Heute wird Aaron Winborn sterben – vorerst, wenn es nach ihm geht. Es ist ein grauer Dienstagmorgen Ende März 2015. Aus Harrisburg, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Pennsylvania, ist der Winter schon fort, aber der Frühling ist noch nicht da. Im Vorgarten der Winborns liegen letzte, schmutzverkrustete Schneereste. Das Windspiel über der Eingangstür hängt still. Das einzige Geräusch kommt von nebenan, wo ein Nachbar sein Auto saugt.

Drinnen liegt Aaron Winborn, 47 Jahre alt, in seinem Bett, der einst stattliche Körper reglos, seit Monaten gelähmt von der Nervenkrankheit ALS. Auf dem Nachtschränkchen brennen vier Kerzen. Die Jalousien sind zugezogen. Neben dem Bett stehen seine Frau Gwen, seine beiden kleinen Töchter, seine Schwägerin. Es sind ihre letzten Stunden als Familie. Auch ein Arzt ist da. Winborn hat lange gekämpft. Heute wird es zu Ende gehen. So hat er es arrangiert. Was nicht heißt, dass er aufgegeben hat.

Draußen vor dem Haus sitzt Dennis Kowalski in seinem hellblauen Transporter und wartet. Im Kofferraum 14 Säcke Eis à 7,2 Kilogramm. Er hat sie an diesem Morgen im Supermarkt um die Ecke gekauft. Kowalski sagt: "Wenn Aaron erst mal im Eis liegt, bin ich froh."

Kowalski ist nervös. Sobald Winborn tot ist, muss er schnell sein, sehr schnell. Keine Zeit für Trauer am Totenbett. Kowalski weiß, dass der Familie das nicht gefallen wird. Es ist normal, dass Menschen um einen verstorbenen Angehörigen weinen wollen, dass sie noch mal seine Hand halten, ihn anschauen, ihm noch einmal die Stirn küssen wollen. Ihm ist unwohl bei dem Gedanken. Aber er hat Winborn versprochen, so schnell wie möglich zu sein.

Deswegen wird Kowalski gleich dabei sein, um 12.30 Uhr, wenn der Arzt Winborns Wunsch erfüllt und das Atemgerät abstellt. Der Arzt wird Winborns Puls fühlen und den Totenschein unterschreiben.

Dann wird für Kowalski ein Rennen gegen die Zeit beginnen. Aber jetzt, um kurz nach elf, sitzt er in seinem parkenden Wagen, angespannt, die Hände am Steuer, und sagt: "Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass es nicht funktioniert. Dann haben wir wenigstens einem sterbenden Mann Hoffnung gegeben."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Marcus Aurelius, Philosoph und Kaiser im alten Rom, sagte: Der Tod lächelt uns alle an. Das Einzige, was wir tun können, ist zurücklächeln.

Vielleicht geht ja auch noch mehr?

Aaron Winborn hat verfügt, dass sein kranker Körper eingefroren wird – in der Hoffnung, dass Ärzte ihn in 50, 100, 500 Jahren, wer weiß das schon, wiederbeleben und heilen können. Oder wie Kowalski sagt: to bring him back.

Dennis Kowalski stellt sich das "Zurückbringen" ein bisschen vor wie in seinem eigentlichen Job. Er arbeitet als Rettungssanitäter in Milwaukee, einer Großstadt im Mittleren Westen. Nicht wenige Menschen sterben hier bei Messerstechereien und Bandenkriegen, dazu kommen die normalen Unfälle und Herzinfarkte. Fast jede Woche reanimiert Kowalski einen Menschen. Herzmassage, 100 Mal die Minute. Beatmung alle 20 Sekunden. Der Körper ist für ihn eine Maschine. Wenn er kann, startet er sie neu. Er weiß nicht genau, wie viele Menschen er schon zurückgebracht hat. Einige waren fast eine Stunde – nein, nicht tot, aber nicht mehr am Leben. Ein Obdachloser im Schnee. Ein im Eis eingebrochenes Mädchen. Kowalski bringt ihre Herzen wieder zum Schlagen, ihre Lungen zum Atmen, dann fährt er sie ins Krankenhaus.

Im Prinzip mache er hier in Harrisburg nichts anderes, sagt er: den ersten Schritt einer Wiederbelebung.

Dennis Kowalski ist ein sympathischer Typ. Blaues Poloshirt über dem gewaltigen Bauch, schwarze Jogginghose, Turnschuhe, dichter Schnauzer. Er mag Fischen, Jagen und Bier auf der Veranda. Er war Soldat bei den Marines, arbeitete bei der Post, wurde Feuerwehrmann, dann machte er die Ausbildung zum Rettungssanitäter, seine einzige medizinische Qualifikation. Seit vier Jahren leitet Kowalski nebenher das Cryonics Institute (CI) in der Nähe von Detroit. Um nach Harrisburg zu fahren, hat er sich Urlaub genommen.

Die Kryonik ist eine alte Fantasie, verarbeitet in unzähligen Science-Fiction-Stoffen. Aber das hier ist real. Heute soll Aaron Winborn eingefroren werden: CI-Patient Nummer 132. Früher, als die Religion noch das Bild von der Welt bestimmte, glaubten nahezu alle Menschen daran, den Tod durch Gottes Hilfe zu überwinden. Heute regiert der Glaube an die Allmacht der Wissenschaft, und manche Menschen gehen so weit, dass sie der Wissenschaft zutrauen, den Tod auszuhebeln. Ihre Hoffnung ist die gleiche wie die aller Gottesfürchtigen früher und heute: Auferstehung.

Wann ist jemand wirklich tot?

