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Nach wie vor hoffen Zigtausende Flüchtlinge, der mazedonische Zaun möge sich doch noch öffnen, aber die Fluchtwege nach Norden bleiben versperrt. Das Schicksal dieser Menschen ist ungewiss, fest aber steht, dass so gut wie alle Flüchtlinge, die jetzt noch über die Ägäis nach Griechenland übersetzen, ab sofort in die Türkei zurückgeschickt werden. Das hat die EU in der vergangenen Woche mit der türkischen Regierung vereinbart.

Für viel Geld und zu hohem politischen Preis bürden die Europäer die Verantwortung für den Flüchtlingsschutz jetzt Staaten außerhalb der EU-Grenzen auf. Ein anrüchiger Deal mit einem autokratischen Regime, das individuelle Recht auf Asyl wird zur Makulatur, vom europäischen Asylsystem, das vor dem Beginn der Flüchtlingskrise noch als das beste und humanste der Welt gerühmt wurde, bleibt nichts als schöne Erinnerung.

Das ist die pessimistische Sicht auf das, was die EU zurzeit treibt, und diese Sicht ist berechtigt. Regierungschefs vom Schlage des Ungarn Viktor Orbán werden sich nie zufrieden geben und weitere Härten verlangen, solange noch ein Flüchtling auf europäischem Boden herumirrt. Soeben ließ der Ministerpräsident wieder vernehmen, man werde sich niemals von den "Rotten unverbesserlicher Kämpfer für die Menschenrechte" belehren lassen.

"Unser europäisches Asylrecht taugt nur bei schönem Wetter", sagt ein Experte

Man kann aber auch zuversichtlicher auf das Tauschgeschäft mit Ankara blicken, nicht nur, weil alles noch viel schlimmer hätte kommen und die EU am Streit über die Flüchtlinge hätte zerbrechen können. Nein, für einen optimistischeren Blick sprechen die Erfahrungen mit den bisherigen Krisen, dem Euro-Streit zum Beispiel oder dem Brexit, dem drohenden EU-Austritt Großbritanniens.

EU-Gipfel - EU-Flüchtlingsabkommen mit Türkei beschlossen Die Europäische Union und die Türkei haben in Brüssel ein Abkommen geschlossen, mit dem die Flüchtlingszahlen in die EU drastisch reduziert werden sollen. Angela Merkel zeigte sich erleichtert über den Ausgang des Treffens.

Anfangs dachte man auch hier, es werde alles schrecklich und die EU am Ende untergehen. Doch immer wenn es kein Fünkchen Gemeinsamkeit mehr zu geben scheint und der "Gemeinschaft der 28" bereits das Totenglöckchen geläutet wird, raufen sich plötzlich alle oder jedenfalls die Wichtigsten zur großen Rettungsaktion zusammen. Und siehe da, befreit von unnötigem Ballast und überhöhten Ansprüchen, ging die EU aus diesen Konflikten bisher sogar gestärkt hervor. Gut möglich, dass auch das große Flüchtlingsdrama eine solche Wendung nimmt und dabei obendrein ein funktionierendes europäisches Asylsystem herauskommt, das dem Flüchtlingsschutz gerechter wird als das gegenwärtige Chaos.

Verblüffenderweise argumentieren auch einige Vertreter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen in Genf so. Natürlich äußern sie Bedenken gegen den Türkei-Deal, das müssen sie als Lordsiegelbewahrer des Asylrechts. Es ist nicht ausgeschlossen, dass alles noch schiefgeht. Doch insgeheim hoffen etliche UNHCR-Mitarbeiter, dass die Europäer endlich Ordnung in das Flüchtlings-Tohuwabohu bringen, das sie selber mit angerichtet haben. "Die EU muss ihre Außengrenzen schützen und darf nicht länger dulden, dass sich Asylbewerber eigenmächtig ein Wunschland aussuchen", sagte ein hoher UNHCR-Vertreter schon im Januar, als noch Woche für Woche Zehntausende von Griechenland gen Norden zogen. Wie fast alle Gesprächspartner bat er, um offen reden zu können, um strikte Anonymität.

Ans Fenster gelehnt, den Blick auf ein großes graues Gebäude gerichtet, worin soeben die syrischen Friedensverhandlungen begonnen hatten, sagt der Flüchtlingsschützer einen unerhörten Satz: "Die Europäer haben ihre gemeinsame Asylpolitik überdehnt, sie mit Unterstützung der Gerichte bisweilen menschenrechtlich überfrachtet, das gefährdet die Akzeptanz."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Der Herr vom UNHCR steht mit dieser Kritik nicht allein. Man hört sie auch bei der EU in Brüssel, auf Berliner Regierungsfluren, in den Amtszimmern deutscher Asylrichter. "Unser europäisches Asylrecht taugt nur bei schönem Wetter", sagt ein hoher EU-Beamter, der dieses Recht gemeinsam mit anderen gerade von Grund auf überholt und sich als "Fan" von Amnesty International bezeichnet. "Es muss darum versagen, wenn plötzlich über eine Million Flüchtlinge um Schutz nachsuchen." Und ein namhafter und eher linker deutscher Verwaltungsrichter spricht von einem "allzu idealistischen Recht", das von der Globalisierung überrollt zu werden drohe.

Vor nicht langer Zeit, es war 2013, da knallten in Brüssel die Champagnerkorken, und da feierten die 28 EU-Staaten überschwänglich das "perfekteste Asylsystem der Welt". Gerade hatten sie ein weiteres Gesetzespaket verabschiedet. Von Ankunft und Registrierung über Erstaufnahme und soziale Versorgung bis zum Asylverfahren und zur Rückführung abgelehnter Asylbewerber – alles war bis zum wirklich letzten i-Tüpfelchen geregelt. Und – aus heutiger Sicht ein Wunder – man hatte über die vielen Jahre immer alles einstimmig beschlossen. Es sind inzwischen zahllose Vorschriften in Dutzenden Richtlinien und Verordnungen, der Sammelband fasst knapp 800 eng bedruckte Seiten. Der Stuttgarter Verwaltungsrichter und Asylrechtsexperte Jan Bergmann nennt es ein "Deluxe-Recht".