Sehenswert ist dieser Film unbedingt, denn er spielt mit ein paar vielversprechenden Charakteren, er enthält wirklich komische Szenen, brilliert mit witzigen Dialogen, präsentiert große Stars und kann sich sogar einer gewissen anarchischen Grundhaltung rühmen. Aber leider, leider hat dieser Film auch ein gravierendes Drehbuchproblem. Das wirkt sich wie eine Krankheit aus, die ihn ungefähr in der Mitte befällt und ihn in einen großartigen ersten und einen ziemlich berechenbaren zweiten Teil zerfallen lässt. Die Krankheit heißt Rührseligkeit, wohlmeinende Sentimentalität oder auch lieb lächelnde, schniefende Kino-Anteilnahme. Es handelt sich dabei um ein Gefühl, das in diesem besonderen Genre der Kriegssatire wirklich nicht geduldet werden kann, schon gar nicht, wenn Bill Murray verspricht, die Gattung noch einmal zum Glühen zu bringen.

Hollywood kann auf eine kleine, aber feine Tradition zurückblicken. Das waren teils grandiose Filme, in denen Amerika über den eigenen Imperialismus lachte. Sie zeigten absurde Begegnungen mit fremden Kulturen unter, sagen wir mal, erschwerten Bedingungen, grotesk, überdreht, inkorrekt, ebenso witzig wie treffend. Beinahe jeden ihrer Feldzüge haben die Amerikaner mit Satiren begleitet. Nach den Golfkriegen waren diese Filme allerdings nicht mehr so gut, Three Kings oder Jarhead oder Männer, die auf Ziegen starren konnten sich nicht mehr mit den Klassikern messen, mit Catch 22 oder Mash oder mit Good Morning, Vietnam von Barry Levinson, der nun auch den hier, Rock The Kasbah, gedreht hat.

Dieses Mal schickt Levinson seinen von Bill Murray gespielten Helden nach Afghanistan. Und Kabul ist nicht die Stadt, welche die Lachmuskeln überstrapaziert. Es herrscht Ausgangssperre, als Richie Lanz die Ankunftshalle des Restflughafens betritt, er blickt in sehr finstere Gesichter, das Hotel hat keinen seiner Sterne verdient, und die seltsamen Bewohner feiern seltsame Feste. Richie Lanz ist ein depressiver, erfolgloser, aus der Zeit gefallener Musikagent aus Van Nuys, Kalifornien. Er führt seine lausige Sängerin Ronnie (Zooey Deschanel) im Schlepptau. Die beiden bilden so ziemlich das letzte Aufgebot der GI-Truppenbelustigung, eine armselige Karaokebraut und ein alter Träumer, der davon faselt, dass der Rock die Welt verändert habe und er, Richie, den Rock.

Kino - "Rock The Kasbah " (Trailer)

Kein Auftritt, nirgends, weil sich Ronnie schon nach der ersten Nacht wieder in Richtung Dubai absetzt – und leider auch aus dem Film verschwindet. Sie lässt ihren Manager ohne Geld und ohne Pass zurück. Der muss nun überleben lernen, wo gelegentlich Ziegen auf der Kreuzung explodieren und wo nach 18 Uhr niemand mehr weiß, wer gut und wer böse ist. Kate Hudson als Wunderhure Merci gleitet in Levinsons Film hinein, sonst eher profan im stacheldrahtbewehrten Wohnwagen ackernd, doch mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Und Richie lernt: Selbst wenn dich der Arsch der Welt schon verschlungen hat, taucht von irgendwo eine Blondine auf.

Es sind schräge Vögel, die in Kabul zusammengekommen sind, sie schießen, dealen, saufen und lassen den Rock ’n’ Roll nicht sterben. Bruce Willis ist ein Söldner, der seine Memoiren geschrieben hat und nun einen Verleger sucht, damit etwas von ihm bleibt. Die lustigen Waffenhändler aus der Bar (Scott Caan, Danny McBride) handeln "nur mit den Guten", während der Krieg ansonsten eine Bühne für Spaßvögel ist und das Blut woanders fließt. So soll es weitergehen, denkt der Zuschauer, alles soll eine endlose Folge von Episoden bleiben, von Szenen und Dialogen – im Zentrum Bill Murrays Gesicht.

Nachtigall in einer Berghöhle

Mitch Glazer, Drehbuch – wenn du bloß geschwiegen hättest! Denn irgendwann fängt doch noch eine "Handlung" an: Richie gelangt irgendwo in ein paschtunisches Dorf und entdeckt in einer Berghöhle ein junges Mädchen, das singen kann wie eine Nachtigall. Sie schaut heimlich Afghan Star – das ist so etwas wie Deutschland sucht den Superstar – und es ist klar, was dann passiert. Der Weg dorthin ist noch lang, aber deutlich sichtbar, es greift eine Art Filmvorsehung, welche die schlechteren Hollywoodproduktionen von den besseren unterscheidet. Richie Lanz macht die Kleine zum Star, was sonst, ohne Tschador und mit einem Lied von Yusuf, der als Cat Stevens noch tief in Richies Epoche hineinreicht. Mit dem Paschtunenmädchen im TV (Leem Lubany) zieht ein bisschen Frieden ins geschundene Land. Sogar Freudenmädchen Merci kehrt auf den Pfad der Tugend zurück.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Überlebten die jungen GIs in Vietnam einst mit Sarkasmus und lauter Musik, hier dreht Barry Levinson den Knopf leise. Der Krieg ist ein anderer geworden, ebenso sind es die USA und der Pop. Das große amerikanische Versprechen endet in Kabul als kitschiges Märchen, es hat dramaturgisch ausgedient und wirkt nicht mal mehr als Retro überzeugend. Sogar der Hauptdarsteller scheint sich in dieser harmlosen Geschichte zu langweilen. Bill Murrays Smoke On The Water vor den Paschtunen ist zum Fremdschämen schlecht. Da scheint einer nach Hause zu wollen.

Natürlich übertreibt diese Filmkritik an dieser Stelle. Selbst den sentimentalen zweiten Teil kann man ansehen. Kate Hudson und Leem Lubany entschädigen für die flache Heilslehre, wonach Erlösung nur in der populären Kultur zu erlangen sei. Bill Murray bleibt schick, auch wenn er über Strecken das Zitat seiner selbst spielen muss. Barry Levinson allerdings muss noch mal über Fehler im Drehbuch nachdenken und über die Frage, ob wirklich jede gute Idee von früher recycelbar ist.