"Wissen Sie", sagt Kowalski im Auto vor dem Haus, "ich verstehe, dass die Leute skeptisch sind. Aber hätte ich vor 200 Jahren jemandem erzählt, dass ich Leben retten kann, indem ich auf einen Brustkorb drücke und jemandem Luft in die Lungen puste, hätte man mich für verrückt erklärt. Wenn damals ein Herz stillstand, war der Mensch tot. Heute wissen wir es besser."

Mit dem wissenschaftlichen Fortschritt hat sich auch die Definition des Todes verschoben. Als die Medizin in den 1960er Jahren versteht, dass Menschen mit Herz-Lungen-Maschinen künstlich am Leben gehalten werden können, erklärt man den Hirntod zum definitiven Schlusspunkt. Auch diese Vorstellung wird überholt. Spätestens an jenem Wintertag 1999, an dem die junge Ärztin Anna Bågenholm im wilden Norden Norwegens, weit weg vom nächstgelegenen Krankenhaus, mit Skiern einen Hang hinunterfährt. Bågenholm rutscht an einer vereisten Felskante ab und stürzt kopfüber in einen zugefrorenen Fluss. Sie wird von der Strömung unter die Eisdecke gezogen. In einer Luftblase kann sie weiteratmen, aber sie kann sich nicht befreien. 40 Minuten lang kämpft sie, strampelt mit den Beinen, dann erschlafft ihr Körper. Zwei hilflose Kollegen können nichts als zusehen – und einen Notruf absetzen.

Als der Rettungshubschrauber eintrifft, ist Bågenholm nach allen bekannten Kriterien tot. Körpertemperatur: 13,7 Grad. Herzschlag: keiner. Atmung: keine. Hirnaktivität: keine. Dennoch versuchen Ärzte, sie zu reanimieren. Die Ärzte wärmen ihren Körper auf, und nach fast drei Stunden beginnt Bågenholms Herz wieder zu schlagen, das Gehirn arbeitet wieder. Die Kälte hatte sie nach geltender Definition getötet, ihren Körper aber gleichzeitig so konserviert, dass sie heute lebt, ohne bleibende Schäden.

Also war sie vielleicht gar nicht tot.

Anna Bågenholms Unfall hat es in die medizinische Fachliteratur geschafft. Und er hat die Forschung vorangetrieben. Im Krankenhaus der amerikanischen Universität Yale nutzen Ärzte seit einigen Jahren den Mechanismus, der Bågenholm überleben ließ. Sie kühlen Patienten während bestimmter Operationen, etwa am Herzen oder am Hirn, auf 18 Grad Celsius Körpertemperatur herunter. Die Patienten sind dann ohne Herzschlag und Hirnwellen. Nach der Operation werden sie langsam aufgewärmt, das Herz fängt wieder an zu schlagen, die Neuronen feuern wieder. An der Harvard Medical School wird eine ähnliche Methode angewendet.

"Wann ist jemand wirklich tot?", fragt Dennis Kowalski. "Ich denke, in dieser Frage ist das letzte Wort noch nicht gesprochen."

11.25 Uhr, noch eine Stunde. Kowalski steigt aus seinem Wagen. Er öffnet den Kofferraum, hievt mit der Hilfe von zwei Bestattern die blau-weißen, mit Eis gefüllten Kühlboxen auf eine Sackkarre und rollt sie ins Haus.

Aaron Winborn ist 43 und ein erfolgreicher Programmierer, als die Ärzte 2011 bei ihm ALS diagnostizieren. Sie sagen ihm, dass seine Muskeln ihren Dienst verweigern werden, erst die Finger, dann die Arme, die Beine, die Stimmbänder, am Ende die Lunge. Sie sagen ihm, dass er in seinem Körper eingeschlossen sein wird, ein wacher, kluger Geist in einer leblosen Hülle. Dass ihm noch zwei, vielleicht drei Jahre bleiben. Mehr nicht.

Winborn schreibt in sein Blog: "Ich bin wütend auf diese Krankheit. Bei dem Gedanken, dass meine jüngste Tochter vielleicht keine Erinnerung an mich haben wird, muss ich weinen." Sabina ist damals zehn Monate alt. Die ältere Tochter, Ashlin, sieben Jahre. Winborn hat Pläne. Er ist nicht bereit für den Tod – und beginnt zu kämpfen.

Als seine Finger zu schwach sind zum Tippen, installiert er eine Spracherkennungssoftware.

Als er nicht mehr laufen kann, kauft die Familie einen Rollstuhl.

Als er nicht mehr schlucken kann, lässt er sich eine Magensonde legen.

Dann lässt seine Stimme nach. Er spricht Sätze in ein Mikrofon – Good night, Ashlin und I love you, Sabina. Seine Töchter sollen ihn immer hören können.

Als die Stimmbänder ganz versagen, wird ein Computer namens Tobii sein Fenster zur Welt. Winborn steuert ihn dank Lasertechnik mit den Augen.

Er bloggt: "Ich hoffe, mein Leben wird ein Beispiel für die Widerstandskraft des menschlichen Geistes sein."

Dann, im August 2014, versagen seine Lungen. An diesem Punkt entscheiden sich die meisten ALS-Patienten für den Tod. Winborn wählt die Tracheotomie: Luftröhrenschnitt. Eine Maschine beatmet ihn jetzt. Er erkauft sich ein paar Monate, vielleicht ein Jahr.

Zur selben Zeit macht eine Aktion namens Ice Bucket Challenge auf seine Krankheit aufmerksam: Prominente schütten sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf. Bill Gates macht mit, Lady Gaga, Oliver Pocher. Millionen werden für die ALS-Forschung gespendet. Experten sagen, das könnte helfen, irgendwann ein Heilmittel zu finden. Für Winborn zu spät.

