Muss man vor Italien wirklich noch Angst haben? In knapp 54 Jahren hat die deutsche Fußballnationalmannschaft noch nie ein Pflichtspiel gegen die Squadra Azzurra gewonnen. Drei Unentschieden gab es und vier Niederlagen, Letztere allesamt traumatisch. Mexiko 1970, Spanien 1982, Deutschland 2006, Polen 2012. Drei Halbfinale und ein Finale verloren die Deutschen gegen die Italiener, man könnte auch sagen: An den Azzurri kamen sie nie vorbei, höchstens in Freundschaftsspielen.

Am 29. März steht wieder so ein Match an. Der Weltmeister Deutschland empfängt Italien in München. Es ist ein Test, es geht um nichts, und trotzdem wird dieses Länderspiel wenige Monate vor der Europameisterschaft ein besonderes sein, weil beide Seiten sich davon Punkte für ihre Moral versprechen. Die erfolgsverwöhnten Deutschen träumen davon, einen haushohen Sieg einzufahren, als wenn sie das von ihrem alten Italien-Trauma befreien könnte. Und die Italiener wünschen sich, die Deutschen auch diesmal zu schlagen. Wenigstens das sollte noch gelingen, auch wenn sonst nichts mehr so ist, wie es mal war.

Denn zu Hause herrscht die Krise, und derjenige, der sie überwinden helfen sollte, ist schon auf dem Absprung. Nationaltrainer Antonio Conte wird nach der EM zu einem englischen Club wechseln, vermutlich handelt es sich um den FC Chelsea. Conte, 46, hatte vor der WM 2014 Juventus Turin trainiert und wurde nach dem Rücktritt seines Vorgängers Cesare Prandelli quasi über Nacht zum Nationaltrainer berufen. Cesare Prandelli hatte die Konsequenzen aus der blamablen Vorstellung seiner Mannschaft gezogen, die in Brasilien bereits nach der Vorrunde abtreten musste, nach einem Sieg über England und je einer Niederlage gegen Costa Rica und Uruguay. Zuvor hatten Prandellis Azzurri 2012 immerhin das EM-Finale erreicht, nach einem 2:1 im Halbfinale gegen Deutschland. Beide Tore hatte Mario Balotelli erzielt, und wie er sich nach seinem Siegtreffer das Trikot auszog, um seinen statuenhaften Körper zu zeigen, das hat sich als Moment des Triumphs und der Demütigung dem deutschen Publikum eingebrannt. Balotelli ist inzwischen 25 Jahre alt, doch in München wird er nicht dabei sein.

Erfolgreich als Turniertänzer, aber als Fußballer nicht sehr beweglich

Seit dem Fiasko von Brasilien wurde Balotelli nicht mehr in die Nationalmannschaft berufen. Die italienischen Medien und die sogenannten "Senatoren" unter den Azzurri, also die älteren, erfahrenen Spieler um Kapitän Gianluigi Buffon, hatten den Angreifer als einen der Hauptverantwortlichen für das Scheitern der WM-Mission ausgemacht. Und Nationaltrainer Conte, der den Juve-Schlussmann Buffon zu seinen Vertrauten zählt, schloss Balotelli umgehend aus.

Auch aus der Serie A verschwand der Held von 2012. Balotelli wurde vom AC Mailand zum FC Liverpool verkauft, blieb dort aber nur ein Jahr und kehrte 2015 als Leihgabe nach Mailand zurück. Dort droht sein Talent langsam zu erlöschen, in dieser Saison erzielte er nur ein einziges Ligator. Balotelli macht es Conte also leicht, ihn weiter zu ignorieren, ebenso wie seinen früheren Angriffspartner Antonio Cassano. Als "Pflegefälle" und "Straßenköter" hatten die ARD-Kommentatoren Mehmet Scholl und Reinhold Beckmann Balotelli und Cassano nach ihrem Sieg über Deutschland in einem umstrittenen Kommentar bezeichnet – der autoritäre Conte könne mit dem anarchischen Spiel wilder Hunde nichts anfangen. Lieber setzt er auf seinen apulischen Landsmann Graziano Pellè, einen bärenstarken, baumlangen Angreifer, der beim FC Southampton spielt. Pellè hat es in seiner Jugend zwar als Turniertänzer weit gebracht, als Fußballer aber erinnert er eher an Luca Toni: kraftvoll und nicht besonders beweglich. Das glatte Gegenteil von Lorenzo Insigne vom SSC Neapel. Insigne ist 163 Zentimeter klein, 59 Kilo leicht, dribbelstark und fintenreich. Eigentlich bevorzugt Conte Spieler mit physischer Präsenz und erwiesener Kondition, den Feintechnikern misstraut er. Zu individualistisch, zu wenig mannschaftsdienlich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Aber auf der Torschützenliste der Serie A ist Insigne der beste Italiener – auf Platz 8. Ganz oben stehen zwei Argentinier, Gonzalo Higuaín vom SSC Neapel und Paulo Dybala von Juventus Turin. Knapp 58 Prozent der Spieler in der Serie A sind Ausländer, in Europa haben nur England und Belgien eine höhere Quote. Für die beiden Testspiele gegen Spanien (am Gründonnerstag) und Deutschland hat Conte mit Jorginho, Thiago Motta und Éder drei eingebürgerte Brasilianer berufen, die italienische Pässe bekamen, weil ihre Urgroßväter einst aus Italien ausgewandert waren. Dass die Nachfahren italienischer Auswanderer für die Azzurri rekrutiert werden, ist nichts Neues, bereits im Weltmeisterteam von 1934 spielten zwei Italo-Südamerikaner. Doch so groß wie heute war die Not noch nie.

Seit Jahren versprechen Italiens Fußballbosse eine bessere Nachwuchsförderung, kaufen dann aber doch lieber Jungtalente aus dem Ausland. Nur der Provinzverein US Sassuolo spielt mit einer fast rein italienischen Mannschaft. Als einziger Großclub hat Juventus Turin ausdrücklich Nachhaltigkeit auf seine Fahnen geschrieben; mit immer noch vier Spielern bildet Juve das Rückgrat der Squadra Azzurra. Das hat Tradition, ebenso wie fast alle Nationaltrainer einige Jahre auf der Juve-Bank absolviert haben. Und doch scheinen die Zeiten, da eine Mehrheit der Azzurri aus Turin anreisten, vorbei zu sein. Juve ist noch präsent, aber nicht mehr identitätsstiftend.