© Noah Greenberg

Laurie Anderson hat ein Gesicht gemalt, das Laurie Anderson zeigt: schwarz getuschte Züge auf maronenfarbenem Hintergrund. Das Gesicht sagt, mit der Stimme von Laurie Anderson: "This is my dream body, the one I walk around in my dreams." – "Dies ist mein Traumkörper, mit dem ich in meinen Träumen umhergehe."

Alles schon da, in diesem ersten Bild von Laurie Andersons Film Heart of a Dog. Der runde Kopf mit dem Strubbelhaar, der Kobold-Blick. Die Selbstverwandlung einer Frau in ein Kunstwerk, die spielerische Transformation von Leben in Kunst. Und diese Stimme. Müsste man wählen zwischen den vielen Laurie Andersons, zwischen der Komponistin, der Performance-Künstlerin, der Sängerin Laurie Anderson, der Dichterin, Filmemacherin, Fotografin, zwischen all diesen wundersamen Möglichkeiten von Menschsein, die sich in 69 Jahren auf maximal 156 Zentimetern von Frau verdichtet haben – müsste man wählen, es wäre die Stimme.

Die Stimme von Laurie Anderson ist klar und streng und zugleich ganz soft, sie kann mit Entschiedenheit den Weg weisen oder kieksen wie ein Teenie-Girlie und hat im nächsten Moment das dunkle Timbre einer Verführerin, die Stimme wirbt und lockt in etwas, das ein Abenteuer zu sein scheint und zugleich ein Zuhause in Aussicht stellt, sie ist wie eine Hängematte, in die man sich schmiegen möchte wie ein Kind, voller Ahnung, dass unter der Stimme und der Hängematte so etwas wie die aufgesperrten Mäuler gieriger Piranhas blecken. Das Leben. Der Tod.

Die Stimme von Laurie Anderson, der wir gleich in einem Göteborger Hotel begegnen werden, erzählt in Heart of a Dog von Lolabelle, ihrem Hund. Die Stimme sagt, sie habe Lolabelle geboren, man sieht wieder eine Zeichnung, auf der einer Gestalt in einem Krankenhausbett ein Bündel überreicht wird, aus dem eine spitze Hundeschnute ragt, die Stimme sagt: "Hello, little bony head." Und dann: "I will love you forever."

Kino - "Heart of a Dog" (Trailer)

Der Satz aller Sätze. Der ultimative Herzklopfbeschleuniger. Kann man ihn so innig, zugleich so spöttisch sagen? Ist es dieselbe Stimme, die später Worte heraushaut wie: "What are the last things you say before you turn into earth?" – "Was sind unsere letzten Worte, bevor wir Erde werden?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Heart of a Dog erzählt also vom Hund. Glatthaar-Terrier. Hatte alles, was ein Hund braucht, gute Nase, super Elternwahl. Ein Zuhause bei Laurie Anderson und Lou Reed, in dieser Ehe aus Avantgarde und ranzigem Rock! Hierzu gibt es im Film dokumentarisches Material: Morgendliche Schnüffeltouren im Village, dem Hotspot der New Yorker Kulturszene. Tägliche Soundkaskaden im Tonstudio. Lolabelle wird blind und lernt Klavierspielen, der Lolabelle- Hund hat es im echten Leben zu Konzerten am Union Square gebracht, wo Aberhunderte von New Yorker Hunden ihm so aufmerksam lauschten, dass sie kleine feuchte Stellen hinterließen.

Wir treffen Lolabelles Frauchen am Rande des Göteborger Filmfestivals, wo am Abend Aberhunderte von Menschen im grandiosen barocken Theater sitzen und auf Laurie Anderson und den Film warten. Noch sind wir aber zu zweit in einem öden Hotelsaal, in dem sie, von Berlin kommend, nach Rotterdam reisend, dieses Interview gibt. Sie ist sehr klein und ihr Gesicht sehr weiß.

DIE ZEIT: Intermezzo, Laurie – Ihr Hund spielte Klavier, meiner singt. Wollen Sie mal hören?

Laurie Anderson: Oh wow! Wie wunderbar! Hören Sie, wie er den Ton aufnimmt? Und dabei bleibt, ihn auskostet – ihn hält und dann erst loslässt? Was für ein Sänger! Also er summt ja nicht. Er hält seinen Ton ...

ZEIT: Acht Sekunden lang. Warum? Wieso singt ein Hund? Oder spielt Klavier?

Anderson: Warum singen wir? Weil wir es mögen. Das scheint mir ein guter Grund zu sein!