Das Humboldt Forum im Berliner Schloss ist derzeit das größte und finanziell ehrgeizigste Projekt der Bundeskulturpolitik. Wenn es 2019 eröffnet, wird es die Kulturlandschaft der Hauptstadt verändern. Die ZEIT hat die Leiter all jener Kultureinrichtungen des Bundes zum Gespräch eingeladen, die in ihrer Arbeit vom Humboldt Forum betroffen sind, also die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Haus der Kulturen der Welt und die Berliner Festspiele – aber auch das Auswärtige Amt, das Kultur lange schon in den Dienst der Diplomatie stellt. Ignorieren die Alteingesessenen den neuen Mitspieler, oder richten sie sich mit ihm ein? Und wie könnte das aussehen?

DIE ZEIT: Sind Sie in dieser Konstellation schon einmal zusammengekommen?

Bernd Scherer: Als Runde nicht.

Hermann Parzinger: Aber sonst reden wir viel miteinander.

ZEIT: Wäre es denn sinnvoll, wenn sich diese Runde öfter träfe, im Hinblick auf die kulturellen Veränderungen in Berlin?

Thomas Oberender: Das Hinzutreten einer großen Einrichtung wie des Humboldt Forums wird die Berliner Landschaft tiefgreifend verändern. Ich glaube, die Institutionen, die wir leiten, müssen sich selbstständig und aus sich heraus begründen und bewähren. Das heißt, das Humboldt Forum ist für uns keine verlängerte Arena der eigenen Arbeit. Das Forum lässt sich gedanklich ja in drei Bereiche gliedern: Das eine ist die Sammlung, darunter gibt es eine Ebene der Universität, die diese Sammlung intellektuell reflektiert, und im Erdgeschoss gibt es ein Saisonprogramm auf den aktuellen Ausstellungs- und Theaterflächen. Auf jeder dieser Ebenen können Resonanzen mit anderen Berliner Einrichtungen entstehen, vor allem auf der dritten.

Scherer: Kulturproduktion muss sich heute global orientieren. Was sind die Herausforderungen unserer Zeit? Wir stehen vor epochalen Umwälzungen, die bestehenden Ordnungssysteme funktionieren nicht mehr, der Klimawandel beschleunigt sich, die Nationalstaaten implodieren. Dem stellen wir uns, wir entwickeln neue Formen ästhetischer und wissenschaftlicher Produktion. Im Freiraum der Kunst lassen sich die Konflikte und Antagonismen offenlegen.

ZEIT: Zwischen dem Haus der Kulturen der Welt und dem Humboldt Forum drohen thematische Überschneidungen. Wie wollen sie die vermeiden?

Scherer: Ich sehe das anders: eine großartige Ergänzung! Das HKW entwickelt mit Künstlern und Wissenschaftlern Fragen der Zukunft. Das Humboldt Forum übersetzt das Weltkulturerbe in unsere Zeit, in das 21. Jahrhundert. Wir kuratieren Ideen im Entstehen. Das Forum gewährleistet einen historischen Bezug. In dieser Komplementarität wird es natürlich Zusammenarbeiten geben können.

ZEIT: Das Goethe-Institut könnte, wie ja bereits vorgeschlagen wurde, dem Humboldt Forum mit seinem internationalen Netzwerk unter die Arme greifen. Wie kann auswärtige Kulturpolitik etwas beitragen?

Andreas Görgen: Es ist in Deutschland gute Tradition, dass die Programmarbeit im Ausland von sogenannten Mittlerorganisationen, das heißt von zivilgesellschaftlichen Einrichtungen getragen wird – allen voran vom Goethe-Institut. Unsere Aufgabe als Auswärtiges Amt ist es, über die gesamte Spannbreite von Sprache, Bildung, Kultur und Wissenschaft Freiräume im vorpolitischen Raum zu schaffen, zu erhalten und zu pflegen, in denen sich Menschen austauschen können über Verschiedenheiten. Es geht um Diskursräume, in denen sich herausbilden kann, was Außenminister Steinmeier "kulturelle Intelligenz" genannt hat: Vertretern der anderen Haltung zuzuhören – aber eben auch eine eigene Haltung zu entwickeln, kurz: die Verlängerung des Humboldt Forums ins Ausland.

ZEIT: Und was hieße das für das "Innen" der Bundesrepublik?

Görgen: Diese Erfahrung aus dem Ausland können wir ins Inland tragen und dabei klarmachen, dass der vorgebliche Austausch zwischen innen und außen in Wahrheit ein wissenschaftlicher und kultureller Diskurs ist, der lange schon die Grenzen des Nationalstaates überwunden hat.

ZEIT: Herr Parzinger, was könnte Ihre Stiftung zu einer Kultur beitragen, die im Humboldt Forum ihre eigenen Grenzen und Begrenztheiten befragt?

Parzinger: Unsere Sammlungen aus aller Welt bilden das Rückgrat des Humboldt Forums, aber wir verstehen es nicht nur als Museum, auch wenn es die Erweiterung der Museumsinsel mit ihren Sammlungen zur Kulturgeschichte Europas und des Nahen Ostens darstellt. Das Humboldt Forum ist ein neues, hoffentlich populäres Stadtquartier mit internationaler Kultur: Film wird dort ein Thema sein, auch Musik, Performatives, Forschung, Debatten, Wechselausstellungen. Da gibt es sehr viele Schnittmengen mit anderen Playern. Das ist das Tolle an Berlin, eine Stadt voller Kooperationspartner. Wir wünschen uns, eines Tages auch ein Spielort der Berlinale oder für das Kreuzberg-Museum zu sein. Die Mittlerorganisationen der auswärtigen Kulturpolitik sind für uns ebenso wichtig. Und wir merken, dass wir bei Fragen der Sammlungspräsentation ohne einen intensiven Dialog mit Vertretern der Herkunftsländer gar nicht auskommen können.

ZEIT: Abgesehen von Kooperation und Partnerschaft: Das Humboldt Forum muss diesen "Mehrwert" aus sich heraus generieren. Wer erfindet diesen eigenen, besonderen Geist der neuen Einrichtung?

Scherer: Der Mehrwert kann nicht darin bestehen, dass alle mit allen kooperieren. Kulturinstitutionen brauchen ganz eigene, spezifische Zugangsweisen. Jede Zeit muss ihre Geschichte neu schreiben. Das Humboldt Forum erzählt über die ethnologischen Sammlungen nicht nur die Geschichte der anderen, sondern auch unsere. Unsere Wissensgeschichte ist in Teilen Kolonialgeschichte: Europa entriss im 19. und 20. Jahrhundert der kolonialisierten Welt Objekte, um hier Wissen über die Welt zu ermöglichen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Oberender: Der "Mehrwert" unserer Arbeit bei den Festspielen beruht darauf, dass Kunst kein Vehikel ist. Kunst ist keine Krücke zur Erfüllung sozialtherapeutischer oder politischer Zwecke, sondern stellt einen Eigenwert dar, der entsprechende Rahmenbedingungen benötigt. Wir selbst sollten unsere Agenda setzen können und nicht Stiftungsjurys. Der "Mehrwert" von Kunst, wie wir sie im Gropius-Bau oder Festspielhaus zeigen, beruht auf ihrer andersartigen Sprache – sie verändert durch Erleben, schafft Gedächtnis und überhaupt erst die Sensibilität, das Neue zu erfassen.

ZEIT: Das Humboldt Forum mit seiner Finanzausstattung und der wuchtigen Architektur des Schlosses – kann da überhaupt etwas aus der nationalen Gravitation entkommen, anders: Kann man dort etwas machen, was nicht auf die Nation bezogen ist?