Die Autorin und Journalistin Antonia Baum © Mathias Bothor/photoselection

Im vergangenen Jahr hat die Journalistin Antonia Baum einen Roman veröffentlicht, der von drei Geschwistern handelte, die sich Sorgen um ihren leichtsinnigen Vater machen. Zwei Wochen vor der Veröffentlichung des Romans verunglückte ihr eigener Vater, mit dem die Romanfigur viel gemeinsam hatte, bei einem Motorradunfall schwer.

Auf einmal war es die Realität, die die Literatur nachahmte: "Mein Vater lag noch immer auf der Intensivstation, das Buch erschien, und ich wurde in Interviews gefragt, inwieweit es autobiografisch sei. Es war ein schlechter Witz, eine super-realistische Verarschungsparty mit mir als taumelnder Gastgeberin."

In ihrem neuen Buch Tony Soprano stirbt nicht schaut Antonia Baum nun ihrer eigenen Schockstarre zu: Als die Geschwister zum Vater ins Krankenhaus fahren, machen sie auf der Autobahn launige Witze, als läge nichts Besonderes an. Als sie sich an seinem Bett versammeln, sehen sie lediglich einen fremdartigen, versehrten Körper vor sich, der von Maschinen am Leben gehalten wird, den sie aber nicht mit der Person ihres Vaters in Verbindung bringen. Reflexartig gleicht die Erzählerin die Situation mit Filmen ab, in denen sie so etwas schon einmal gesehen hat. Auch Tony Soprano lag ein paar Folgen lang auf der Intensivstation.

Dass alle um einen Patienten herumstehen und aufgeregt über alles Mögliche sprechen, nur nicht über den Patienten, ist ein vertrautes Muster in der deutschsprachigen Literatur, und oft heißt der Patient Deutschland. Deshalb ist die Versuchung groß, auch Tony Soprano stirbt nicht als Analogie auf gesellschaftliche Verhältnisse zu lesen, auf die Einfalt der Netzwerke und die Selbstbezogenheit der Deutschen.

Andererseits lag die Radikalität von Antonia Baums Texten bislang eher darin, ausdrücklich nicht über sich hinauszuweisen. Das ist in diesem Fall nicht anders. Ihre Trauerbewältigung ist kein Stilmittel, sondern tatsächlich das Thema. Und das ist interessant genug: Tony Soprano stirbt nicht ist eine Erzählung, die einerseits um den möglicherweise bevorstehenden Tod des Vaters kreist, in der es andererseits aber fast ausschließlich um das Leid der Tochter geht. Ein durch und durch narzisstisches Buch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

Was nicht heißt, dass es einen beschränkten Horizont hat, ganz im Gegenteil: Es ist außergewöhnlich intelligent und einfühlsam. Allerdings richtet die Erzählerin ihre Empathie nicht wie Susan Sontag auf ein leidendes Gegenüber, sondern auf das leidende Selbst. Die zentrale Frage lautet: Wie geht es mir? Es ist ein bisschen, als schaue man der Therapiegesellschaft beim Selbstgespräch zu, also alles in allem ziemlich angenehm und voller interessanter Einsichten.

Am Anfang stellt Antonia Baum fest, dass sich das Unglück ihres Vaters nicht so anfühlt, wie es in Büchern geschrieben steht, unter anderem ja ihrem eigenen. Und dass einen mediale Erfahrungen für den Umgang mit der Wirklichkeit kaum rüsten: "Ich, das soziale Milieu, aus dem heraus ich schreibe (das beruhigte, den Ausgleich suchende Milieu, in dem Zwischenfälle und Unwägbarkeiten nicht vorgesehen sind und aus dem heraus die meisten Geschichten geschrieben werden), ich habe alle Probleme in meinem Kopf." Für echte Schocks aber, stellt sie jetzt fest, fehlt ihr die Sprache. Und was man nicht formulieren kann, existiert nur zur Hälfte.

Als wolle sie sich die Trauer erarbeiten, die sie von sich selbst erwartet, schreibt Antonia Baum deshalb in den Wochen nach dem Unfall jeden Tag. Über die Sprechweise der Ärzte, ihre Geschwister, die Neonröhren an den Decken der Krankenhausflure und Joan Didion. Weil man eine Empfindung erst dann wirklich wahrnimmt, wenn man sie formulieren kann, tastet sie sich schreibend an den Umstand heran, dass ihr Vater den Unfall womöglich nicht überleben wird.

Sie bildet sorgsam so lange alles ab, bis nur noch über eines nicht gesprochen wurde: dass der Tod des Vaters die Erzählerin den Verstand kosten könnte. Das ist das Schwarze Loch dieser Erzählung, ihr gravitätisches Zentrum. Wie es über die gesamte Distanz den Ton prägt, ohne ein Mal ausgesprochen zu werden, das ist absolut gekonnt.

Antonia Baum: Tony Soprano stirbt nicht
Roman; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2016; 144 S., 18,– €,
als E-Book 13,99 €