Wenn Clemens Fuest am kommenden Freitag zum ersten Mal das frisch renovierte Präsidentenbüro im noblen Münchner Stadtteil Bogenhausen betritt, dann muss er eine Entscheidung treffen, die erhebliche Folgen für das Land haben könnte. Er muss sich entscheiden, ob er Politiker nur beraten will – oder ob er selbst Politik machen will.

Fuest ist Ökonom, und den meisten Ökonomen stellt sich diese Frage nicht. Im Fall von Fuest ist das anders, und das hat mit zwei Dingen zu tun: dem Laden, den er übernimmt – und der Person, von der er ihn übernimmt.

Der Laden: das ifo Institut, die einflussreichste Wirtschaftsforschungsanstalt der Republik mit fast 200 Mitarbeitern und hervorragenden Verbindungen zu Ministerien, Verbänden und Konzernen. Wenn die ifo-Forscher einmal im Monat ihren Geschäftsklimaindex veröffentlichen, dann bewegen sie damit die Weltbörsen.

Die Person: Hans-Werner Sinn, Deutschlands berühmtester und zugleich umstrittenster Ökonom. Er hat Gerhard Schröders Agenda 2010 den Weg bereitet und war mit seiner Kritik am Euro-Rettungskurs auch so etwas wie der geistige Vater der AfD – zumindest als in der Partei noch die Wirtschaftsprofessoren den Ton angaben.

17 Jahre hat Sinn von München-Bogenhausen aus seinen Landsleuten die Welt erklärt. So wie eine ganze Generation von Bundesbürgern keinen anderen Kanzler kannte als Helmut Kohl, so ist Hans-Werner Sinn für viele Deutsche die ewige Stimme der ökonomischen Vernunft. Man kann also einiges bewegen als Institutschef in München – und deshalb hängt so viel davon ab, wie sich Clemens Fuest entscheidet.

An einem trüben Vormittag im Februar steht Fuest an einem mahagonifarbenen Pult in der Landesvertretung von Baden-Württemberg in Berlin. Auf den Tischen stehen frische Brezeln, und Sabine Christiansen führt durch das Programm. Der Softwarekonzern SAP veranstaltet einen "Innovationskongress", und Fuest wurde eingeladen, weil er eine Studie dazu verfasst hat. Es geht darum, wie das Land fit gemacht werden kann für den digitalen Wandel. Man kann dieses Thema sehr grundsätzlich angehen und über die richtige Rollenverteilung zwischen Staat und Markt philosophieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Fuest tut das nicht. Er wirft eine Menge Grafiken an die Wand und präsentiert am Ende ein paar konkrete Vorschläge: Informatik als verpflichtendes Unterrichtsfach, mehr Praktiker an die Schulen, ein europaweites Börsensegment für Start-ups, das diesen die Aufnahme von Kapital erleichtert.

Das Kleine im Großen suchen statt das Große im Kleinen: Das ist Fuests Methode, seit er als Jugendlicher bei einem Börsenspiel mitgemacht hat und sich für ökonomische Zusammenhänge zu interessieren begann. Sie hat ihn, den Lehrersohn, weit gebracht: Studienstiftung des deutschen Volkes, Promotion, mit Anfang 30 die erste Professur, mit knapp 40 der Ruf nach Oxford, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim und nun: Chef des ifo Instituts. Der vielleicht begehrteste Ökonomenjob in Deutschland.

Man stellt sich das ja häufig so vor, dass sich wirtschaftswissenschaftliche Probleme wie eine Rechenaufgabe lösen lassen. Wer klug ist und sich anstrengt, der findet das richtige Ergebnis heraus. In Wahrheit gibt es aber oft nicht eines, sondern unendlich viele Ergebnisse – und was am Ende herauskommt, hängt sehr stark davon ab, was am Anfang mit hereingenommen wird: Annahmen, Prämissen, Methoden.Christoph Schmidt, der Präsident des Sachverständigenrats der Wirtschaftsweisen, hat einmal gesagt, man könne von den Ökonomen nicht "in jedem Fall eindeutige Aussagen erwarten", und das schon gar nicht bei den wirklich wichtigen Themen der Wirtschaftspolitik. Zum Beispiel bei der ewigen Frage, was nun besser sei: Geld ausgeben oder sparen.

Die Bürger aber wollen klare Antworten hören, zumal vom Präsidenten des ifo Instituts. Hans-Werner Sinn war schließlich um eine solche Antwort nie verlegen. Und irgendwie wird vom neuen ifo-Chef auch erwartet, dass er wie sein Vorgänger den Gegenpart zu Marcel Fratzscher einnimmt. Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, das traditionell eher sozialdemokratische Positionen vertritt und zuletzt an Einfluss gewonnen hat. Clemens Fuest soll gewissermaßen das Gleichgewicht zwischen links und rechts wiederherstellen.