In wenigen Wochen veranstaltet die Hamburger Stadtreinigung wieder ihre alljährliche Aktion "Hamburg räumt auf". Im vergangenen Frühjahr zogen im Rahmen der Veranstaltung mehr als 67.000 Menschen fröhlich durch die Straßen der Hansestadt, um in ihrer Freizeit Müll einzusammeln. Scharenweise haben sie jene Arbeit erledigt, für die sie die Stadtreinigung normalerweise bezahlen: die Stadt zu reinigen. Deswegen heißt sie so. Nur fällt das offenbar niemandem mehr auf, sobald die Putzaktion erst einmal zum Event für die ganze Familie erklärt wurde, mit "tollen Aussichten auf attraktive Gewinne".

"Papi, was machen wir heute?"

"Mein Sohn, wir werden Happy-Meal-Reste vom Bordstein schaben und einen ganzen Beutel feuchtwarmer Taschentücher sammeln."

"Toll Papi! Du bist der Beste!"

Auf ihre Leistung können die vielen Teilnehmer stolz sein. Und schöne Gewinne gibt es auch; vorwiegend für die Stadtreinigung allerdings. Spielt jeder Freiwillige auch nur eine Stunde lang den Straßenfeger, entspricht das aufs Jahr gerechnet mehr als 30 Vollzeitstellen. Kein Wunder, dass inzwischen auch Wiesbaden seinen "Dreck-weg-Tag" veranstaltet, der Landkreis Darmstadt seine "Müllsammelaktion", Neu-Isenburg einen "Frühjahrsputz" und Berlin gleich ein halbes Dutzend verschiedener Putz-Partys. Städte und Gemeinden folgen damit einem Trend, den Unternehmen längst praktizieren. In einer neuen Form der Public-Private Partnership geht es vor allem darum, andere kostenlos für sich arbeiten zu lassen: mal den Bürger. Mal den Kunden. Und stets getreu dem Motto: Mach du mal!

Dann räumt man eben auch noch fremden Müll weg. Den eigenen verteilt man zu Hause ohnehin schon auf ein halbes Dutzend Tonnen und Container. Ist alles nur konsequent: Man fährt persönlich zur Packstation, um Pakete abzuholen, als sei man der Postbote. Schiebt Einkaufswagen wie ein Supermarktmitarbeiter zusammen. Bei Starbucks holen Kunden ihren Kaffee am Tresen ab. Bei Vapiano tragen sie wie Kellner ihre "Homebaked Pizza" quer durch die "inspirierende Atmosphäre, die all Ihre Sinne erfrischt". Dieses erfrischende Gastronomiekonzept heißt übrigens fast casual, was tatsächlich inspirierender klingt als "Selbstbedienung", aber dasselbe meint. Doch wer denkt schon darüber nach, wenn er brav die Reste seines McDonald’s-Menüs zur Rückgabestation bringt – obwohl er sie ja auch einfach auf die Straße kippen und damit den "Hamburg räumt auf"-Putzengeln eine Freude machen könnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

Jeder einzelne Handgriff macht wenig Arbeit, die Summe aller Handgriffe jedoch sehr viel. Dahinter steht ein mehrstufiges ökonomisches Konzept, das Konzerne wie öffentliche Dienstleister gleichermaßen verwenden: Verkaufe so viel wie möglich, um deine Erträge zu steigern. Lassen sich deine Erträge nicht mehr steigern, senke die Kosten, indem du deine Kunden für dich arbeiten lässt. Halte sie dabei ständig auf Trab, oder lulle sie ein, dann merken sie es nicht. Nenn es "Lifestyle" oder "bürgerschaftliches Engagement", das zieht immer. Die freiwilligen Räumkommandos in Berlin dürfen sich Müllmänner honoris causa nennen: "Kehrenbürger". Das klingt schön nach Ehrenamt.

Berauscht von Lifestyle-Idylle, Event-Wahn und dem Traum einer engagierten Zivilgesellschaft, wird leider übersehen, wie sehr die schöne Idee des Mit- und Selbermachens mittlerweile ausgebeutet wird. Ganze Wirtschaftszweige verdienen daran – von Baumärkten über öffentliche Dienstleister bis hin zu Softwarekonzernen. Die einen verkaufen die passende Ausrüstung, andere bürden ihren Mitmenschen heimlich alle möglichen Kosten auf, und wieder andere spannen sie direkt als Hilfskräfte ein. Im Ergebnis wollen sie alle etwas: die einen Geld, die anderen Zeit. Und sie bekommen, was sie wollen.

Das Geschäftsmodell wird Konsumenten mit wohlklingenden Botschaften als Lebensgefühl untergejubelt: Es ist ganz einfach! Es geht schneller! Es bereichert dein Leben!

Von wegen.

Einfach ist gar nichts. Das wird nur behauptet. Erstaunlich ist bloß, dass diese uralte Masche noch immer funktioniert. Was für die einen das Müll- und Geschirrwegräumen darstellt, ist für die anderen der Wochenendbesuch im Baumarkt. Wo sie alles kaufen, was sie zum Selbermachen unbedingt brauchen.