Vielleicht auch nicht, denkt er. Vielleicht kann auch er davon profitieren. In der Zukunft. Sein Körper muss es nur dorthin schaffen, damit er das Medikament bekommen kann. Winborn schreibt eine E-Mail an das Cryonics Institute.

Kryoniker gehen eine Wette ein. Niemand stirbt einfach so. Man stirbt an Krebs, an einem Schlaganfall, Winborn an ALS. All das, sagen die Kryoniker, könnte irgendwann heilbar sein.

Wenn sie ihre Wette gewinnen, leben sie weiter. Dann bevölkern sie die Zukunft wie Residuen der Geschichte, Relikte einer vergangenen Zeit. Wenn sie verlieren, bleiben sie tot. Die meisten, auch Winborn, sind Realisten, sie sagen: Wahrscheinlich wird es nicht klappen. Aber die kleinste Chance ist besser als keine. Warum es also nicht probieren?

Die Freiheit und das Einfrieren

Kowalski sagt: "Wir haben nichts zu verlieren und ein Leben zu gewinnen."

Vier Monate vor seinem Tod, Anfang Dezember 2014, sitzt Aaron Winborn im Wohnzimmer seines Hauses. Sein Atemgerät fiept und blubbert, ein Pfleger hat den Rollstuhl vor das Fenster geschoben, der Blick geht in den Garten. Letzte Woche sah Winborn hier, wie seine Töchter, mittlerweile vier und elf Jahre alt, aus dem ersten Schnee Bälle formten. Er findet, für solche Momente lohnt sich der Kampf.

Winborn will über Kryonik sprechen. Oder genauer: schreiben. Wer ihn interviewen will, muss sich neben seinen Rollstuhl stellen und Fragen in eine Tastatur tippen. Sie erscheinen dann vor ihm auf einem Bildschirm. Winborn registriert zwar noch Geräusche, versteht aber schon keine Sprachlaute mehr. Die Krankheit hat ihm vieles genommen; auch sein Gehör.

Zum Antworten navigiert er den Cursor mit den Augen. Buchstabe für Buchstabe baut er Wörter. Bis zu 20 die Minute. Die Software speichert häufig benutzte Wörter. Freedom steht direkt neben freeze. Die Freiheit und das Einfrieren, für Aaron Winborn gehören sie zusammen.

Er schreibt: "Ich weiß, die Chance ist gering. Trotzdem vergeht kein Tag, an dem ich nicht über die Zukunft fantasiere. Das spendet mir Trost."

Dann bricht er ab. Seine Augenlider sind zugefallen. Ein Pfleger muss sie ihm wieder öffnen, aus eigener Kraft kann er das nicht mehr.

Er schreibt: "Vielleicht werde ich irgendwann in den Methanmeeren des Neptun schwimmen. Ich wollte immer Astronaut werden. Ich würde gern ein Raumschiff fliegen. Aber vor allem will ich wieder Musik hören. Dass ich selbst nicht mehr Klavier spielen kann, verkrafte ich. Aber wenn meine Tochter Ashlin Für Elise spielt, und bei mir kommt nur Rauschen an, halte ich das nicht aus. Ich kann nicht mal daran denken, ohne zu weinen."

Seine Augen füllen sich mit Tränen. Der Pfleger muss sie ihm wegwischen, damit Winborn weiterschreiben kann. "Was immer die Zukunft bringt, ich will Teil davon sein."

Winborn hat in den USA gelebt, in den Niederlanden, in einer Kommune in London, in einem buddhistischen Kloster. Er war Lehrer und Puppenspieler, leitete einen Flugsimulator, ist Programmierer. Er hat ein Buch geschrieben und viele Bücher gelesen – und er hat noch nicht genug. Er lebt zu gern.

Gwen, Winborns Frau, ist dagegen, dass er sich einfrieren lässt. Sie will nicht, dass ihre Töchter mit einer ihrer Meinung nach falschen Vorstellung vom Tod aufwachsen. Aber sie akzeptiert seinen Wunsch.

Sie akzeptiert, dass Dennis Kowalski dabei sein wird, wenn ihr Mann stirbt.

Dass sie kaum Zeit für den Abschied haben wird.

Dass ihr Mann seine letzte – oder vorletzte – Ruhe nicht in einem Grab auf einem Friedhof finden wird, an dem sie Blumen niederlegen kann, sondern in einem großen weißen Behälter, der aussieht wie eine gigantische Thermoskanne.

Sie akzeptiert auch, dass ein Reporter der ZEIT dabei sein wird, obwohl sie das nicht will.

Um kurz nach zwölf spritzt der Arzt Aaron Winborn Beruhigungsmittel, die ihn einschlafen lassen. Dazu Heparin als Gerinnungshemmer. Und Morphium. Er soll nichts merken. Im Nachbarraum legt Dennis Kowalski einen weißen Stahlsarg mit Eiswürfeln aus. Der Arzt stellt das Atemgerät ab. Um 12.31 Uhr hört Aaron Winborns Herz auf zu schlagen.

Der Arzt unterschreibt den Totenschein. Er kreuzt nicht "Begräbnis" an, nicht "Verbrennung", sondern "Sonstiges". Dahinter schreibt er, falsch, cryopservation. Für ihn ist es das erste Mal, dass einer seiner Patienten sich einfrieren lässt. Richtig heißt es cryopreservation. Kryos ist Altgriechisch für "Eis".

