Die türkische Küstenwache eskortiert Flüchtlinge zu Bussen, die die Menschen ins Landesinnere zurückbringen. © Ozan Kose/AFP/Getty Images

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Es ist noch keine zwei Wochen her, da wurde die deutsche Kanzlerin in vielen Zeitungen und Magazinen als isoliert und machtlos in Europa dargestellt, gefangen in einer gesinnungsethischen Verirrung. Heute wiederum wird sie von denselben Leuten für jedes einzelne Detail der beinhart realpolitischen Vereinbarung verantwortlich gemacht, die von der EU und der Türkei getroffen wurde, so als habe sie sich ganz und gar durchgesetzt. Da aber nicht beides stimmen kann, was stimmt dann?

Nach eingehenden Recherchen in Brüssel und Berlin muss man sagen: eindeutig Letzteres. Dieses Abkommen trägt ganz und gar Angela Merkels Handschrift, es ist ihre Idee, ihre Logik und ihre Methode.

Damit erlebt die EU die neue Führungsrolle der Deutschen nun in ihrer dritten Variante: nach der Gestaltungsmacht in der Ukraine-Krise und der Erzwingungsmacht beim Euro nun also die Verhinderungsmacht bei den Flüchtlingen. Dreimal wurde Europa nicht zuletzt mit deutscher Macht zusammengehalten, und es dürfte auf Dauer sogar nützlich für alle sein, dass Deutschland das diesmal aus einer Position relativer Schwäche heraus tun musste.

Verhindert hat die Bundesregierung bis vor wenigen Wochen – fast im Alleingang –, dass die Europäer einfach die Schotten dicht machen, so dicht es eben geht. Angesichts dessen, dass sich die USA aus dem Mittleren Osten herausziehen, während sich von dort so viele Menschen auf den Weg hierher machen, war dieser erste Reflex verständlich. Logisch war auch, dass das zurzeit stärkste Land des Kontinents als einziges in der Lage war, Zeit zu kaufen für eine andere politische Lösung, die nun auf dem Tisch liegt. Wobei das Wort "Lösung" etwas hoch gegriffen ist, dafür sind zu viele Fragen offen, zu viele Widersprüche offenkundig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Um aber diesen Merkel-Plan richtig beurteilen zu können, sollte man zuerst ihre Methode erkunden, dann erschließt sich auch erst der Plan hinter dem Plan. Führung muss in einem komplexen und konsensorientierten Gebilde wie der EU und bei einem nicht gerade überstarken Hegemon wie Deutschland vor allem mit gemeinsamen Lernprozessen arbeiten, erzwingen lässt sich nur ausnahmsweise etwas, und dann rächt es sich später sowieso.

Dem gemeinsamen Lernen stand zunächst einiges im Wege, eigentlich alles: Nachdem die meisten Europäer, auch Deutschland, das Flüchtlingsproblem jahrelang nach Kräften verdrängt hatten, kam es scheinbar überraschend und mit Wucht. Diese erlebte Plötzlichkeit stieß auf eine gedachte Unendlichkeit: Wenn man diese Million aufnimmt, wieso dann nicht zwei oder drei? Wenn man Syrer und Iraker aufnimmt, warum dann nicht Afghanen und Eritreer? Gegen diese Logik stemmen sich nicht nur AfD-Wähler in Deutschland, sondern auch Mehrheiten in Ungarn oder Polen, zuletzt sogar in Österreich. Die mögliche Unendlichkeit erstickte mehr und mehr jede Bereitschaft im Hier und Heute.

Hinzu kam der Kontrollverlust, an den Grenzen und daheim. Selbst Deutschland vermochte nur ganz am Anfang zu zeigen, dass man das alles schaffen kann, mehr und mehr kehrte sich die Logik in den Augen vieler Nachbarn um: Wenn nicht mal Deutschland diesen Zustrom verkraftet (Beweise: Köln und Lageso), wie dann wir? Und als es allmählich mit der Versorgung und Verwaltung wieder besser wurde in der Heimat des Hegemonen, da wollte keiner mehr hinsehen, alle waren schon zu sehr in Rage.

Also zogen immer mehr Länder ihre eigenen Grenzen, schlossen sich zusammen und nannten das eine Lösung. Und an dieser Stelle begann ein erster Lernprozess. Jeder konnte sehen, dass das wenig nachhaltig war, beispielsweise Matteo Renzi, der monatelang leidenschaftlich gegen Angela Merkel polemisiert hatte: Nun aber überfiel ihn die Sorge, dass, wenn alle ihre Grenzen schließen, wieder viel mehr Flüchtlinge über Italien kommen würden, ein Land, bei dem Grenzen und Strände in eins fallen, was die Sache mit den Zäunen um einiges sportlicher macht als etwa bei den Ungarn. Die Sperrung der Balkanroute hat nicht nur Renzi gezeigt, dass die Sperrung der Balkanroute keine Lösung ist. Etwas anderes musste her.

Dieses andere scheiterte lange an einem logischen Widerspruch, der mit der Unendlichkeitsangst zu tun hat. Die Türken waren nur bereit, illegale Flüchtlinge zurückzunehmen, wenn sich die EU ihrerseits bereit erklären würde, Kontingente mit legalen Flüchtlingen zu übernehmen. Die durften aus Sicht der Türken keine definitive Obergrenze haben, weil niemand voraussagen kann, wie sich die Lage beispielsweise in Syrien entwickelt. Die nervöseren und schwächeren EU-Länder wiederum waren allenfalls dann bereit, Kontingenten zuzustimmen, wenn die Türken garantieren würden, dass es nicht immer mehr Flüchtlinge werden. Kurzum: keine Kontingente ohne Begrenzung versus keine Begrenzung ohne Kontingente.