Wenn die Musik sich ändert, zittern die Mauern der Stadt. So sang einst das New Yorker Beatnik-Ensemble The Fugs. Von Jericho bis zu den Einstürzenden Neubauten ist dies das Lieblingsbild ihrer subversionsgläubigen Anhänger für die Macht der (Pop-)Musik. In Vinyl, der neuen Flaggschiff-Serie von HBO, die tatsächlich Martin Scorsese, Terence Winter (unter anderem bei The Sopranos, Boardwalk Empire und The Wolf of Wall Street) und Mick Jagger als ihre drei Erfinder verzeichnet, gelingt es den New York Dolls tatsächlich: Mit ihrer Hymne auf die Personality Crisis bringen sie das Mercer Arts Centre in Downtown Manhattan während eines Konzerts zum Einsturz. Aus dem Staub und den Trümmern schält sich der Körper von Richie Finestra (Bobby Cannavale), Besitzer der Schallplattenfirma American Century, dem diese Machtdemonstration neuer, unbändiger Musik eine Epiphanie inmitten seiner Lebenskrise verschafft hat. So endet der Einstieg in eine Serie, deren Üppigkeit immer wieder fulminant ist und die dennoch gegen einige ihrer Schwächen noch kein Mittel zu haben scheint; deren größte bleibt – zumindest nach den ersten Episoden – die Abwesenheit einer These, einer Perspektive dieses Blicks auf das Jahr 1973.

Höchstens die immer wieder sanft in Bild und Handlung geschobene Suggestion, dass quasi alles, was die Popmusik später umtrieb, seine Keime in diesem Jahr gehabt habe, könnte man als große Behauptung werten, die über die Liebe zur Rekonstruktion von Frisuren, Wohnungseinrichtungen und bekannten Fotos von Live-Auftritten bekannter Bands hinausgeht: In einem Freizeitzentrum einer Harlemer Wohnanlage entwickelt etwa ein DJ en passant die Mixtechniken, auf denen bald Hip-Hop basieren wird; erste Punkbands streunen unerkannt durch Manhattan – nur andere, ganz junge Leute verstehen sie –, und Finestra wünscht sich für sein Label "eine schlanke Ökonomie", als sei auch das neoliberale Wording der neunziger Jahre schon 1973 der Schallplattenindustrie vertraut gewesen. Die Jugend von 1973 wird inzestuöserweise von Leuten dargestellt, deren berühmte Eltern damals jung waren. Den Punksänger gibt James Jagger, seine Entdeckerin Juno Temple, die Tochter des Videoclip-Pioniers und (Punk-)Rock-Dokumentaristen Julian Temple.

Rock, Koks und Testosteron zirkulieren durch den Macho-Metabolismus

Natürlich kann man nach der Logik von Vorläuferschaft und Urquellsuche immer jemanden finden, der irgendetwas avant la lettre war, doch das wird schnell beliebig: Finestra sagt ganz richtig, dass die Nasty Bits mit Mick Jaggers Sohn als Richard-Hell-Verschnitt "MC5-ish" klängen, also nach einer noch früheren Band. Hip-Hop-Vorläuferschaften zu Blockpartys der mittleren Siebziger zurückzuverfolgen ist nicht ganz abwegig – aber auch 1979 hat sich noch kaum jemand in Manhattan, geschweige denn die schläfrige Plattenindustrie für Vorgänge in Harlem und der Bronx interessiert. Wie ja auch Punk, in den ersten Episoden als die Rettung der Musikindustrie avisiert, ökonomisch nie eine Rolle gespielt hat. Der große mythische Erfolg des Musikbusiness der siebziger Jahre basierte auf der Ausbleichung und Heterosexualisierung der schwarzen und/oder schwulen Discokultur, auf dem Stadionrockbombast von Pink Floyd und anderen und schließlich der schlimmsten Musik, die je erfunden wurde: dem sogenannten AOR, Adult Orientated Rock, wofür als bekanntestes und vielleicht noch erträglichstes Beispiel Fleetwood Mac stehen.

Aber vielleicht entwickelt sich die Serie ja auch eher über den einstweilen nur dezent angespielten Zwiespalt in ihrem zentralen Charakter: Finestra stellt sich selbst einerseits als abgebrühter, semikrimineller Zyniker vor, dem es nur darum gehe, den Massen große Einheiten von Scheiße zu verkaufen, der Radio-DJs besticht und Remittenden in den Fluss kippen lässt und seinen Angestellten einschärft, statt sich mit Hippie-Scheiße (Jefferson Airplane) und Prog-Gedudel (eine Jethro-Tull-LP wird wütend zerbrochen) zu beschäftigen, Big Seller wie Abba und Donny Osmond zu achten. Andererseits erfahren wir in zahlreichen Rückblenden und durch die leuchtenden Augen im New-York-Dolls-Konzert, dass auch er einmal an die Musik geglaubt hat. Da lodert noch ein authentisches Feuer. Vielleicht wird also dieser gute alte langweilige Konflikt zwischen "Kunst und Kommerz", wie man in den Siebzigern sagte, noch zu einer veritablen Rolle für Bobby Cannavale als Richie Finestra.