Katharina Thalbach wohnt tatsächlich im Kempinski am Kurfürstendamm. Vorübergehend. Im schönen alten Westberlin, wo der abgefuckte Glamour einer reichen und gleichzeitig zerstörten Stadt durch die Straßen weht. Wie ein Stadtteil sein eigenes Museum ist: Da noch das Café Kranzler an der Ecke, irgendwo auch die Komödie am Kurfürstendamm, in der Katharina Thalbach viel und offenbar irre gern inszeniert und spielt. Gerade spielte sie dort in Roter Hahn im Biberpelz, einem Mash-up zweier Gerhart-Hauptmann-Stücke. Vor vierzig Jahren standen hier Georg Thomalla und Inge Meysel auf der Bühne und unterhielten die Westberliner Mittelschicht.

Thalbach war damals zwei Bezirke und ein ganzes System weiter: in der DDR, am Berliner Ensemble. Nun versucht sie, klassische Oststoffe (die DDR war es, die Hauptmann stets hochgehalten hatte!) ins 21. Jahrhundert nach Westberlin zu hieven. Ist das ihre Geschichte?

Thalbach sitzt etwas verschnupft in der Hotelbar, legt sich die Steppweste über die Knie: Erkältung. Dieses irgendwie zu Westberlin passende "Ich wohne gerade hier im Hotel" sei leider mehr pure Not als Mondänität, sagt sie. Ihre Mietwohnung, keine fünf Minuten von hier, wird renoviert, damit der Eigentümer sie dann weiterverkaufen kann. Der Preis, der aufgerufen wird und den sie beiläufig erwähnt, würde selbst desillusionierte Neuberliner schocken. Und Katharina Thalbach schockt er auch.

Sie ist also trotzdem noch eine von uns: eine Volksschauspielerin. Dazu eine, die schon jede ostdeutsche Frauenrolle gespielt hat, die vorstellbar wäre, von der Wendeverliererin über die Supermutter bis zur Bundeskanzlerin Angela Murkel (ja, mit u) im Film Der Minister.

Dass sie, Thalbach, dem ostdeutschen Theateradel entstammt – ihr Vater war Regisseur, ihre Mutter Schauspielerin in Ostberlin, auch ihre Brüder, Tochter Anna und Enkelin Nellie sind in der Branche –, spielt dabei keine Rolle. Auch, da ostdeutscher Theateradel trotzdem vor allem dies ist: im Osten wichtig, woanders weniger. Aber vor allem ist ihre Herkunft egal, weil sie, Thalbach, für sich steht. Weil jeder Zuschauer problemlos in Thalbach noch ein Mädchen aus Ostberlin erkennen kann.

"Viele Schauspieler sind auch dankbar für ihre Gefängnisse", sagt sie geheimnisvoll

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 14 vom 23.3.2016.

Das Mädchenhafte ist nie aus ihren Augen gewichen, auch wenn inzwischen ein Hauch exaltierter Hagestolz sie umgibt. Beides vermischt, ergibt das eine Art Fabelwesen. Was vielleicht ihr fröhliches Chaos von Rollen auf der Bühne und im Film überhaupt erst ermöglicht. Katharina Thalbach, eine der bekanntesten und mit Sicherheit eine der beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands, hat in ihrem Leben die Wandlung vom jungen Mädchen zu einer Art altem König – nicht zu einer Queen – durchschritten. Sie ist gut 1,55 Meter "groß" und schaut sich mit verschwenderisch großen Augen um. Stühle werden so zu Thronen und Tische zu Tafeln.

Eigentlich sind das zu viele Schubladen: Frau, Ostdeutsche, unter 1,70 Meter, über 40.

"Viele Schauspieler sind auch dankbar für ihre Gefängnisse", sagt sie etwas geheimnisvoll.

Üblicherweise beenden die Film-Parzen, also die Schicksalsgötter in Gestalt männlicher Redakteure und Regisseure, die Karrieren von Schauspielerinnen brutal, wenn diese ungefähr 48 werden. Danach können sie höchstens noch kleine Diven oder Mörderinnen spielen. Thalbachs Karriere begann in dem Alter: Erst von da an spielte sie Kanzlerinnen, Preußenkönige und Schleckerfrauen; immer mit der ironischen Verve an der Grenze zur Selbstpersiflage. Als Kanzlerin und als Friedrich der Große wurde sie bejubelt, aber nur als Schleckerfrau wirklich geliebt. Man hätte sie einfach gern als Mutter.