Alexander Van der Bellen und der Flüchtlingspass seines Vaters

Nur wenige Tage nachdem die Bolschewiken im November 1917 in Petrograd die Macht übernommen haben, geraten zwei Gymnasiasten in der nordwestrussischen Provinzstadt Pskow in Streit. Der eine, Anatoli Rosenbljum, brennt für die Revolution. Der andere ist ein junger Aristokrat: Alexander von der Bellen. Der Spross einer einflussreichen Familie argumentiert ruhig und bedächtig. Er ist überzeugt davon, dass sich das Militär bald gegen Lenin erheben wird. Rosenbljum kann die bürgerlichen Argumente nicht mehr hören und gerät immer mehr in Rage, so erzählt der sowjetische Schriftsteller Wenjamin Kawerin in seinen Memoiren. Schließlich brüllt der Anhänger der Revolution: "Noch ein Wort und ich erschieße dich!" Kurz zuvor hätte diese Drohung unter den Schülern Lachen ausgelöst. Doch die Zeiten sind nun andere. Der selbstsichere von der Bellen bekommt es mit der Angst zu tun, murmelt etwas vor sich hin und geht. Es war der Beginn vom Ende der Familie von der Bellen in Russland.

Während Rosenbljum 1938 dem stalinistischen Terror zum Opfer fällt, stirbt der Aristokrat 1966 nach einer Odyssee durch Europa in Innsbruck. Zweimal mussten er und seine Familie flüchten und verloren alles; zweimal haben sie sich wieder hochgearbeitet. Nun schickt sich der Sohn an, in Österreich ganz nach oben zu kommen und kandidiert für das Amt des Bundespräsidenten. Dabei nutzt er im Wahlkampf auch seine Herkunft.

Die Familiengeschichte ist dem Flüchtlingskind Alexander Van der Bellen aber nur bruchstückhaft bekannt, die Eltern sprachen wenig über die eigene Vergangenheit. Wer sie erkunden will, muss in estnischen und russischen Archiven wühlen, Verwandte besuchen und alte Familienalben ausgraben.

Begonnen haben soll alles mit einem holländischen Glaser, der, so erzählt es die Familienlegende, 1763 in das Zarenreich zog. Seine Nachkommen arbeiten sich zur Elite im Gouvernement Pskow hoch und werden in den Adelsstand erhoben. Alexander, der 1859 geborene Großvater des grünen Politikers, wird zur Jahrhundertwende zum Vertreter der lokalen Semstwo gewählt, einem Selbstverwaltungsorgan von Großgrundbesitzern. Ab 1913 leitet der liberale Aristokrat das Gremium. Nach der Abdankung des Zaren im Februar 1917 ernennt ihn die bürgerliche Übergangsregierung Russlands zum Leiter der Lokalregierung in Pskow. Er führt die Regierungsgeschäfte und befehligt die Polizei. Aus gesundheitlichen Gründen tritt er kurz vor der Oktoberrevolution zurück.

An Flucht denkt Alexander senior zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wie sein Sohn dürfte er gehofft haben, dass Lenin bald wieder Geschichte ist. Tatsächlich übernehmen die Bolschewiken in Pskow anfänglich nur bedingt die Macht. Die Stadt wird zunächst von Deutschen besetzt, später im Bürgerkrieg abwechselnd von Roten und Weißen kontrolliert. Noch am 18. Oktober 1918, während der deutschen Besatzungszeit, verlängert das Familienoberhaupt, so lässt sich im Pskower Regionalarchiv nachlesen, seine Haushaltsversicherung.

Für den Neustart ändert die Familie ihren Namen: Aus "von" wird "Van"

