Noch im Rennen: Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) © Jens Wolf/dpa

Immer wieder diese Zahl: 24 Prozent für die AfD. Da ist sozusagen ein Raumschiff mitten im Magdeburger Landtag gelandet, und viele Politiker verhalten sich wie folgt: Wow, ein Raumschiff, das hat man ja noch nie gesehen! Das guckt man sich also mal an und staunt. Und dann entdeckt man bei genauerer Betrachtung, dass es Wege gibt, sich links und rechts am Raumschiff vorbeizumogeln. Und fortan so zu tun, als stünde da gar nichts. Raumschiff? Welches Raumschiff?

Anderthalb Wochen nach der Wahl sind Sachsen-Anhalts Politiker von CDU bis Linkspartei zwar über den AfD-Erfolg immer noch schockiert, haben aber doch sehr schnell angefangen, sich fürs Erste lieber wieder mit sich selbst zu beschäftigen. Und zwar in sehr brutaler Weise. Es wird politisch gemeuchelt und gemordet, intrigiert und Macht organisiert. Ein einziges Köpferollen erlebt dieses Land, so blutrünstig, dass es sich nur um Kompensation handeln kann.

Am heftigsten treibt es dabei die SPD. Alle Parteien haben verloren, aber die Sozialdemokraten sind wirklich abgestürzt – von 21,5 Prozent im Jahr 2011 auf 10,6 Prozent diesmal. Was zur Folge hatte, dass Landeschefin und Fraktionschefin Katrin Budde schon am Montagabend nach der Wahl abtreten musste. Weil sie, natürlich, für das desaströse Ergebnis ihrer Partei ganz allein verantwortlich ist. Und, nur mal als Beispiel, selbstverständlich keiner der vier SPD-Minister der vergangenen Legislatur.

Am Montag war Budde jedenfalls noch im Glauben, sich als Fraktionschefin im Amt halten zu können, in die Gremiensitzungen ihrer Partei gegangen. Plötzlich jedoch erklärte Finanzstaatssekretär Jörg Felgner, ein Intimus des Budde-Rivalen und bisherigen Finanzministers Jens Bullerjahn, per Zeitungsinterview, gegen Budde in eine Kampfabstimmung um den Fraktionsvorsitz ziehen zu wollen. Worauf sich in der Parteivorstandssitzung die ganze Wut angesichts des desaströsen Abschneidens am Wahlabend gegen Katrin Budde entlud. Und sie am Ende des Abends beide Ämter los war.

Jörg Felgner wurde am nächsten Tag trotzdem nicht Fraktionschef: Denn nun schlossen sich auch die Reihen der Budde-Anhänger und wählten deren Vertrauten Andreas Steppuhn zum neuen Vorsitzenden ad interim. Der Eindruck, der nach außen entsteht, ist dieser: Die zweite Reihe dieser Partei versucht, jetzt auch noch den letzten Rest, der von der SPD übrig ist, unter sich aufzuteilen.

Wobei Burkhard Lischka, jener Mann, der wohl Budde in ihrem anderen Amt nachfolgt und neuer Landesvorsitzender werden wird, zumindest als einer gilt, der das Format haben könnte, der AfD im Landtag Paroli zu bieten. Schönheitsfehler: Lischka sitzt gar nicht im Landtag, sondern im Bundestag. So verfahren ist die Lage in der Landespartei, dass sogar SPD-Bundeschef Sigmar Gabriel – der gar nicht eingeladen war – nach Magdeburg kommen musste, um die SPD aufs Regieren einzuschwören.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 14 vom 23.3.2016.

Auch bei den anderen Parteien enden hoffnungsvolle Polit-Karrieren, zumindest vorerst: Vom neuen Star der FDP, Frank Sitta, der sich vor der Wahl noch als Frank Underwood aus House of Cards hatte inszenieren lassen, redet niemand mehr; seine Partei ist ja nicht im Parlament. Dass Linken-Fraktionschef Wulf Gallert abtreten musste (wollte, behauptet er), ist zumindest für seine Partei ein Einschnitt – zumal seinem designierten Nachfolger, Swen Knöchel aus Halle, weniger rhetorisches Geschick nachgesagt wird. Aber auch bei der Linken denkt offenbar noch keiner an die Auseinandersetzung mit der AfD.

"Dieses Zur-Tagesordnung-Übergehen ist wohl Teil des Schocks", sagt David Begrich von der Arbeitsstelle Rechtsextremismus des Sachsen-Anhalter Demokratie-Vereins Miteinander. Begrichs Arbeitsstelle müsste eigentlich "Rechtspopulismus" heißen, denn der Mann gehört inzwischen zu den AfD-Experten Sachsen-Anhalts. "Wir erleben eine tektonische Erschütterung der politischen Kultur", sagt Begrich, "da gibt es jetzt natürlich Exzesse." Man müsse den Parteien Zeit zur Rekonvaleszenz lassen. Das Problem, sagt Begrich, sei doch: Beide bisherigen Rezepte im Umgang mit der AfD seien gescheitert. "Weder die große Empörung über die AfD noch das große Wegschweigen der AfD hat funktioniert", sagt Begrich. Bis die Parteien einen Weg in der Mitte gefunden hätten, werde Zeit vergehen. "Eines werden die etablierten Parteien jedenfalls noch schmerzlich lernen: Wenn sie glauben, die AfD als zweitstärkste Fraktion wird im Landtag nur kaspern, irren sie sich." Im Gegenteil müsse man aufpassen, dass die AfD nicht morgen schon als allzu harmlose Durchschnittsfraktion wahrgenommen werde.