Was ist der Grund für die weltweite Wiederkehr der totgesagten Religion? Die naheliegende Antwort: Der Grund ist die Religion selbst. Sie verführt die aufgeklärte Seele und bringt sie um den Verstand.

Den englischen Literaturwissenschaftler Terry Eagleton kann diese Antwort nicht überzeugen, er bietet eine andere Erklärung an: Die Religion fülle die symbolische Leere, die der Sieg der säkularen Kultur hinterlassen hat. Rücksichtslos habe sich der Westen ausgebreitet und dulde das Religiöse nur noch in verdünnter Emulsion: als metaphysisches Klimbim oder bizarres Hobby. Doch je deutlicher "der spirituelle Bankrott der kapitalistischen Ordnung sichtbar" werde, desto schneller wachse das Bedürfnis zu glauben.

Für einen marxistischen Kulturwissenschaftler ist das eine verblüffende Erklärung. Für gewöhnlich stammt nämlich die These, der Fundamentalismus sei die Rückkehr der gesellschaftlich verdrängten Religion, aus dem geistigen Umfeld konservativer Denkschulen. Sie suchen die Schuld bei den gotteslästerlichen Philosophen der Aufklärung und bei linksdrehenden Atheisten ganz allgemein.

Doch auf die Aufklärung lässt Eagleton in seinem Buch Der Tod Gottes und die Krise der Kultur nichts kommen. Gewiss habe es rabiate Denker wie d’Holbach gegeben, für den Religion wie eine ansteckende Krankheit war. Doch die meisten Aufklärer, schreibt Eagleton, bekämpften nicht Gott, sondern das unheilige Bündnis von Thron und Altar – sie wollten "das Göttliche aus seiner Rolle in der Rechtfertigung politischer Autokratie befreien".

Und doch hatte die himmelhohe Vernunft der Aufklärer eine kardinale Schwäche: Sie war ein nobles Ideal, doch fern des gelebten Lebens. Die Aufklärer verkannten, dass sie die Vernunft in "lokale Bräuche, Frömmigkeit und Gefühle einbetten mussten, wenn sie gedeihen sollte" – die reine Vernunft schenkt uns "keine ekstatische Erfüllung, keinen Gemeinschaftssinn, und ganz sicher wischt sie nicht die Tränen der Trauernden ab".

Die Aufklärung war, mit anderen Worten, historisch notwendig, aber sie hinterließ eine symbolische Lücke. Die Reaktion ließ deshalb nicht lange auf sich warten. Als in der rationalisierten Welt des Frühkapitalismus "die Gegenwart Gottes schwand", musste rasch ein "Stellvertreter" gefunden werden, im Angebot war der Glaube an die "göttliche Nation" oder die Anbetung der heiligen romantischen Kunst. Am meisten jedoch ärgert sich Eagleton darüber, dass im 19. Jahrhundert ein moralisch desinfiziertes Sonntags-Christentum unters Volk gebracht wurde. Mal diente es als Weihwasser, mit dem Priester "das schlechte Gewissen der Bourgeoisie besprenkelten", mal als spirituelle Trostreserve, um das Elendsproletariat in der kapitalistischen Arbeitshölle bei der Stange zu halten.

Leider, so Eagleton, sei das Verlangen nach einer staatstragenden Nützlichkeitsreligion bis heute nicht verschwunden. Lustvoll attackiert er deshalb den Philosophen Leo Strauss, den Vater des amerikanischen Neokonservativismus. Strauss habe eine doppelte Wahrheit gepredigt: die private Religion für die Masse und den Atheismus für die Gebildeten. "Der Kapitalismus hat immer schon Bürger gebraucht, die zu Hause gläubig, auf dem Marktplatz aber Agnostiker waren."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Noch schwungvoller geht es zu, wenn postmoderne "Medienphilosophen" in Sichtweite kommen. Diese gefallen Eagleton gar nicht, er hält sie für Ministranten des Kapitals, die planvoll Kunst und Kommerz verrühren und der Gesellschaft die Sehnsucht nach dem Heiligen austreiben. Der Postmoderne "geht es nicht so sehr darum, dass es keine Erlösung gibt, als vielmehr darum, dass es nichts zu erlösen gibt". Mit dem postmodernen "Anything goes" sei zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein authentischer Atheismus entstanden, und dieser vollende nun die leere Freiheit der kapitalistischen Kultur. "Glaubenslosigkeit gehört zur Routine des fortgeschrittenen Kapitalismus."

Eagleton ist ein beneidenswerter Stilist, vor allem die schwierige Darstellung von Aufklärung und Idealismus ist hinreißend gut geschrieben. Doch seine Behauptung, der religiöse Fundamentalismus sei eine Reaktion auf die Sinnlosigkeit des Kapitalismus, ist bloß eine Behauptung.

Vielleicht will der Marxist Eagleton aber auch einfach die Wunde der Theologie offen halten. Konservative Intellektuelle, schreibt er, würden dem Christentum den moralischen Stachel ziehen und es als symbolischen Kitt für eine ungerechte Gesellschaft missbrauchen. Linksliberale Religionsverächter interessieren ihn gar nicht, vermutlich hält er sie für ungebildet. Für Eagleton bleibt das christliche Kreuz eine ultimative Provokation, denn eine Gesellschaft, die sich dem Skandal des "gefolterten Menschenkörpers" aussetze, bekomme ein Gespür für die Zerbrechlichkeit des Daseins und werde erkennen, wie sinnlos es sei, die Götzen der kapitalistischen Freiheit anzubeten. An den "extremen Forderungen der Bibel ist nichts Gemäßigtes oder Vermittelndes". Sie lasse uns keine andere Wahl als die "Solidarität mit den Armen und Machtlosen".

Terry Eagleton: Der Tod Gottes und die Krise der Kultur. A. d. Engl. v. Ulrike Strerath-Bolz; Pattloch Verlag; 290 S., 19,99 €, als E-Book 17,99 €