Einige Monate später hat sich die Lage verschärft: Bevor die Bolschewiken im Sommer 1919 endgültig Pskow erobern, flüchten der ehemalige regionale Regierungschef, seine Gattin und die drei Söhne Georg, Alexander und Konstantin in das benachbarte Estland. Warum die zwei Töchter zurückgelassen werden, ist das große Rätsel der Familiengeschichte. Sie folgen erst 1922 und erleiden ein tragisches Schicksal: Irina wird 1928 von einem Liebhaber in Tallinn erschossen, Natalie stirbt 1946 in Wien – womöglich an den Folgen einer Behandlung in der Psychiatrie am Steinhof.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 14 vom 23.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Für den Neustart ändert die Familie ihren Namen: Das "von" wird durch "Van" ersetzt, man beruft sich auf die holländischen Wurzeln. Im historischen Archiv in Tartu liegt ein Brief, in dem der Vater des früheren grünen Bundessprechers seine Universität darüber aufklärt, dass das holländische "Van" auf eine bürgerliche Herkunft verweist. In allen offiziellen Dokumenten geben die Familienmitglieder an, Holländer zu sein – vermutlich erwartet man, als Russe benachteiligt zu werden.

Auch in Estland ist die Angst der Familie vor den Sowjets groß. Als sich der älteste Sohn Georg, der Onkel des österreichischen Politikers, im Winter 1919/20 bei Waldarbeiten über die Grenze nach Sowjetrussland verirrt, wird er verhaftet. Während der Überstellung nach Pskow wagt er einen lebensgefährlichen Fluchtversuch und läuft in der Dunkelheit stundenlang über das dünne Eis des Tschudensees.

Der Neubeginn ist schwierig. Patriarch Alexander senior stirbt 1924, Georg wenige Jahre später in New York. Dessen Versuch, Rebhühner in den USA zu züchten, war zuvor gescheitert. Der jüngste der Brüder, Konstantin, kann sich mit großen Schwierigkeiten ein Medizinstudium finanzieren.

Erfolg in der neuen Heimat hat der zweite Sohn, Alexander Van der Bellen, der Vater des Präsidentschaftskandidaten. Er ist ehrgeizig, lernt Sprachen und studiert Wirtschaft an der Universität Tartu. 1922 bricht er zu einer Vortragsreise auf und erzählt an niederländischen und englischen Universitäten von den Nöten russischer Studenten in der Emigration. Nach seinem Studienabschluss übernimmt er die Leitung einer Holzexportfirma auf einer estnischen Insel. Laut den handgeschriebenen und unveröffentlichten Memoiren seines Bruders Konstantin wechselt er Anfang der 1930er Jahre in die Hauptstadt Tallinn und ist dort als Manager der British Overseas Bank für internationale Kreditgeschäfte zuständig. 1934 gibt er seinen Flüchtlingspass ab und wird estnischer Staatsbürger.

Die Van der Bellens gehören nun zur bürgerlichen Elite des Landes. Doch wieder sorgt die große Politik für Ungemach. Im geheimen Zusatzprotokoll des Molotow-Ribbentrop-Paktes wird Estland der sowjetischen Einflusssphäre zugesprochen. Als im Juni 1940 die Rote Armee in Tallinn einmarschiert, urlauben Alma und Vivian-Diana Van der Bellen, die Mutter und Schwester des Hofburgkandidaten, gerade im schicken Seebad Pärnu, berichtet eine Lokalzeitung. Für den Vater wird es eng. Mit der Einführung des sowjetischen Wirtschaftssystems stellt seine britische Bank im Sommer ihre lokalen Aktivitäten ein. Außerdem wächst die Gefahr, als "sozial feindliches Element" verhaftet und deportiert zu werden. Spätestens im Herbst 1940 beginnen die Fluchtvorbereitungen. Am 23. Oktober 1940 ersucht Van der Bellen in einem Schreiben die Universität Tartu, ihm seine Geburtsurkunde aus dem Studienakt zu retournieren.

Doch Möglichkeiten zur Emigration gibt es zunächst keine. Erst mit der Unterzeichnung eines deutsch-sowjetischen Abkommens im Jänner 1941 taucht die Chance auf, sowjetisches Territorium zu verlassen – als vermeintliche Deutsche, die heim ins Reich kehren.

Im Februar oder März 1941 ist es so weit. Die Namen von Alexander, seiner Gattin Alma, der Tochter Vivian-Diana sowie seiner Mutter Adele und der Schwester Natalie stehen auf der Passagierliste eines Bahntransports von Tallinn nach Laugazargen in Ostpreußen. Zurück bleibt Alexanders jüngster Bruder Konstantin, der aus familiären Gründen nicht mitkommen will. Es ist ein Abschied für immer, der Kontakt zwischen den Brüdern bricht ab. Konstantin bleibt als Arzt von den Behörden unbehelligt. Trotzdem soll unter seinem Schreibtisch noch jahrzehntelang ein Seesack mit dem Nötigsten für eine Flucht bereitgelegen haben, erzählt seine Tochter Irina.