Die Familie verlässt weinend das Haus. Kowalski rollt den Sarg neben Winborns Bett. Die zwei Bestatter, die bisher draußen gewartet hatten, helfen ihm, die Leiche hineinzulegen. Dann füllt Kowalski den Sarg mit Eis auf. Das fachmännische Einfrieren ist zu kompliziert, um es gleich an Ort und Stelle zu erledigen. Ein menschlicher Körper ist voller Blut und Gewebeflüssigkeit. Fröre man ihn einfach so ein, entstünden scharfkantige Eiskristalle, die Zellen und Adern zerschnitten und irreparablen Schaden anrichteten. Wie im Winter Rohre bersten, wenn das Wasser gefriert.

Deswegen muss Kowalski den toten Winborn so schnell wie möglich zum Cryonics Institute bringen, etwa 500 Meilen nördlich. Dort wartet ein Operationsteam. Es wird das Blut und die Flüssigkeit in Winborns Körper durch eine Art Frostschutzmittel ersetzen und dann die Leiche einfrieren.

Kowalski ist in Eile. Winborn ist seit einigen Minuten tot, erste Zellen seines Körpers sind zerfallen, und mit jeder weiteren Minute ohne Sauerstoff zerfallen einige mehr. Alles, was jetzt kaputtgeht, muss in der Zukunft von Ärzten repariert werden, sagt Kowalski. Er will den Schaden so gering wie möglich halten.

Mit der Routine des Sanitäters installiert er eine hydraulische Herzkompressionsmaschine über dem Sarg. Rhythmisch zischend beginnt sie auf Winborns Brust zu pressen. Kowalski setzt eine Beatmungsmaske auf Winborns Luftröhrenausgang am Hals und sagt zu einem der Bestatter: "Fest zudrücken. Dann strömt Sauerstoff in seine Lungen."

Der fragt irritiert: "Warum reanimieren wir ihn?"

"Wir halten seine Zellen am Leben. Wir wollen nicht, dass sie absterben."

"Kann es nicht passieren, dass er wieder aufwacht?"

"Nein. Dafür sorgen die Medikamente."

Der Bestatter hat Tausende Menschen unter die Erde gebracht. Aber noch keinen in Eis konserviert.

Es dauert keine fünf Minuten, da bekommt Winborns Gesicht, bisher aschfahl, wieder Farbe. Kowalski sagt: "Exzellent. Der Gasaustausch in seinen Zellen funktioniert." Der Bestatter fragt: "Aber das heißt doch, dass er lebt, oder?"

Ist Winborn tot oder nicht? Juristisch gesehen: ja. Der Arzt hat den Totenschein unterschrieben. Biologisch? Kommt drauf an. Es gibt kaum einen Unterschied zwischen Winborns Körper zehn Minuten vor der Unterschrift des Arztes und zehn Minuten danach. Das Herz pumpt Blut durch den Körper, wenn auch mit Hilfe von außen. Die Zellen bekommen Sauerstoff.

Bis die Ärzte der Zukunft ein Heilmittel für Aaron Winborn gefunden haben, soll möglichst jede Zelle, jedes Molekül, jedes Atom in Winborns Körper genau dort bleiben, wo sie sind. Die Verwesung, der körperliche Zerfall, muss aufgehalten werden. Das geht nur mit Kälte. Ist es kalt genug, kommen alle chemischen Prozesse im Körper zum Erliegen. Zellen sterben nicht. Moleküle zerfallen nicht. Die Adern bleiben intakt, sodass sie auch in Zukunft Blut durch den Körper transportieren können. Vor allem aber sollen all die vielen Milliarden Neuronen in seinem Gehirn genau so erhalten bleiben, wie sie sind. Denn dort, so die Vermutung, steckt Winborns Persönlichkeit. Seine Liebe für Beethoven. Die Erinnerung daran, wie seine Töchter vor dem Haus Schneebälle formten, und daran, wie sie ihn als Pirat verkleideten, mit Augenklappe und Kopftuch. Sein Rollstuhl war das Schiff.

Bleibt die physische Struktur seines Hirns erhalten, wird er vielleicht später einmal auf diese Erinnerungen zurückgreifen können. Auf sein Ich.

Die Zeit ist auf der Seite des Todes

Kälte also. Kowalski rechnet: Jede Sekunde bei Raumtemperatur entspricht einer Minute im Kühlschrank, einer Stunde im Gefrierschrank, ein paar Monaten in Trockeneis oder zehntausend Jahren in flüssigem Stickstoff. Das ist das Ziel. Die Temperatur von flüssigem Stickstoff. Minus 196 Grad. Den Stickstoff gibt es im Cryonics Institute in Detroit. Aber noch ist Winborns Körper nicht kalt genug, um die lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen.

Alle paar Minuten misst Kowalski Winborns Temperatur. 36,6 Grad – 30,6 – 23,9 – 17,2. Zum ersten Mal an diesem Tag löst sich Kowalskis Anspannung. Er sagt: "Das wird eine der besten Kryopräservationen der Geschichte." Die Bedingungen sind nahezu ideal, weil er sofort nach dem Tod mit der Kühlung angefangen hat. Was, wenn er erst hätte anreisen müssen? Was, wenn jemand beim Wandern stirbt? Allein auf einem Berg, ohne dass es auffällt? Oder in der Wüste?

Wenn ein Körper länger als 24 Stunden ungekühlt gelegen hat, sagt Kowalski, ist das Einfrieren sinnlos. Die Verwesung hat schon zu großen Schaden angerichtet. Die Zeit ist auf der Seite des Todes.

Als das Thermometer 15 Grad zeigt, sagt "Okay, los geht’s." Die Bestatter helfen ihm, den Sarg aus dem Haus und ins Auto zu schieben. Um 15.03 Uhr biegt Kowalski auf die Interstate 76 ein. Sein Handy zeigt: 502 Meilen bis zum Ziel. 7 Stunden und 19 Minuten. Zeit für ein Gespräch.

