Michael Pearson © Reuters

Der eine war ein bewundertes Vorbild seiner Branche, der andere ein verachtetes Ekelpaket. Doch Michael Pearson, Ex-Vorstandschef des Pharmaunternehmens Valeant, und Martin Shkreli, ein ehemaliger Hedgefonds-Spekulant, haben eines gemeinsam: Sie haben das Geschäft mit Medikamenten revolutioniert. Ihre simple Erfolgsformel: Möglichst auf Forschung und Entwicklung verzichten und, so weit es geht, die Preise anziehen. Die Methode ist sogar Thema im US-Wahlkampf: Donald Trump, sonst gewinnträchtigen Deals kaum abgeneigt, nannte Shkreli ein "verwöhntes Balg, das sich schämen sollte". Und Hillary Clinton, sonst mit Trump selten einer Meinung, widmete Pearsons Firma Valeant einen TV-Spot und versprach, als Präsidentin Pharma-Zockern das Handwerk zu legen.

Selbst eingefleischten Kapitalisten ist die Profitmaximierung auf Kosten der Patienten zu viel. Das Vorgehen sei "zutiefst unmoralisch", klagte Charlie Munger, Partner von Investorenlegende Warren Buffett und Beirat des Good Samaritan Hospital in Kalifornien. Doch die Schelte wird wenig helfen. Zwar ist Pearsons Unternehmen implodiert: Der Aktienkurs hat sich in der vergangenen Woche nahezu halbiert, am Montag wurde Pearson gefeuert. Und auf Shkreli wartet ein Verfahren wegen Betrugs. Aber ihr Geschäftsmodell bleibt. Es hat sich so epidemisch verbreitet wie ein ansteckendes Virus.

Selbst Top-Konzerne der Branche können sich nicht entziehen – zu verlockend sind die Gewinne, zu groß ist der Druck der Aktionäre. Martin Shkreli sei ein "nützlicher Idiot" der Branche, meint Arthur Caplan, Medizinethiker an der New York University, "die Empörung über ihn lenkt davon ab, dass es längst alle machen". In den vergangenen drei Jahren machten Netto-Preiserhöhungen bereits eingeführter Medikamente in den USA 46 Prozent des weltweiten Umsatzwachstums der großen Pharmaunternehmen aus, so eine Studie der Marktforschungsfirma SSR. Bei Merck waren es im Mittel 29 Prozent, bei Sanofi rund 30 Prozent. Die Schweizer Firma Roche verdankt den Preissteigerungen 34 Prozent des Wachstums in dieser Periode, AbbVie, Spezialist für Autoimmunkrankheiten, sogar 112 Prozent.

Shkreli hob die Preise eines Medikaments über Nacht um obszöne 5500 Prozent an

Die beiden Männer, die das alles ausgelöst haben, verbindet außer der gemeinsamen Strategie wenig. Shkreli wirkt in Kapuzenshirt und Turnschuhen wie ein düsterer Zwilling von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Der Sohn albanischer Immigranten, die sich als Hausmeister durchschlugen, schaffte es dank eines Begabtenprogramms auf eine der renommierten Schulen in Manhattan. Anfang 20 gründete er einen Hedgefonds. Seine Spezialität: gegen die Aktien von Biotechnologie-Start-ups zu spekulieren. Er habe ein Händchen dafür gehabt, Schwachstellen ausfindig zu machen, behaupten Wall-Street-Insider – und die legalen Grauzonen auszuloten. Anfang 2015 gründete Shkreli ein Pharmaunternehmen, das er Turing nannte, nach dem Mathematiker Alan Turing. Doch statt, wie großspurig angekündigt, bahnbrechende neue Mittel zu entwickeln, kaufte Turing die Rechte an einem 60 Jahre alten Medikament namens Daraprim. Dann hob Shkreli den Preis des Mittels praktisch über Nacht von 13,50 Dollar auf 750 Dollar pro Pille an – um obszöne 5.500 Prozent.

Ein Preis, der Leben kosten kann. Denn Daraprim wird zur Bekämpfung von Toxoplasmose eingesetzt, einer Infektionskrankheit. Für Menschen mit eingeschränktem Immunsystem wie Aidskranke und ungeborene Kinder im Mutterleib kann die Krankheit zu schweren Komplikationen führen, im schlimmsten Fall zum Tod. Daraprim steht auf der Liste unentbehrlicher Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation. Durch Shkrelis Preiserhöhung würden die Behandlungskosten pro Patient in manchen Fällen auf bis zu 635.000 Dollar pro Jahr hochschnellen, schrieb der Verband für Infektionskrankheiten und HIV-Medizin in einem Brief an Turing. Das sei angesichts dieser gesundheitlich anfälligen Patientengruppe nicht zu rechtfertigen und vom Gesundheitssystem nicht zu verkraften.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Shkreli blieb unbeeindruckt: "Wir leben im Kapitalismus, meine Investoren erwarten, dass ich den Profit maximiere", sagte er auf einer Konferenz der Gesundheitsbranche und meinte, eigentlich hätte er den Preis für Daraprim noch höher treiben sollen. Derweil stellte er seinen Reichtum zur Schau. Gerne zeigte er sich in Onlineforen in seinem Luxusapartment in Manhattan, im Hintergrund eine 1.000-Dollar-Flasche Lafite-Rothschild.

Geballter Zorn ergoss sich über den Jungunternehmer. Selbst erklärte Hexen verbrannten eine Voodoopuppe mit den Zügen des 32-Jährigen. Die Hacker-Aktivisten von Anonymous sind hinter ihm her, die BBC erklärte ihn gar zum "meistgehassten Mann Amerikas". Im Dezember wurde er in New York vor laufenden Kameras von FBI-Beamten abgeführt. Dabei ging es allerdings nicht um die Preiserhöhung, sondern um Anlagebetrug. Investoren seines früheren Hedgefonds beschuldigen Shkreli, ein Schneeballsystem betrieben zu haben. Er weist die Vorwürfe zurück und verteidigt trotzig Turings Preispolitik, er habe schließlich nichts anderes gemacht als seine etablierte Konkurrenz.