede darüber, dass er "Issues" habe. Was sollte das eigentlich heißen, "Issues"? Bindungsgestört, hatte Bine gesagt. "Du bist halt auch so’n Bindungsgestörter. Sind wir alle, in unserer Generation." Mahler will das nicht glauben. Er will sich doch binden und am liebsten an Bine.

"Du hast ganz viel verdrängt", hatte Bine vor ein paar Monaten gesagt. Er hatte neben ihr im Bett gelegen und sie im Arm gehalten. Er roch an ihrem Haar, Pfirsich und Lavendel, und sie redete von Verdrängung. Mahler nickte und bemühte sich, zuzuhören. Bine mochte es, wenn man ihr zuhörte. "Du hast dich ja überhaupt noch nicht von deinen Eltern gelöst! Du machst immer nur alles, um deiner Mama zu gefallen." Mahler nickte und atmete Pfirsichduft ein.

Die Bahn hält an, die Dame mit dem Terrier steigt aus. Das Abteil wird leerer, sie bewegen sich langsam in Richtung Norden, wo keine Touristen mehr hinwollen. Mahler hat noch sechs Stationen vor sich und trommelt wieder den Lennon-Rhythmus. Ja, es ist Penny Lane, da ist er sich jetzt ganz sicher. Er schaut hinaus in den Regen, der ein bisschen weniger wird, und denkt an seine Eltern. Seit 38 Jahren verheiratet und, wie Mahler glaubt, glücklich.

Sie hatten ihm alles gegeben, dem einzigen Kind, hatten ihm früh Klavier- und Gitarrenunterricht ermöglicht, ihm ohne nachzufragen erlaubt, die Schule kurz vor dem Abitur abzubrechen, weil er mit seiner Schülerband auf Tour gehen wollte. Sie hatten ihm die Miete gezahlt und ihm ein Auto gekauft. Eine glückliche Kindheit, mit allem, was dazugehört, im Hamburger Umland unter Apfelbäumen. Warum sollte er da bindungsgestört sein?

Bine hatte die Nummer eines Therapeuten rausgesucht, den sie kennt, und hatte Mahler das Telefon in die Hand gedrückt. Sie war aufgestanden aus dem Bett, hatte Mahler einen Kuss auf die Stirn gedrückt, nackt vor ihm gestanden und gesagt: "Das ist jetzt mein Abschiedsgeschenk für dich. Vielleicht hilft es dir. Du hast es bitter nötig." Mahler wollte sagen, dass Bine es doch viel eher brauchte, das Therapieren, dass sie doch immer von ihrer Selbstzerstörung redete. Doch er brachte es nicht übers Herz. Er wollte Bine heilen und sie ihn. Das musste doch Liebe sein, da musste sich doch etwas machen lassen. Mahler wählte die Nummer.