DIE ZEIT: Herr Kowalski, glauben Sie ernsthaft, man kann Aaron Winborn, der jetzt dahinten im Eis liegt, einfach wieder auftauen?

Dennis Kowalski: Sehen Sie sich den Fortschritt in der Medizin an. Wir wissen es auch nicht, aber wir wollen es wenigstens probieren.

ZEIT: Einige Leute sagen: Zeigt mir, dass es funktioniert. Dann mache ich da auch mit.

Kowalski: Aber dann wäre es nicht mehr nötig, mitzumachen. Wenn wir das Altern und die Krankheiten schon heilen könnten, müssten wir niemanden mehr einfrieren, um ihn in die Zukunft zu bringen. Dann wäre die Zukunft heute. Mir wäre es am liebsten, wenn ich nicht eingefroren werden müsste.

ZEIT: Mal vorausgesetzt, es funktioniert und man kann Aaron Winborn eines Tages wieder aufwecken. Wäre er dann wirklich derselbe? Mit seiner Persönlichkeit, seinen Erinnerungen und Macken?

Kowalski: Wir nehmen an, dass das, was Sie Persönlichkeit nennen – ich sage lieber mind –, in der Struktur des Gehirns liegt. Amputiert man einem Menschen ein Bein, bleibt er er selbst. Implantiert man ihm ein Herz, genauso. Alles deutet auf das Hirn hin. Wir glauben, dass die Persönlichkeit überdauert, wenn es uns gelingt, das Gehirn zu konservieren.

ZEIT: Das Ich eines Menschen bestünde dann nur aus ein paar richtig angeordneten Molekülen.

Kowalski: Vielleicht ist es wie mit der Musik. Unsere Persönlichkeit ist ein Lied. Unser Hirn die Schallplatte. Unser Körper der Plattenspieler. Wenn wir die Schallplatte und den Plattenspieler aufbewahren, auch wenn es nur verkratztes Vinyl und Plastik ist, können wir das Lied hören.

ZEIT: Wann wird man Ihrer Meinung nach eingefrorene Menschen wiederbeleben können?

Kowalski: In Aarons Fall, wenn man drei Dinge heilen kann: ALS. Die Frostschäden, die sein Körper beim Einfrieren erleiden wird. Und das Altern.

ZEIT: Das Altern?

Kowalski: Wir haben kürzlich einen 93-Jährigen eingefroren. Er will nicht mit seinem alten, schwachen Körper aufwachen, sondern mit einem jungen, gesunden. Die Wiederbelebung hat ja keinen Sinn, wenn das Alter einen danach wieder tötet.

ZEIT: Wie stellen Sie sich das vor?

Kowalski: Das Altern ist nichts anderes als ein chemischer Vorgang. Den muss man verstehen und aufhalten; oder umkehren. Ich stelle mir das vor wie bei einem Diamanten und einem Klumpen Kohle. Beides besteht aus den gleichen Bausteinen, aus Kohlenstoffatomen. Sie sind nur anders angeordnet. Genauso ist es bei einer jungen und einer alten Zelle, einer gesunden und einer kranken. Wir müssen die Atome in die richtige Ordnung bringen. Das wird nicht in zwei, aber vielleicht in 20 oder 200 Jahren gelingen. Wahrscheinlich mithilfe der Nanotechnologie, mit winzigen Maschinen, die gezielt DNA reparieren.

ZEIT: Sie wissen, wie weit hergeholt das klingt?

Kowalski: Kurz bevor die Wright-Brüder zum ersten Mal abhoben, hieß es: Das Fliegen kriegt die Menschheit niemals hin. Einer meiner Lieblingssätze stammt von Arthur C. Clarke: "Jede Technologie, die fortschrittlich genug ist, ist nicht zu unterscheiden von Magie." Meine Kollegen bei der Feuerwehr machen sich über mich lustig. Sie nennen mich Dr. Freeze. Aber ich habe ein dickes Fell.

Die Kryonik ist seit jeher beides – Stoff für Träume und für Spott. Journalisten stellen Kryoniker oft als Verrückte dar, als Spinner. Spricht man deutsche Wissenschaftler auf das Thema an, Biologen, Mediziner und Alternsforscher, sagen einige: Das ist spannend, einiges sogar plausibel, aber zitieren Sie mich damit bloß nicht. Die Forscher haben Angst, ihre Seriosität, ihren wissenschaftlichen Ruf zu gefährden, wenn sie sich öffentlich dazu äußern. Wissenschaftler halten sich gern an Fakten. In der Kryonik gibt es die kaum. Es dominieren Spekulationen und Hoffnungen. Dass es funktioniert, lässt sich nicht beweisen. Andererseits: Auch dass es nicht funktioniert, lässt sich nicht beweisen. Fragt man: "Können Sie ausschließen, dass es funktioniert?", hört man nie ein "Ja", sondern immer ein "Nein, aber". Ihre Skepsis begründen die Forscher mit der Komplexität der zu lösenden Probleme.

Einer der Wissenschaftler, die sich trauen, in diesem Artikel mit Namen zu erscheinen, ist der Kölner Alternsforscher Björn Schumacher. Allein der Wunsch, das Altern zu stoppen, sei hyperkomplex, sagt er. Jeden Tag fänden im menschlichen Körper Zehntausende chemische Prozesse statt, die dazu führten, dass Zellen sterben und der Mensch altert. Um das zu stoppen, müssten die Zellen laufend, quasi in Echtzeit, repariert werden. Denkbar sei das, aber sehr, sehr unwahrscheinlich, sagt Schumacher.