"Meiner lieben Tante Vera von deinem Saschinka"

Über ein Lager in Werneck nördlich von Würzburg kommen die emigrierten Van der Bellens nach Wien. Hier findet Alexander Arbeit in einer Außenhandelsfirma. Und hier kommt im Jänner 1944 auch der künftige Politiker zur Welt, der den Namen seines Vaters und Großvaters erhält. Doch die Ruhe währt nur kurz. Die Rote Armee ist im Anmarsch, und die Van der Bellens müssen wieder flüchten. Zu groß ist die Furcht davor, in die Sowjetunion verschleppt zu werden. Zum Jahreswechsel 1944/45 sollen sie einige Wochen in Laussa in Oberösterreich gewesen sein. Die Nazibehörden quartieren die Familie schließlich im Zollhaus von Feichten im Tiroler Kaunertal ein.

Geschäftsmann Van der Bellen beginnt nun wieder damit, eine bürgerliche Existenz aufzubauen. 1948 gründet er einen Handelskontor in Innsbruck und beschäftigt sich mit dem Export von Erzeugnissen der chemischen Industrie. Für den Vorwurf, er sei ein "hochrangiger Nazi" gewesen, wie der damalige Tiroler Landeshauptmann Herwig Van Staa 2007 behauptete, gibt es nicht einmal Indizien. Alles spricht dafür, dass er sein Leben lang ein russischer Liberaler blieb und für Marktwirtschaft und Parlamentarismus eintrat.

Obwohl es den Staat nicht mehr gibt, bleiben die Van der Bellens estnische Staatsbürger. Trotzdem ist in der Familie bis zum Ende der Besatzungszeit die Angst vor den sowjetischen Behörden allgegenwärtig. "Man hat mir als Kind eingeschärft, auf dem Weg in die Schule einen Umweg um das sowjetische Konsulat in der Innsbrucker Falkstraße zu machen", erzählt Alexander Van der Bellen heute. Er habe dies zwar nicht verstanden, das Haus sei ihm aber unheimlich gewesen.

Russisch, die Erstsprache seiner Eltern, hat der talentierte Sohn nie gelernt. Sein Wortschatz beschränkt sich auf Vokabel wie durak (Idiot) oder tschort wosmi (verdammt): "Meine Eltern wollten bei mir alles vermeiden, das darauf hinweist, dass wir Flüchtlinge sind", sagt er. Erst 1958 wurden die Van der Bellens österreichische Staatsbürger. Heute bekäme Alexander Van der Bellen jederzeit einen estnischen Reisepass. Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit galten Nachkommen von Personen, die am 16. Juni 1940 estnische Staatsbürger waren, automatisch als Bürger des Landes.

Mit den Verwandten hinter dem Eisernen Vorhang hat die Familie in Innsbruck jahrzehntelang keinen direkten Kontakt. Onkel Konstantin erfährt von seinem kleinen Neffen nur auf Umwegen. Über eine Verwandte gelangt ein Kindheitsfoto in die Estnische Sowjetrepublik: "Meiner lieben Tante Vera von deinem Saschinka", schrieb der Volksschüler auf die Rückseite.

Zu persönlichen Treffen kommt es nach dem Ende der Sowjetunion. Alexanders gleichaltrige Cousine Irina S. lebt in einen Dorf im Süden Estlands. An alte Zeiten erinnern in ihrem Häuschen Fotografien und ein Aquarell aus dem 19. Jahrhundert, das den nach der Revolution zerstörten klassizistischen Familiensitz zeigt. Mitte der neunziger Jahre besuchte sie ihren Cousin in Wien. Sascha habe ihr sofort nahegestanden: "Er ist meinem Vater Konstantin sehr ähnlich: Ich erkannte die zarten Hände, die Form des Gesichtes, seine zurückhaltende Art und seinen Hang zum Schweigen."