Ich stehe total gerne früh auf – beziehungsweise: gerne total früh. Das war schon immer so. Als Kind bin ich damit allen auf die Nerven gegangen, man nannte mich "das Nachtgespenst". Seit ich allein lebe, kann ich machen, wozu ich Lust habe. Und das ist vor allem: aufstehen, wann ich will. Also um kurz vor halb sechs. Das geht übrigens ganz leicht und gewissermaßen von allein. Richard Branson, der die Plattenfirma Virgin gegründet hat, später eine Fluglinie daraus machte und als Milliardär am liebsten barfuß geht, steht um die gleiche Zeit auf, und sein Tipp ist auch meiner: Verzichten Sie einfach auf Vorhänge, Rollläden und Schlafbrillen, dann werden Sie ganz sanft vom Morgen selbst geweckt. Kurz vor Sonnenaufgang gibt es ein spezielles, ein blaues Licht, dessen Strahlen Ihre geschlossenen Lider durchdringen. Es ist ein Weckruf der Seele – erhören Sie ihn!

Ich weiß, einigen wird schon der Gedanke Aggressionen bereiten. Ich selbst hatte bislang ausschließlich Partnerinnen, die lange schlafen wollten. Um dem Strahlen der frühmorgendlichen Lockung an meiner Seite widerstehen zu können, umwickelten sie ihre Gesichter mit Schnuffeltüchern oder setzten diese Schlafbrillen auf, vor denen Sir Branson warnt. Das fand ich immer süß, aber für mich wäre das nichts.

Da ich ein rücksichtsvoller Mann bin, habe ich mich über die Jahre zu einem Experten des Schleichens entwickelt. Auch aus Gründen des Selbstschutzes. Wenn ich Geräusche machte beim frühen Aufstehen, wurde ich wahlweise als Roboter oder als Faschist bezeichnet – so tief reichen die Aversionen der Spätaufsteher. Es heißt, der Schlaf sei heilig, deshalb bekämpfen die ultraorthodoxen Anhänger des Ausschlafens Frühaufsteher halt auch mit extremen Mitteln. Diskutieren bringt da nichts.

Nachdem ich aber im Streitfall rechtfertigen können muss, weshalb ich nicht einfach weiterschlafen kann "wie alle anderen", sage ich die Wahrheit: weil ich nur ein Leben zur Verfügung habe. Weil Schlaf für mich als Protestant vor allem Untätigkeit bedeutet. Dagegen tue ich was. Ich lese zum Beispiel.

Rainald Goetz hat diese Morgenlektüre einst als Textgebet bezeichnet, und ich finde selbst keinen schöneren Ausdruck dafür. Noch ist es still. Erwacht aus dem Schweigen des Schlafes, sind es Texte, die als Erstes zu mir sprechen. Sicher: Auch nachts ist es still um mich herum, doch am Ende des Tages finde ich mich mit Sprache gefüllt, ich trage Erinnerungen an Gespräche und Gelesenes in mir, und so trifft die nächtliche Lektüre auf einen reduzierten Hallraum. Worte wirken dann weniger stark. Der Kunsthistoriker Wilhelm Vöge hat zu Recht geraten, "bei Lampenschein" auch keine Bücher zu verfassen.

Um acht macht mein Café auf, um halb acht gehe ich zu Fuß dorthin. Das ist ja nun wirklich nicht mehr superfrüh, um halb acht ist bereits viel los auf den Trottoirs und Straßen. Kinder müssen in Kindertagesstätten gebracht werden. Erwachsene ohne Kinder sind auch dazwischen. Sie sind zu ihren Arbeitsstätten unterwegs. Ich liebe die frühmorgendliche Stimmung des allseitigen Anfangens und Beginnens. Dass Türen aufgeschlossen, Postkartenständer auf den Gehsteig gestellt, Markisen ausgefahren werden. Die Stadt fängt an zu blinzeln, gleich wacht sie auf.

Man sagt: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Aber das scheint nur auf gefiederte Wesen und ganz kleine Kinder zuzutreffen. Denn die anderen Menschen, denen ich um jene Zeit begegne, sehen aus, als seien sie der Würmer schon seit Langem überdrüssig – oder verhungert. Kaum jemand redet, keiner singt, alle haben es eilig, und die starken Arme ziehen und zerren die Schwächeren hinter sich her. Menschen sind nun mal auch keine Vögel, und in der Frühe nehmen sie, wenn überhaupt, Rice Krispies mit Milch oder Toast zu sich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Menschen allesamt tatsächlich zu wenig geschlafen haben. Einem Erwachsenen reichen je nach Veranlagung sechs bis sieben Stunden pro Nacht. Idealerweise sollte dieser Schlaf zwischen einem Zeitpunkt vor Mitternacht und den Morgenstunden stattfinden, was den meisten allerdings problematisch, weil irgendwie rentnermäßig erscheint. Vor Mitternacht ins Bett gehen bedeutet, alt zu sein. Lebendig hingegen: Wenn die Kinder im Bett sind, schaut man Serien, dann ein bisschen Timeline checken, und plötzlich ist es halb eins. Hat man zu dieser Abendunterhaltung auch noch eine Flasche Wein getrunken, hinterlässt das Ganze am nächsten Morgen ein schales Gefühl.

