Die Sonderisolierstation in einem Düsseldorfer Krankenhaus © Federico Gambarini/dpa

Die ersten Symptome hielt Stefan Böhm für eine Magenverstimmung – kein Grund zur Sorge. Doch dann gesellten sich zum Durchfall Abgeschlagenheit und Schwindel, schließlich starke Kopf- und Gliederschmerzen. Ein Arzt entdeckte im Blut Hinweise auf Entzündungsherde in Böhms Körper. Ursache? Unbekannt.

Es folgte eine jahrelange Odyssee durch Arztpraxen und Kliniken mit unzähligen Therapieversuchen. Am Ende stand die unbefriedigende Diagnose, dass die Ärzte Böhms vermeintlich überlastete Psyche für die Beschwerden verantwortlich machten. Heute weiß der 44-Jährige, dass sein Leiden einen handfesten Grund hatte: Er litt an Bilharziose, einer tropischen Wurmerkrankung. Auf die Idee, nach einem exotischen Leiden zu suchen, war kein Arzt gekommen – weil Stefan Böhm nie in den Tropen gewesen war.

Bilharziose, Dengue-, Chikungunya-, West-Nil-Fieber – in südlichen Gefilden leiden Millionen von Menschen an tropischen Infektionskrankheiten. In Deutschland verbindet dagegen kaum jemand etwas mit den exotischen Namen. Das sollte sich nach Meinung von Tropenmedizinern bald ändern. Denn auch hierzulande leiden mehr und mehr Menschen an diesen Erkrankungen. Eindrücklichstes Beispiel ist das in Südostasien weitverbreitete Dengue-Fieber: 2013 registrierte das Robert-Koch-Institut nahezu 900 Dengue-Infizierte in Deutschland, 2005 waren es noch 144.

Und selten, aber immer wieder treten hierzulande auch sehr drastisch verlaufende Infektionen auf. Gerade erst steckte sich ein Bestatter mit Lassafieber an der Leiche eines Amerikaners an, der in Togo für eine Hilfsorganisation tätig und mit der Diagnose Malaria nach Köln geflogen worden war. Der Deutsche erkrankte schwer und wird nun auf einer Isolierstation behandelt.

So ein Fall ist sicherlich die Ausnahme, viel häufiger ist die Abenteuerlust verantwortlich für Infektionen mit tropischen Krankheiten. Experten halten sie sogar für den Hauptgrund des Anstiegs. Denn die Deutschen reisen häufiger und in weiter entfernte Länder als noch vor 20 Jahren. Jedes Jahr verbringen etwa drei Millionen Menschen ihren Urlaub in tropischen und subtropischen Regionen. Dort infizieren sie sich mit exotischen Erregern, die Beschwerden treten aber meist erst nach der Rückkehr auf. Und nicht immer gelingt es Ärzten, diese dann richtig zu deuten. "Viele tropische Krankheiten manifestieren sich zunächst unspezifisch in Symptomen wie Fieber, Durchfall, häufig auch Gliederschmerzen", erklärt Jonas Schmidt-Chanasit, Tropenmediziner am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut. "Deshalb werden sie leicht mit anderen, harmloseren Krankheiten verwechselt."

Da die Beschwerden gelegentlich erst Wochen oder gar Monate nach der Reise auftreten, stellen auch die Patienten häufig keinen Zusammenhang mehr zu ihrer Fernreise her. Eine Infektion bleibt dann unerkannt – nicht selten mit dramatischen Folgen. Zwar lässt sich ein Großteil der tropischen Krankheiten heute gut behandeln; werden sie jedoch zu spät erkannt, können sie bleibende Schäden verursachen oder sogar tödlich verlaufen. So kann etwa eine unbehandelte Malaria zu schweren Nieren- und Leberschäden führen. Und bei einer Infektion mit dem Dengue-Virus kann es zu gefährlichen inneren Blutungen kommen, wenn nicht richtig reagiert wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Die Krankheit ist zwar noch nicht ursächlich behandelbar, aber ihre Symptome lassen sich medikamentös stark abmildern. Komplikationen kann man so abwenden. Stefan Böhms Wurmerkrankung, die Bilharziose, ist sogar gut therapierbar – wenn sie denn schnell erkannt und mit Wirkstoffen bekämpft wird, die Würmer abtöten. Geschieht dies nicht, nehmen befallene Organe häufig schweren und irreparablen Schaden.

Viele Ärzte fragen bei ungewöhnlichen Symptomen inzwischen nach Auslandsaufenthalten. Was aber, wenn ein Patient nie im tropischen Ausland war, wie Stefan Böhm? Wie konnte er sich in Deutschland anstecken? Ganz einfach: Einige Erreger tropischer Infektionskrankheiten sind inzwischen weiter in den Norden vorgedrungen. "Dabei handelt es sich um zoonotische Infektionen, also um Infektionen mit Erregern, die nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden, sondern von Tier zu Mensch", erklärt Jürgen Schäfer, Leiter des Marburger Zentrums für unerkannte und seltene Erkrankungen. Er stellte bei Stefan Böhm schließlich die richtige Diagnose.