Im kleinen Bereich zwischen "denkbar" und "sehr, sehr unwahrscheinlich" finden Kryonik-Anhänger ihre Hoffnung. Sie wird genährt von einigen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Durchbrüchen.

Beispielsweise ist es Forschern bereits 2007 gelungen, mit Genveränderungen die Lebenserwartung von Fadenwürmern zu verdoppeln. Bei Mäusen konnten sie die Lebenszeit um 23 Prozent steigern. Warum soll, was beim Fadenwurm geht, nicht auch beim Menschen funktionieren? Warum sollen nur 23 Prozent möglich sein und nicht hundert, zweihundert, tausend?

Das Leben ist ungerecht kurz

Die Fahrt geht durch Pennsylvania, Tempolimit 70 Meilen die Stunde. Kowalski fährt schneller. Die Nachmittagssonne bricht durch die Wolken.

Es gibt zwei Kryonik-Anbieter in den USA: Kowalskis Cryonics Institute in Detroit und Alcor in Phoenix. Insgesamt 280 Menschen sind dort eingefroren, vor allem Amerikaner, aber auch Deutsche, Briten, Franzosen, Kanadier. Etwa 2.500 Menschen weltweit haben einen Vertrag abgeschlossen. Die Kryoniker sind eine kleine, wachsende Gruppe: mehr Männer als Frauen; überdurchschnittlich gebildet; viele Naturwissenschaftler; viele Atheisten und Agnostiker, aber – und das ist überraschend – auch einige sehr religiöse Menschen. Andy Zawacki, Teil des Operationsteams, das im Cryonics Institute auf Aaron Winborn wartet, ist katholisch und geht jeden Sonntag in die Kirche. Einer seiner Kollegen ist orthodoxer Jude. Beide sagen, Kryonik widerspreche ihrer Religion nicht. Kryonik sei für sie nichts anderes als Medizin. Die Zuständigkeit der Religion beginne erst nach dem Tod, dem wirklichen Tod.

Die Kryoniker eint das Gefühl, das Leben sei ungerecht kurz. Wie ein Besuch in einer Bibliothek, die einem entgegenschreit: Sieh, all diese Bücher sind interessant, aber du hast keine Zeit, sie zu lesen!

Es gibt dieses Gefühl. Und es gibt die Hoffnung. Die Operationen in Yale und Harvard. Die Fadenwürmer, die Mäuse. Und den Waldfrosch, Rana sylvatica.

Der Waldfrosch ist acht Zentimeter lang und lebt in bitterkalten Gegenden Kanadas und Alaskas. Im Winter friert er ein. Sein Herz stoppt, seine Atmung auch. Nach ein paar Wochen taut er auf und lebt weiter. Stoffe im Blut schützen ihn vor Frostschäden. Wissenschaftler wollen diesen Prozess kopieren.

Dann ist da noch das winzig kleine antarktische Bärtierchen, Acutuncus antarcticus. Vor Kurzem berichteten Forscher in der Fachzeitschrift Cryobiology über eine spektakuläre Auferstehung, die sie in ihrem Labor in Japan beobachtet hatten: Die Wissenschaftler hatten Moos aufgetaut, das Kollegen im Jahr 1983 aus der Antarktis mitgebracht hatten. Drei Jahrzehnte war es bei minus 20 Grad gelagert gewesen, und trotzdem krabbelten zwei Bärtierchen los. Eines starb. Das andere fraß – und legte sogar drei Eier.

Dem amerikanischen Kryobiologen Greg Fahy gelang es schon 2002, eine Hasenniere einzufrieren, sie eine Woche in flüssigem Stickstoff zu lagern, aufzutauen und einem lebenden Hasen zu implantieren. Zum Vergleich: Menschliche Nieren werden vor einer Transplantation maximal 48 Stunden gelagert, bei nicht annähernd so niedrigen Temperaturen.

Fahy ist es außerdem gelungen, eine anderthalb Millimeter dünne Scheibe aus einem Rattenhirn einzufrieren und nach dem Auftauen elektrische Aktivität nachzuweisen.

Warum soll, was mit einer Hasenniere geht, nicht auch mit dem menschlichen Körper möglich sein? Werden nicht jetzt schon Embryonen im frühen Stadium, Spermien und Eizellen eingefroren? Kryoniker sagen: Das Prinzip ist bewiesen, jetzt muss man es nur noch auf die Komplexität eines menschlichen Körpers übertragen. Nur noch. Womöglich wird das Jahrhunderte dauern. Wenn es überhaupt geht. Aber einmal eingefroren, haben Patienten wie Aaron Winborn alle Zeit der Welt.

In den USA fließen bereits Millionensummen in die Kryo-Forschung. Auch aus dem Silicon Valley. Nirgendwo ist der Gedanke heimischer, dass jedes Problem gelöst werden kann. Und sei es der Tod. Der bekannteste Kryonik-Förderer dort ist Peter Thiel, Milliardär, Mitgründer von PayPal und erster Investor bei Facebook. Sein Fonds, Breakout Labs, finanziert Kryonik-Start-ups.

Dennis Kowalski fährt vorbei an Pittsburgh und hinein nach Ohio. Eine Baustelle hat ihn zehn Minuten gekostet. Pause, Toilette, Cheeseburger auf die Hand, dann weiter. Um 18.37 Uhr sind es noch 330 Meilen und fünf Stunden. Die Sonne steht tief. Winborns Körper hat acht Grad.

ZEIT: Einige Menschen fragen: Warum länger leben? Ein erfülltes Leben reicht doch.

