Thomas ist Angestellter in der Welt des herrschenden Trotts: Er hat zwei Kinder, eine Ehefrau und ein Haus in einer Kleinstadt in der Schweiz. Es ist ein Leben, wie es durchschnittlicher nicht sein könnte. Doch eines Tages, aus unerfindlichen Gründen, kommt der Familienvater nicht mehr von der Arbeit zurück. Seine Ehefrau Astrid glaubt anfangs noch an ein Versehen. Sie beruhigt die Kinder, gibt sich Antworten, jongliert mit fadenscheinigen Erklärungen. Doch dann ist klar: Thomas ist abgehauen.

Dieses Ende eines normalen Familienlebens ist zugleich der Anfang von Peter Stamms neuem Roman Weit über das Land. In gewohnter Raffinesse porträtiert der Schweizer Schriftsteller den gescheiterten Versuch eines Mannes, eine unauffällige Rolle auf der Bühne der bürgerlichen Ordnung zu spielen. Stamm ist ein Meister der leisen Dramatik: Er spürt das Scheitern seiner Protagonisten mit einer ruhigen Sprache auf, die in feinen Beobachtungen die Schwere des Alltags trocken zu spiegeln versteht. Die Plötzlichkeit des Verschwindens, die Hilflosigkeit der Ehefrau, das Unverständnis der Nachbarn – das alles wirkt so erdrückend, weil sich Thomas’ Weggang rational nicht erklären lässt.

Wer als Leser die Motive verstehen will, muss in die Seelenwelt der eigenen Unsicherheiten abtauchen und dort diesem Gefühl begegnen, das jeden Menschen in schwachen Momenten ereilt: dem Zweifel, ob das selbst gewählte Lebensmodell das richtige ist. Plötzlich begehren Fragen auf: Was ist der Wert des Verlässlichen im Vergleich zum Abenteuer und zur Abwechslung? Wie viel wiegt die Liebe im Verhältnis zur Freiheit? Und was ist, wenn sich herausstellt, dass man sich für das Falsche entschieden hat?

Peter Stamm moralisiert nicht. Stattdessen porträtiert er abwechselnd aus Astrids und Thomas’ Perspektive, wie zwei Existenzen, die radikal auseinandergebrochen sind, sich nach dem Einsturz anfühlen. Thomas treibt sich im Schweizer Umland herum und führt ein Leben als Vagabund. In diesem Mann hat die Literatur eine Figur gefunden, die reflektiert, was familiäres Unglück im eingezäunten Gefühl der wohligen Sicherheit bedeutet – und was es heißt, aus dieser Einsicht die schmerzlichen Konsequenzen zu ziehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.

In kurzen Erinnerungen an die Vergangenheit erfahren wir, dass es in Thomas schon lange gebrodelt hat. Als Buchhalter in einem Büro machte er die Steuererklärungen von kleinen Betriebsleuten und begegnete dort ihrer existenziellen Ignoranz. "Dann saßen sie ihm gegenüber, der Schlosser oder Metzger (...). Sie redeten über Geld, über Liegenschaften und Inventare und nötige Investitionen, aber nie darüber, worum es wirklich ging. Weshalb das alles? In der täglichen Anstrengung war keine Zeit, sich solche Fragen zu stellen, vielleicht fürchteten sie sich auch davor oder sie hatten eingesehen, dass diese Fragen nicht zu beantworten waren und deshalb nicht gestellt werden durften. Thomas wusste nicht, ob er sie dafür bewundern oder verachten sollte."

Astrid wiederum muss sich mit der Leere konfrontieren, die ihr Mann hinterlassen hat: dem vereinsamten Frühstückstisch, der Trauer der Kinder. "Manchmal fragte sie sich, ob Thomas ein anderes Leben gewählt hätte, wenn sie kein Paar geworden wären." Irgendwann versucht sie, ihr Leben neu einzurichten. Und dennoch: Ganz vergessen kann sie ihren Ehemann nicht. Ob er jemals zurückkommt, ist eine Frage, die Peter Stamm in diesem wunderbaren, schmerzlichen Roman lange Zeit offenlässt.

Peter Stamm: Weit über das Land. Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016; 224 S., 19,99 €, als E-Book 18,99 €