Der junge Mann, der über diesem Text im Bild zu sehen ist, trägt ein Trikot des Fußballbundesligavereins Bayer 04 Leverkusen. In den kommenden Tagen wird der junge Mann das Trikot wechseln, er wird ein weißes tragen, mit dem Bundesadler auf der Brust, denn Joachim Löw hat sich überlegt, dass dieser Spieler von Bayer 04 Leverkusen, der erst 20 Jahre alt ist, jetzt schon zu den besten Innenverteidigern des Landes gehört.

Das alles kann einen freuen: für den jungen Mann, für die deutsche Nationalmannschaft. Nur kann man sich an dieser Stelle auch fragen: Warum schreibt die ZEIT:Hamburg über ihn?

Weil die Geschichte des Jonathan Tah sehr viel darüber erzählt, was beim größten Verein dieser Stadt, nämlich beim HSV, in den vergangenen Jahren schiefgelaufen ist – und was in den nächsten Jahren besser laufen muss, will er nicht auf ewig weiter in Tabellenregionen rumrumpeln, die man, positiv gesprochen, als Niemandsland bezeichnen kann.

Dieser Jonathan Tah also wurde 1996 geboren, in Hamburg. Er spielte bei Altona 93 und beim SC Concordia, bevor er in die Nachwuchsmannschaft des HSV wechselte. Er fiel dort auf, wurde in die erste Mannschaft befördert und spielte sein erstes Bundesligaspiel mit 17 Jahren. Ein sogenanntes Supertalent, einer, um den man ein ganzes Team bauen kann.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wenn man es denn wirklich will.

Der HSV wollte nicht so wirklich. Als Mirko Slomka Trainer wurde, setzte er ihn auf die Bank, dann verlieh der Verein ihn nach Düsseldorf in die zweite Liga. Eigentlich keine schlechte Entscheidung, Tah war extrem jung, er musste spielen, auch Bayern München macht das so mit seinen größten Talenten. Nur dass dort ein Spieler wie Philipp Lahm seit seinen zwei Jahren, die er in Stuttgart verbrachte, genauso zur Identität des FC Bayern gehört wie das Weißbier zur Meisterfeier. Tah hingegen verkam in Hamburg gleich nach seiner Rückkehr zum Spekulationsobjekt, um die hohen Schulden des Clubs ein wenig zu senken.

Leverkusen wollte ihn, Leverkusen bekam ihn und zahlte wohl zwischen sieben und zehn Millionen Euro. Das ist natürlich viel Geld für einen 19-Jährigen, und natürlich brauchte der HSV die Millionen.

Aber was bringt das, wenn mit dem Geld, das kommt, die Zukunft des Vereins geht und seitdem Millionen für andere Spieler ausgegeben werden, von denen Joachim Löw sich nicht einmal den Namen merken wird?

Junge, extrem talentierte Spieler aus Deutschland, die aus dem eigenen Nachwuchs an die Spitze herangeführt werden und dort erfolgreich sind: Das ist das Konzept, mit dem im Grunde alle Mannschaften in Deutschland seit Jahren arbeiten. Der HSV hat auch in diesem Bereich den Anschluss verpasst. Jetzt will er aber aufholen.

Vor einigen Wochen veröffentlichte der Verein ein neues Leitbild. Neben vielen anderen Dingen, die in Zukunft sicher besser werden, steht darin, dass es das ausdrückliche Ziel sei, mehr Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in der Bundesligamannschaft zu integrieren, die dann eine "wesentliche Rolle innerhalb unserer Fußball-Identität" spielen sollen. Tah wäre genau das gewesen. Das hat der HSV vergeigt. Die nächsten Tahs heißen Mats Köhlert und Finn Porath. Nur wenn der Verein mit ihnen besser umgeht, wird es auch um seine Zukunft besser stehen.