Kowalski: Ich denke, alle, die das sagen, machen einen Denkfehler. Sie glauben, ich werde irgendwann 80 sein, und mein Körper ist dann alt und krank. Unsere Prämisse ist aber ein dauerhaft junger und gesunder Körper. Und wenn Sie einen gesunden Menschen fragen: "Willst du morgen noch leben?", wird er sagen: "Ja, natürlich!"

ZEIT: Aber mal angenommen, es klappt – wäre so ein Leben in der Zukunft nicht sehr einsam, ohne Freunde und Familie?

Kowalski: Meine Frau und meine drei Söhne sind auch Kryoniker. Aber selbst wenn das nicht so wäre: Stellen Sie sich vor, Sie fliegen mit all Ihren Lieben in einem Flugzeug und es stürzt ab. Sie sind der einzige Überlebende. Würden Sie sich danach umbringen? Oder würden Sie bei aller Trauer das Beste daraus machen?

ZEIT: Man fände sich doch gar nicht zurecht.

Kowalski: Kann sein, dass man sich erst mal fühlen würde wie ein Höhlenbewohner. Aber der Mensch ist anpassungsfähig. Vielleicht gibt es dann ja eine Maschine, mit der man zehn Jahre in zehn Minuten lernen kann. Es wird ein Abenteuer.

ZEIT: Nicht auszudenken, was das für eine Welt wäre, in der niemand mehr altert. Die Erde wäre schnell übervölkert.

Kowalski: Wenn wir alle Probleme gelöst haben, die wir lösen müssen, um dahin zu kommen, ist uns bestimmt auch etwas gegen die Überbevölkerung eingefallen. Vielleicht kolonisieren wir dann andere Planeten.

ZEIT: Eine Welt ohne Tod?

Kowalski: Es wird ja weiter Unfälle geben und Kriege. Ich benutze den Begriff "informationstheoretischer Tod". Wenn so viel Information im Gehirn zerstört ist, dass man die Persönlichkeit nicht mehr wiederherstellen kann, ist man tot. Wenn ein Zug Sie überrollt, kann Ihnen die beste Medizin nicht helfen.

ZEIT: Wir würden alle viel länger leben.

Kowalski: Die Medizin hat das Leben immer verlängert. Früher starben die Menschen mit 30. Jetzt werden wir im Westen über 80. Warum sollte das das natürliche Ende sein?

ZEIT: Gibt es für Sie gar keine ethisch begründeten Einwände gegen die Kryonik?

Kowalski: Genauso könnten Sie mich fragen: Gibt es ethische Bedenken bei einem künstlichen Hüftgelenk oder einem implantierten Herzen?

ZEIT: Einige Menschen fürchten, Kryonik sei Geldmacherei. Ein Geschäft mit der Hoffnung.

Kowalski: Zeigen Sie mir einen, der daran verdient. Ich bekomme keinen Cent vom CI. Heute Nacht schlafe ich mal wieder auf der Couch im Konferenzraum, um dem Institut ein bisschen Geld zu sparen. Wenn Sie die Finanzen interessieren, es steht alles auf unserer Website. Wir sind non-profit und weisen alles aus.

Einmalig 28.000 Dollar kostet es, sich vom CI einfrieren zu lassen. Ein großer Teil davon geht an die beteiligten Bestattungsinstitute. Den Rest legt das CI an, langfristig, Gold, Fonds, Staatsanleihen, so breit, dass es fast kein Risiko gibt, sagt Kowalski. Aus den Zinsen bezahlt das Institut die laufenden Kosten. Vor allem den flüssigen Stickstoff, 1.600 Dollar alle drei Wochen.

Die meisten Kryoniker finanzieren ihre Konservierung über eine Lebensversicherung. Aaron Winborn konnte das nicht. Als er sich für die Kryonik entschied, war er bereits todkrank, die Familie stand vor dem finanziellen Ruin. Winborn, der Hauptverdiener, konnte nicht mehr arbeiten, und die Behandlung verschlang jeden Monat Tausende Dollar. Also wandte er sich an die Internetgemeinde. Er schrieb: "Viele von euch haben so viel für mich getan. Ich hasse es, nach mehr zu fragen. Vor allem, wenn es aussieht wie eine Extravaganz. Aber ist es das wirklich? Kryonik ist eine potenziell lebensrettende Maßnahme. Ich liebe das Leben. Ich habe noch so viel zu tun: Bücher schreiben, Spiele entwickeln, Lieder singen, Gärten bepflanzen, Häuser bauen, Raumschiffe fliegen. Und natürlich Menschen lieben. Bitte helft mir, meinen Todeswunsch zu erfüllen."

Es dauerte einige Monate, bis das Geld zusammen war. "28.000 Dollar – billiger geht es nicht", sagt Kowalski. "Knapper darf man nicht kalkulieren, sonst passiert vielleicht ein zweites Chatsworth."

Chatsworth. Ein Wort, ein Trauma. Die Ursünde der Kryonik, die noch heute, fast 50 Jahre später, einen langen Schatten wirft.

Einer der ersten Kryoniker war Robert Nelson, ein einfacher Mann, Fernsehmechaniker, begeistert von der Idee, aber chronisch pleite. Als Ende der sechziger Jahre einige seiner Freunde starben, lagerte er ihre Leichen in einem selbst gebauten Container. 1970 kaufte Nelson eine Gruft im kalifornischen Chatsworth. Als er den Container hinbrachte, waren bereits vier Menschen darin. Es starben weitere Freunde. Nelson fror sie ein. Ein zweiter Container kam dazu, obwohl der erste schon undicht war. Keiner der Eingefrorenen hatte Geld hinterlassen, um den Unterhalt zu finanzieren. Also zahlte Nelson alles selbst. Bald musste er fast täglich Stickstoff nachfüllen, so undicht waren die Container. 1971 ging ihm das Geld aus. Er ließ die Leichen auftauen.

