Das also ist der erste Gruß: Ein Overkill an Putin. Schon am Flughafen überbieten sich die Läden mit Putin-Souvenirs – Putin mit Sonnenbrille auf Tassen, Putin mit nacktem Oberkörper auf Smartphone-Hüllen, und falls die Läden doch einmal geschlossen haben, steht da eine "Patriotenbox". Für 1.500 Rubel, knapp 18 Euro, kann der Ankömmling ihr ein Putin-T-Shirt entnehmen. Der Fremde kriegt erst mal, was er erwartet – später wird die Stadt alle Erwartungen brechen.

Man fährt nach Moskau-Mitte, vorbei an grauen Hochhäusern und einschüchternden Denkmälern der Sowjetzeit, quält sich durch die Ringe dieser Stadt, erreicht das Zentrum. Man denkt an einen Satz, der auf den Solowki-Inseln über dem berüchtigten Arbeitslager stand. Passt er nicht bestens zu Stalins Ideologie, die sich, zu Architektur geworden, vor einem entfaltet? Die Zuckerbäckerhäuser flüstern ihn, die breiten Straßen brüllen ihn, die Metros kreischen ihn: "Mit eiserner Hand werden wir die Menschheit ins Glück treiben." Moskau ist Krach, Lärm, Tosen. Nichts ist still, nichts kann schweigen – nur die Millionen Toten, die man hier am liebsten vergessen möchte.

Rom umarmt den Eintreffenden, Paris bezirzt ihn, Berlin mustert ihn gelangweilt – Moskau aber schlägt dem Gast ins Gesicht. Hier ist der Mensch ein Wicht.

Unsere neue Moskau-Korrespondentin Alice Bota

Mit der eisernen Hand ins Glück – vielleicht hasten die Menschen deshalb so, wenn sie frühmorgens aus ihren Wabenwohnungen am Stadtrand ins Zentrum aufbrechen, eine Stunde mit der Metro, dem Verkehrsmittel, das meidet, wer es sich leisten kann. An einem gewöhnlichen Arbeitstag gönnen sich die Moskauer keinen Schritt zuviel, sie verschwenden keine Sekunde, sie rennen und eilen getrieben – wohin? Ins Glück? Durch Metro-Stationen, großzügig wie Paläste, mit geschwungenen Decken und Kristalllüstern. In den Waggons dagegen ist es eng, es riecht nach zu viel Mensch, manche schaffen es, im Stehen zu schlafen, niemand spricht, die Räder kreischen laut auf den Schienen, bin ich die Einzige, die sich die Ohren zuhält?

In meinen ersten Moskauer Tagen, Ende Oktober, wird über dem Sinai ein Passagierflugzeug gesprengt. Ein Terroranschlag des IS. Die meisten Opfer sind Russen. Gerüchte wabern, auch in Moskau seien Anschläge geplant, Mütter bekommen SMS, dass sie mit ihren Kindern am Wochenende belebte Orte meiden sollten. Verstört bemerke ich, wie die Angst der anderen auch mich erreicht. Jetzt steige ich in die Metro, sehe einen bärtigen Kaukasier mit großer Tasche und werde nervös. Lieber Auto fahren und täglich drei, vier Stunden im Stau stehen in einer Stadt, in der selbst die Pizza per Metro zugestellt wird?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Ein paar Tage später wirft jemand in meinem Viertel aus einem fahrenden Auto einen Sprengsatz, drei Menschen werden verletzt. Das sehe eher nach Mafia als nach Terror aus, sagen mir Freunde, der Vorfall ist schnell vergessen, das Leben geht weiter. Überall in Moskau erinnern Tafeln an die Opfer von Terroranschlägen. Seltsam erscheint es mir inzwischen, dass ich mich an das Datum der Anschlägen in Madrid oder London erinnere. Aber wer weiß schon, wann zuletzt jemand in der Moskauer Metro seinen Sprengstoffgürtel zündete und Dutzende tötete?

Nach ein paar Wochen habe ich die Choreografie der Masse erlernt. Der Gang wird schnell, aber nie federnd. Ich eile und eile, selbst dann, wenn ich nicht weiß, wohin es geht. Ich stoße die Schwingtüren zur Metro-Station auf, groß sind sie und so schwer, dass sie Kinder erschlagen könnten, und lasse sie hinter mir zufallen. Ich fahre die Rolltreppen hinab, manche länger als 120 Meter, und schiebe mich als Teilchen der Menschenmasse in einen der Waggons. Täglich fahren neun Millionen Menschen durch den Moskauer Untergrund. Ich rempele, drücke und denke mir nichts dabei.

Wer nicht hastet, ist Polizist oder gebrechlich. Die Polizisten haben Zeit, sie flanieren wie englische Lords durch die Stationen, meist zu zweit oder zu viert, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ab und zu kontrollieren sie die Papiere von Menschen, die usbekische Gastarbeiter sein könnten.

Eine Babuschka, ein Ömchen mit krummen Beinen, klammert sich ans Treppengeländer einer Unterführung, bezwingt Stufe um Stufe. Wird sie jemals ankommen? Erst nach Tagen sehe ich eine Frau mit Kinderwagen in der Metro, nach Wochen den ersten Gehbehinderten, einen jungen, trainierten Mann, der seinen Rollstuhl im Griff hat. Steigen Ältere in die Metro ein, wird sofort Platz gemacht; den Kinderwagen trägt augenblicklich jemand ungefragt die Treppe hinunter. Man hilft sich, soweit man sich helfen kann, aber diese Architektur bezwingt den Menschen. Moskau ist die Stadt des Augenblicks, des wachen, gesunden Darwinisten, der nie Kind war und nie alt wird und niemals Schwäche zeigt. Wer schwach ist, den treibt die eiserne Hand nicht ins Glück, sie zermalmt ihn.