Krankheitsüberträger sind dann exotische Heimtiere wie Nager, Reptilien, Ziervögel oder Zierfische, mit denen unkontrolliert und immer häufiger per Internet gehandelt wird. Schäfer und sein Ärzteteam nennen dieses Phänomen deshalb scherzhaft "Morbus Amazon", nach dem Onlinehandel-Portal. Der Rat des Arztes: Exotische Haustiere sollten ausschließlich von zertifizierten heimischen Händlern gekauft werden. Sonst wird die Tierliebe auch mal lebensgefährlich. Wie bei Stefan Böhm, der als Hobby-Aquarist seine Süßwassergarnelen und Aquarienpflanzen auf einer Messe kaufte. An den Algen hafteten die Larven von Wasserschnecken – vermutlich die Wurmüberträger.

Doch nicht nur der Hang zu Wildtieren bereitet Experten Kopfzerbrechen. Mit Sorge beobachten sie auch, dass sich Mücken, die in Afrika und Südostasien heimisch sind, nach Europa ausbreiten. "Hauptursache ist der anwachsende interkontinentale Warenverkehr", sagt Tropenmediziner Schmidt-Chanasit. Gemeinsam mit Importgütern gelangen Mückeneier und -larven in Schiffscontainern, Lkw und Flugzeugen nach Europa. Anders als heimische Insekten sind sie ideale Überträger – sogenannte Vektoren – für exotische Erreger. Stechen sie ein infiziertes Tier oder einen Menschen, können sie das Virus beim nächsten Stich an Gesunde weitergeben.

Auch im Urlaub lauert die Gefahr. In der Vergangenheit steckte sich eine Reihe von Deutschen beim Baden am Fluss Cavo in Südkorsika mit Bilharziose an. In Italien, Kroatien und Teilen Frankreichs gilt die Asiatische Tigermücke bereits als heimisch, sie überträgt Dengue- und Chikungunya-Viren. 2014 sind mindestens 18 Deutsche von ihrem Karibikurlaub mit dem Chikungunya-Virus zurückgekehrt, es verursacht lang andauernde Gelenkbeschwerden. Nun konnten sogar in Süddeutschland Exemplare der Tigermücke nachgewiesen werden.

Wie sollen sich Ärzte und Kliniken nun auf die neue Situation einstellen? Woher sollen sie die Erfahrung nehmen, die der Umgang mit einer tropischen Erkrankung erfordert? Schließlich ist die statistische Wahrscheinlichkeit, jemals einen Patienten mit exotischen Infektionskrankheiten behandeln zu müssen, insbesondere für kleine Praxen und Kliniken immer noch äußerst gering. Und nicht jedes mysteriöse Krankheitsbild kann gleich als potenziell tropenmedizinisches Problem eingestuft werden. Schmidt-Chanasit rät dennoch, beim leisesten Verdacht auf Nummer sicher zu gehen. "Vor allem bei hartnäckigen Durchfallerkrankungen sollten Ärzte eine Tropenkrankheit immer im Hinterkopf haben", sagt er.

Bei unklarem Krankheitsbild gehört die Frage nach lang zurückliegenden Fernreisen zwingend zur Anamnese, genauso wie die Erkundigung nach Haustieren und Hobbys. Im Verdachtsfall sollten die Ärzte Blut- und Stuhlproben des Patienten direkt an eines der deutschen Zentren für Tropenmedizin senden. "In nicht spezialisierten Großlaboren wird in der Regel nur auf gängige Erreger wie Malaria und Dengue geprüft", so Schmidt-Chanasit. Es existieren aber über eintausend tropische Infektionskrankheiten.

In naher Zukunft müssen sich die Deutschen dennoch nicht auf lokale Ausbrüche solcher Keime einstellen. "Es gibt keinen Anlass zu Panik und Aktionismus", beruhigt Schmidt-Chanasit. "Sehr wohl aber zu Wachsamkeit. Wir beobachten, was in anderen Ländern geschieht, und wollen vorbereitet sein."

Deshalb haben Schmidt-Chanasit und seine Kollegen 2012 damit begonnen, die Einschleppung der tierischen Überträger nach Deutschland systematisch zu erfassen. An Einfallpforten wie Häfen, Flughäfen und Autobahnen haben sie Mückenfallen aufgestellt. Tauchen die exotischen Zweiflügler auf, lassen sich Eigelege und potenzielle Brutstätten beseitigen. Wichtig ist es auch, Infizierte schnell und konsequent zu behandeln – damit sich nicht andere Mücken mit ihrem verseuchten Blut nähren und die gefährlichen Viren womöglich mit dem nächsten Stich weiterverbreiten.

Für Stefan Böhm kam diese Behandlung zu spät. Zwar konnte eine Therapie, die nach der Diagnose eingeleitet wurde, die Würmer in seinem Körper abtöten. Doch nach fünf Jahren hatten sie schwere bleibende Schäden hinterlassen. Er gilt heute als schwerbehindert und ist berufsunfähig.