"Bob Nelson hat uns sehr geschadet. Er hat es bestimmt gut gemeint, aber nicht bedacht, dass Tote keine Rechnungen bezahlen. Wir leiden noch heute unter dem Glaubwürdigkeitsverlust", sagt Dennis Kowalski im Auto. Es ist längst dunkel geworden.

Kowalski will keine Gruselgeschichten erzählen und muss es doch, um zu erklären, warum die Kryoniker ein Problem mit ihrem Image haben.

Ein schwerer Fehler, sagt Kowalski, sei es, dass Alcor, das Konkurrenzinstitut in Arizona, die sogenannte "Neuro-Präservation" anbietet. Heißt: Man muss dort nicht seinen ganzen Körper einfrieren lassen. Es reicht auch der Kopf.

Wissenschaftlich sei das logisch, sagt Kowalski. Wenn man alle Probleme gelöst habe, um jemanden wiederzubeleben und von dem zu heilen, was ihn einst sterben ließ, dann könne man auch einen jungen, gesunden Körper aus der vorhandenen DNA klonen, anstatt den alten mühsam zu verjüngen. "Aber es ist schwer genug, den Menschen Kryonik zu erklären. Wenn du dann noch mit Kopfabschneiden kommst, halten sie dich für Frankenstein. Insofern halte ich die Sache für einen PR-GAU."

Um 23.45 Uhr, nach knapp neun Stunden Fahrt, biegt Dennis Kowalski von der Autobahn ab in ein Industriegebiet nördlich von Detroit. Am Ende der spärlich beleuchteten Straße liegt das Cryonics Institute, ein einstöckiges Klinkergebäude mit angrenzender Lagerhalle. Das Rolltor steht offen. Von drinnen scheint Neonlicht heraus in die Nacht. Kowalski parkt seinen Transporter rückwärts ein, direkt neben den weißen, spezialgefertigten Fiberglas-Containern. Sie stehen in drei Reihen und reichen bis unter die Decke. Einer bietet Platz für sechs Personen. Für Winborn ist der Container vorne rechts vorgesehen.

Andy Zawacki, der gläubige Katholik, wartet schon. Bei ihm sind zwei Mitarbeiterinnen eines Bestattungsinstituts. Alle drei tragen einen weißen Ganzkörper-Schutzanzug und Mundschutz. Sie schieben den Sarg in einen angrenzenden Raum, weiß und steril, öffnen ihn und wuchten Winborn, 3,4 Grad kalt, auf den Operationstisch in der Mitte. Während der Operation darf der Reporter nicht mit im Raum sein. Zawacki und die Bestatterinnen legen Winborns Arterie am Hals frei und schließen eine Pumpe an. Sie ersetzen Blut und Gewebeflüssigkeit mit einer Lösung aus Ethylenglykol und Dimethylsulfoxid – ein Frostschutzmittel, das sich nicht ausdehnt, wenn es gefriert, sondern verglast. Die künstliche Variante dessen, was den Waldfrosch überleben lässt.

Je mehr Lösung in Winborns Körper geflossen sei, desto bronzefarbener sei seine Haut geworden – ein Zeichen dafür, dass die Blutbahnen intakt seien, sagt Zawacki nach der Operation. "Besser hätte es nicht laufen können." Dennoch: Niemand hier macht sich Illusionen. Einiges an Frostschäden wird entstehen, Neuronen im Gehirn werden voneinander getrennt werden. Die Methode ist nicht perfekt. Es bleibt die Hoffnung, dass die Ärzte der Zukunft diese Schäden beheben können.

Um 2.30 Uhr morgens, 14 Stunden nachdem Winborns Herz aufgehört hat zu schlagen, legen Zawacki und Kowalski ihn in die Kühlbox hinten in der Halle. Darin wird er auf minus 196 Grad gekühlt, ganz langsam, um Frostbrüche zu vermeiden.

Sechs Tage verstreichen, bis Aaron Winborn an einem Montag um 16 Uhr seine letzte, vielleicht auch zwischenzeitliche Ruhestätte im weißen Container findet. Eingepackt in Schlafsäcke, lagern darin schon vier andere Leichen, senkrecht, eng aneinander. Ein sehr dicker Mann nimmt viel Platz ein, aber Winborn passt noch daneben. Kopfüber lässt ihn Zawacki hinunter in den flüssigen Stickstoff, der an der Luft raucht wie nasses Holz im Feuer. Jeden Tag wird Zawacki den Pegelstand prüfen, einmal pro Woche ein bisschen Stickstoff nachfüllen.

Demnächst wollen sie hier einen Trauerraum einrichten – ein bisschen was Persönliches an einem sterilen Ort. Dort wird Gwen ihren toten Mann besuchen können, Ashlin und Sabina werden ihrem Vater nahe sein.

Am Ende seines Lebens hat Aaron Winborn versucht, seinen Töchtern das Prinzip der Kryonik zu erklären. Ashlin sagte, sie wolle so was später auch machen. Das hat ihm Mut geschenkt. Vielleicht sieht er sie ja irgendwann wieder.

Zawacki, Kowalski, Winborn und all die Menschen, die jetzt in den weißen Containern liegen: Sie haben dem Tod den Kampf angesagt. Zurücklächeln ist ihnen nicht genug. Sie wollen beweisen, dass auch der alte Römer Marcus Aurelius nur ein weiterer kluger Kopf war, der einem Irrglauben seiner Zeit aufsaß – einer Zeit, in der die Menschen im Durchschnitt etwa 30 Jahre alt wurden.