Liebe Dame von Arezzo,

in dieser kleinen toskanischen Stadt steht auf dem Corso Italia eine der erstaunlichsten mittelalterlichen Fassaden, jene der Pieve di Santa Maria Assunta. Als ich aus der Kirche mit ihren romanischen Arkaden heraustrat, bemerkte ich sie auf der anderen Straßenseite. Sie stand, den Passanten sichtbar, in einem Schaufenster, keine jener Gliederpuppen, wie sie in der Werkstatt eines Malers schon frühzeitig zum Inventar gehörten, sondern ein Mannequin aus der Barockzeit, dessen Kopf und Züge dennoch am Madonnentypus Piero della Francescas festhielten. (Wir sind schließlich in Arezzo, wo Piero seinen Freskenzyklus Die Legende vom Heiligen Kreuz in San Francesco hinterließ.)

Es gibt Porträts, deren Blicke dem Betrachter überallhin folgen. Die Dame von Arezzo weicht ihm überall aus. Sie hat offene Augen, aber sie sieht den Betrachter nicht. Lebhaft schaut sie nach innen, in ihre persönliche Welt, in das Ei auf ihrem Kopf. Unter der Taille beschränkt sich das Wesen auf ein langbeiniges Holzgestell, dessen Abstraktheit mysteriös auf das Gesamtbild einwirkt, als hätte Giorgio de Chirico seine Hand im Spiel. Undenkbar profanierend wäre es, hier einen Frauenleib vorzufinden! Dem Eindruck dieses Kopfes durfte nichts im Weg stehen.

Hoheit geht von ihm aus, die Hoheit der Figuren Pieros, dessen Marien die Empfängnis in stoischer Unschuld hinnehmen. In Pieros Pala Montefeltro thront Maria inmitten von sechs Heiligen und vier Engeln, während im Vordergrund der Auftraggeber kniet, einer der brutalsten Bösewichte des Quattrocento, der Herzog Federico mit seiner berühmten, an der Nasenwurzel gebrochenen Nase. Zugleich hängt über dem Haupt der Madonna ein Straußenei von der Decke herab. Ein im Umgang mit historischen Kleiderpuppen geübter Aretiner, Franco Fedeli, hat das Ei, Symbol von Reinheit und göttlicher Vollendung, meiner Dame direkt auf den Kopf gesetzt – ein magischer Einfall, eine Präsenz, die man sich von der Figur nicht mehr wegdenken kann, ohne ihr Geheimnis zu zerstören.

Das Gesicht meiner Dame zeigt nicht nur Hoheit, sondern auch Frische. Aber ist es noch unnahbar? Die leichte Öffnung der schön modellierten Lippen, der kaum sichtbare Anflug ihrer Zähne weist über Piero und seine Marien hinaus. Wenn ich jetzt zu ihr von Liebe spreche, will ich mit ihren Lippen beginnen ...

Alfred Brendel, 85, ist ein weltberühmter Pianist und Dichter