* 27. 12. 1961 - † 18. 3. 2016

Wenn der Satz des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard denn stimmt, das Leben werde vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden, dann ist der Tod eines Menschen immer auch ein Moment der Erkenntnis. Es scheint, als stehe die Zeit für einen Augenblick still; als verharre sie, um uns Überlebenden die Ruhe zu geben, die es braucht, um das Leben des Verstorbenen besser zu verstehen. Womöglich ist es auch genau dieses Verstehenwollen, das uns dabei hilft, an der monströsen Ungerechtigkeit namens Tod nicht vollends zu verzweifeln.

Hängen also der frühe Tod des Guido Westerwelle und sein atemberaubend schnelles Leben irgendwie zusammen? In vielem, was er tat und erreichte, war Westerwelle der Jüngste: ob im Amt des FDP-Generalsekretärs, als Parteichef oder Außenminister. Vergangene Woche erlag Guido Westerwelle den Folgen einer Leukämie-Behandlung. Er starb mit nur 54 Jahren. So jung wie kein deutscher Spitzenpolitiker vor ihm.

Guido Westerwelle hatte nach seinem Ausscheiden aus der Politik im Dezember 2013 tatsächlich fest vor, die Logik seines bisherigen Lebens zu durchbrechen. Er wollte nicht mehr der Schnellste, Jüngste und Erfolgreichste sein. Womöglich, weil er auch durch seinen Ehemann Michael Mronz auf die nachhaltigen Seiten des Glücks aufmerksam geworden war.

Sollte also das merkwürdige Wort von der Entschleunigung einer Biografie jemals Gültigkeit besessen haben, dann war das bei ihm sicherlich der Fall. Ja, das verheerende Ergebnis der FDP bei der Bundestagswahl 2013 hatte Guido Westerwelle unwiderruflich aus der Bahn gedrängt. Endgültig aus dem politischen Spiel hat er sich jedoch selbst genommen. Vielleicht, weil er insgeheim wusste, dass das Tempo des politischen Lebens auf Dauer nicht mit der Liebe zum Leben vereinbar ist. Es gehört zu den Gemeinheiten des Schicksals, dass sein Schwebezustand zwischen der Welt der Politik und den Wonnen des Privaten nur einen Frühling lang währen sollte.

War es eine Vorahnung, als Guido Westerwelle nach einem Interview im Januar 2014 abrupt das Thema wechselte und unvermittelt auf den Tod zu sprechen kam? "Sie werden sehen", sagte er, "die Einschläge kommen auf einmal näher. Leute, von denen Sie es nie erwarten würden, sind auf einmal weg." War es Zufall, dass er in diesem Interview den Satz sagte: "Bevor ich den Löffel abgebe, ist Schwulsein eine Selbstverständlichkeit"?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass die Kanzlerin, immerhin Vorsitzende einer sich christlich gebenden Partei, in ihrem ersten Statement nach Westerwelles Tod wie selbstverständlich das Wort Ehemann im Zusammenhang mit einem gleichgeschlechtlichen Paar verwendete.

Bei diesem Interview im Januar 2014 schwammen bereits kranke Zellen in seinem Blut und vermehrten sich. Ein halbes Jahr danach wusste es Guido Westerwelle und mit ihm die deutsche Öffentlichkeit. Im Rahmen eines Routineeingriffs an seinem Meniskus hatten die Ärzte festgestellt, dass ihr Patient an einer Akuten Myeloischen Leukämie erkrankt war und sehr schnell behandelt werden musste.

Auf den Schock der Diagnose folgten die anstrengenden Wochen der Chemotherapie und bald schon die Hoffnung, einen passenden Stammzellspender zu finden. Denn alle gentechnischen Analysen hatten ergeben, dass Westerwelles Überlebenschancen ohne eine solche Spende gleich null wären. Als sich endlich ein Spender fand, glaubte Westerwelle, Glück gehabt zu haben. Er glaubte es bis zu jenem Moment, in dem der behandelnde Arzt in sein Zimmer auf der Transplantationsstation des Kölner Universitätsklinikums trat und ihm eröffnete, dass der Spender es sich leider anders überlegt habe. Er wolle nun doch nicht spenden.

Ein knappes Jahr später schilderte mir Guido Westerwelle diesen Augenblick des Entsetzens mit einem Lächeln im Gesicht. Wir saßen auf der Terrasse seines Hauses in den Hügeln über Palma de Mallorca und arbeiteten an dem Buch Zwischen zwei Leben. Da sagte er: "Es fand sich gottlob ein neuer Spender, und wer weiß, wofür das gut war. Vielleicht hätte ich die erste Spende nicht so gut vertragen wie die zweite."