All die Menschen um mich herum, in der Straßenbahn, auf der Straße, sind direkt aus dem Bett ins Badezimmer, danach Frühstück, weil muss ja, und danach ab aus der Tür. Um etwas für sich selbst und die eigene Seele zu tun, die Welt zu erfahren und sich nicht bloß auf Arbeitswegen und Abstechern zum Supermarkt zu bewegen, dafür fehlt den meisten Menschen, die ich kennengelernt habe, wahlweise die Lust oder auch Kraft. Ihre Energie brauchen sie vollständig dafür auf, zu ihrem Schlaf zu kommen. Schlafen ist das Wichtigste! Und qualitativ möglichst ausgezeichnet hat er zu sein. Das wirkt wie eine weitere Bürgerpflicht, die es zu erfüllen gilt. Die Arbeit am Tagwesen Mensch, von dem man bei Bewusstsein auch etwas hätte, kommt dann auf Platz zwei.

Verstehe ich nicht.

Schlaf wird überbewertet. Am frühen Morgen hat man, nach einer kurzen Phase der Dämmerigkeit, eine schöne Energie. Die Gedanken sind noch mit dem Traumgeschehen verbunden. Man hängt ihnen nach. Hat vielleicht eine Idee und schaut aus dem Fenster, wo sich bisher kaum etwas tut. Im Schlaf war ich ohne Bewusstsein und habe mich allenfalls als Handelnder in einem Traum erlebt. Nach dem Aufwachen konstituiere ich mich neu. Wer sagt, dass ich derselbe bin, als der ich eingeschlafen bin? Ich genieße das Erwachen, wenn sich aus diesem formlosen Bündel an Affekten und Gedanken und Traumresten das Ich bildet. Ich will das auskosten und dabei ungestört sein. Am Morgen brauche ich Zeit für mich und mein Ich. Und wenn ich dafür etwas Schlaf opfern muss, ist mir das auch egal.

Wer verliebt in jemanden ist, schläft ja auch so gut wie gar nicht, ohne dass es ihn bremsen könnte, ganz im Gegenteil! Die Floristin, die sich auf eine Auswahl neuer Blumen aus Holland und Indonesien freut, der Koch, der abgefahrenem Saisongemüse entgegenfiebert, sie entern beide mit Spitzenlaune um 4.30 Uhr den Großmarkt. Wer die Welt zur blauen Stunde als Fang wahrzunehmen lernt, wird sich in die leeren Straßen und die Uniformen der Müllabfuhr verlieben.

Wahrscheinlich ist es gar kein Zufall, dass in den Frühaufstehersprichwörtern oft das Tierreich bemüht wird. Unterhalb des Menschengeschlechts kann es sich kein Mitglied einer Gattung leisten, gegen seine Natur anzugehen. Wer Fressfeinde hat, lebt unter eisenhartem Anpassungsdruck. Eine Lerche, die bei Sonnenaufgang snoozte, würde der frühen Katze zum Wurm. Das kleine Hasenkind, das nach Sonnenuntergang Bock hat auf Streunen, fiele der Eule zum Opfer. Das hat sicher Nachteile – der Hasengemeinde sind keine Hasensonette bekannt. Dafür sind alle Tiere, aus menschlicher Perspektive betrachtet zumindest, immerzu super drauf.

Tieren fehlt die Möglichkeit, ihre innere Uhr zu manipulieren. Sie nehmen nur selten Alkohol zu sich und rauchen keine Zigaretten. Sie besitzen auch keine Kaffeemaschinen. Die meisten Tiere würden zwar sehr gerne noch sehr spät extrem fettige, süße und auch warme Mahlzeiten einnehmen, aber die freie Wildbahn ist halt kein Restaurant. Man muss trotzdem kein Mitleid bekommen mit den Tieren, denn so etwas wie individuelle Neigungen oder gar Persönlichkeitsentfaltung kennen die halt gar nicht.

Die Menschen behaupten, von ihren Schlafgewohnheiten her mindestens zwei Gruppen zu bilden: Eulen und Lerchen – also Nachtmenschen und Frühaufsteher. Bei den Schriftstellern waren von ihren Aufstehzeiten her William S. Burroughs (9.30 Uhr), Simone de Beauvoir (10 Uhr), James Joyce (10 Uhr), F. Scott Fitzgerald (11 Uhr), Bukowski (12 Uhr) und Hunter S. Thompson (16 Uhr) als Eulen auffällig, wohingegen Honoré de Balzac (1 Uhr), Sylvia Plath (4 Uhr), Oliver Sacks (5 Uhr), Hemingway (6 Uhr) und Goethe (7 Uhr) entschieden den Lerchen zuzuschlagen sind. Aber Künstler sind Sonderfälle, ganz einfach weil sie vieles tun und lassen können, wozu dem Rest der werktätigen Menschheit jahrhundertelang die nötige Entscheidungsfreiheit fehlte. Schriftsteller trinken tagsüber, weil sie können, wusste der Dichter Kingsley Amis. Und sie stehen auf, wann ihnen danach ist. Mit Veranlagung hat das meines Erachtens überhaupt nichts zu tun.

Manchmal, wenn man eine ganze Nacht durchgemacht hat und kurz nach Sonnenaufgang durch die Stadt geht und alles schläft und die Vögel singen, und am Himmel zeigt sich dieses ganz besondere Licht, dann fühlt man sich im schlimmsten Fall ein bisschen schuldig, aber im besten Fall auch wie ein Held. Stellen Sie sich vor, Sie könnten jeden Tag mit diesem Hochgefühl, diesem Flackern in der Seele beginnen. Sich eine Stunde um das eigene Seelenwohl kümmern, der Lust am Anfang nachgeben, kurz: leben, bevor es ans handfeste Tagwerk geht.

Ich wäre nicht böse, wenn die Frau, die ich als Nächstes lieben werde, sehr viel lieber viel länger schläft als ich. Dann habe ich meine ersten Stunden des Tages für mich allein.