Das Sakko gegen das Priestergewand getauscht.

Der Kaplan steigt aus seinem Auto, er steht auf einem Parkplatz im Schnee und schaut sich um. Die Sonne fällt durch die Bäume, die Schneedecke ist dicht. Es ist noch keiner da. Der Kaplan wird heute eine Frau beerdigen, die ein halbes Jahrhundert älter war als er. Er zieht ein weißes Chorhemd über die schwarze Soutane, legt sich eine Stola um den Hals, violett. Farbe der Bekehrung, der Buße, der Trauer.

Was wird er sagen? Er hat 30 Beerdigungen im Jahr, manchmal 40. Er will Formeln vermeiden. Er ist jetzt 31 und sieht noch jünger aus, wie 25 vielleicht, er sieht gut aus. Er hatte Freundinnen und Affären. Bis zu jenem Tag, als ihm der Erzbischof die Hand auflegte, zur Priesterweihe.

Der Kaplan hat braune Augen und dunkle Haare, die sich locken, wenn er sie wachsen lässt. Er wird sagen, dass die Endgültigkeit dieser Stunde wehtut. Eine schwarze Mappe in seinen Händen, die Urne neben ihm. Er wird daran erinnern, was die Verstorbene mochte. Wie sie war.

Als er das erste Mal einen Menschen beerdigte, hatte er die Nacht davor wach gelegen. Er hatte sich gefragt, was passieren würde, wenn er den Text vergisst, sich verspricht. Diese Angst hat er abgelegt, der Segen der Routine.

Eines Tages wird er ein Kind beerdigen müssen, einen jungen Menschen, das steht ihm bevor. Er fragt sich, wie das sein wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Er schaut in den Himmel, die Hände gefaltet, der Himmel ist blau. Er prüft die Blicke der Familie: Sie sehen ihn an, sie nicken. Der Wind fegt Schnee von den Ästen, er geht auf die Trauernden nieder. Sie wischen sich über die Mäntel, senken den Kopf.

Gott, wir sind hier, traurig und bedrückt. Herr, erbarme dich. Wir sind hilflos, wir würden gerne hoffen. Christus erbarme dich.

Der Kaplan muss weiter. Er streift sich das Chorhemd über den Kopf, steigt ins Auto, setzt zurück.

Ich sitze auf dem Beifahrersitz, in stiller Bewunderung: Welche Klarheit dich begleitet, welche Ruhe.

Ich lernte Marius vor sieben Jahren kennen. Wir studierten in Freiburg. Marius schien mir eine Spur zu cool, um sein Leben dem Katholizismus zu verschreiben. Wir stellten fest, dass wir denselben Verein lieben, Eintracht Frankfurt. Er lud mich ans Priesterseminar ein, was eine fremde Welt für mich war. Er führte mich herum. Sein Zimmer, der Garten.

Marius tat etwas Anachronistisches: Er legte sich fest. Auf ein Leben für Gott und die Kirche. Auf ein Leben ohne Kinder und Frau. Ohne Sex. Ich fand das, zu gleichen Teilen, unverständlich und bewundernswert.

Warum macht er das?

Er passte nicht in mein Vorurteil, weil er nicht wie jemand wirkte, der es im echten Leben nicht auf die Reihe kriegt. Nicht wie einer, der in die Strenge der Kirche flieht, um vor den Zumutungen der Freiheit sicher zu sein: nicht weltfremd, nicht blass.

Am 12. Mai 2013 weihte ihn der Erzbischof von Freiburg zum Priester. Man schickte ihn als Kaplan in eine Gemeinde bei Heidelberg, nach Neckargemünd, in die Provinz.

Der Neckar biegt sich im Tal. Es gibt ein Stadttor, Fachwerkhäuser. Eine katholische Kirche am Marktplatz. Eine evangelische Kirche am Fluss. Das Pfarrhaus liegt am Hang. In der einen Hälfte lebt der Pfarrer, in der anderen Marius, der Kaplan. Wenn der Pfarrer im Urlaub ist, dreht der Kaplan die Anlage auf. Punkrock. Bad Religion. Marius singt mit, reckt die Faust, er imitiert einen Schlagzeuger. Im Flur hängt ein Plakat von Pro Asyl. In der Küche steht eine Espressomaschine neben zwölf Jahre altem Whiskey. Marius bietet Besuchern Bier an, verschiedene Sorten. Er fragt: "Was tut dir jetzt gut?" Er setzt sich auf einen Sessel, legt die Beine über die Lehne.

Wenn er spricht, ist es, als höre er seinen Worten hinterher, er hält inne, suchender Blick im Zimmer, Blick aus dem Fenster, sich überprüfend, ob er das, was er sagt, auch sagen will. Wir reden über Frauen, als lebe er unter den gleichen Bedingungen wie ich: Er weicht nicht aus, im Gegenteil.

Im Arbeitszimmer steht Papst Franziskus auf dem Schreibtisch, als Plastikfigur. Marius tippt ihn mit dem Zeigefinger an. Franziskus wackelt mit dem Kopf.

"Ist das ein Ja?", fragt Marius. Wir lachen.