"Wie viele Packungen?", fragte mein Chef bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wenn er einen Artikel gelesen hatte, den ich auf die letzte Minute noch hatte schreiben müssen. "Zwei", antwortete ich wahrheitsgemäß, wenn auch nicht stolz. Der Chef wiegte den Kopf, in einer für die achtziger Jahre charakteristischen Mischung von Anerkennung und Mitgefühl. "Hat sich aber gelohnt", sagte er.

Ein Vorgesetzter, der mit Wohlwollen auf den kettenrauchenden Workaholic blickt, der seine Gesundheit zum Wohle des Betriebes ruiniert. Unvorstellbar heute. Aber ich schwöre: Ich habe diese Perspektive noch erlebt.

Die Gesundheit hat heute die Unschuld verloren. Gesundheit ist nicht mehr eine Frage des persönlichen Wohlbefindens und Wünschens, sondern eine Forderung des Arbeitgebers, wenn nicht gar eine moralische Kategorie. Gute Menschen leben gesund, schlechte Menschen leben ungesund.

Das ist insofern neu, als Moral früher an einen Nutzen für andere gekoppelt war, während Gesundheit nur dem Eigennutz zu dienen schien. Erst die Umlagefinanzierung der gesetzlichen Krankenkassen hat den ungesunden Menschen als Sozialschädling entdeckt – als Kostenfaktor für die Gemeinschaft. Seither müssen ungesund Lebende ein schlechtes Gewissen haben, während sportliche Asketen beim Blick auf die Waage oder den Pulsmesser auch ihre moralische Überlegenheit bestätigt bekommen.

Aufschlussreich für Historiker, die sich mit Mentalitätswandel beschäftigen: Während früher bei der Arbeit der Kopf stimuliert wurde, durch Kaffee, Zigaretten, in Konferenzen auch durch Cognac, wird jetzt der Körper trainiert. Auf alten Bildern aus den siebziger Jahren sieht man leitende Angestellte noch im Tabakdunst schlaff auf weichen Polstern hängen. Heute hat das Fitnessbike den Aschenbecher abgelöst. Die naheliegende Idee dahinter: Das tendenziell Ungesunde, bloß Geistige der Büroarbeit soll einen physischen Ausgleich erfahren, anstatt durch aufputschende Mittel noch verstärkt zu werden.

Wir freuen uns über den Komfort, dabei dringt die Firma nur in unser Leben ein

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Dahinter steckt aber noch etwas Tiefergehendes: Dem Körper des Angestellten, dessen Pflege und sportliche Ertüchtigung ehedem eine Sache der Freizeit war, soll jetzt schon während der Arbeitszeit Geltung und Aufmerksamkeit verschafft werden. Ähnlich wie in den neueren Formen der Arbeitsorganisation, mit Homeoffice, Gleitzeit und mobiler Erreichbarkeit, verschwimmt auch hier die Grenze zwischen Beruf und Privatleben – mit ähnlicher Pointe: Während der Arbeitnehmer noch glaubt, alles diene seinem Komfort, dringt in Wahrheit die Firma nur immer tiefer in sein Leben ein.

Niemand wird sich wundern, dass die Firma Reemtsma ihren Mitarbeitern noch immer erlaubt, am Arbeitsplatz zu rauchen. Eine Tabakfabrik geriete in einen gefährlichen Selbstwiderspruch, wenn sie den Tabakgenuss aus Sorge um die Gesundheit ihrer Angestellten verböte. Genauso hätten Mercedes oder BMW ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie das Personal aus ökologischen Gründen zur Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel verpflichteten.

Die Treue zum Produkt entbindet freilich nicht von der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften. Deshalb kann auch Reemtsma nicht als Traumarbeitgeber aller Raucher auftreten, sondern muss sämtliche Auflagen zum Schutz der Nichtraucher erfüllen, die sich die EU im Laufe der Zeit ausgedacht hat und die schließlich dazu führen, dass selbst der gesundheitsbewussteste Asket sich gerne bei dem Zigarettenproduzenten aufhält, es sei denn, er kann seine moralische Missbilligung partout nicht unterdrücken.