Christ und Welt: Sie sind gerade in Jerusalem. Ist Ihnen dort schon ein Wunder über den Weg gelaufen?

Christoph Markschies: Gelegentlich sieht man hier, wo die Religionen so schwer zusammenleben können, Szenen der Verständigung und des Miteinanders. Die würde ich angesichts der fürchterlichen Geschichte und der Gegenwart als Wunder bezeichnen.

C+W: Reicht das für ein Wunder, wenn Geschichte glimpflich verläuft und das Miteinander klappt?

Markschies: Im Nahen Osten ja.

C+W: Wir dachten eigentlich an ein anderes Wunder: Ostern. Das Grab war voll. Diese These hat sich durchgesetzt. Warum ist der Wunderglaube stärker?

Markschies: Ich widerspreche. Das ist eine Minderheitsmeinung der Forschung. Und historisch betrachtet ist es eine Behauptung, genauso wie die Rede vom leeren Grab.

C+W: Wie begründen Sie Ihren Widerspruch?

Markschies: Die Aussagen der Zeugen im Neuen Testament, dass das Grab leer war, verdienen es, geglaubt zu werden. Als Historiker schenke ich zunächst einer in Quellen niedergelegten Position Vertrauen. Es sei denn, es gibt eindeutige Evidenzen, die mich zwingen, einer Quelle nicht zu glauben.

C+W: Also glauben Sie an ein leeres Grab …

Markschies: Ja.

C+W: Kann ein guter Christ auch nicht an Wunder glauben?

Markschies: Selbstverständlich. Aber ein Christenmensch sollte sich mit der Ansicht des Apostels Paulus auseinandersetzen, dass unser Glaube leer ist, wenn es keine Auferstehung der Toten gibt und Christus nicht als Erster von den Toten erstanden ist.

C+W: Das Wunder ist das Unbegriffene. Je mehr aber das Unbegreifliche begreiflich wird, umso mehr wird das Wunder entzaubert. So geschah es in der Aufklärung.

Markschies: Ich warne davor, die Aufklärung so stark zu machen. Entzauberung gab es auch schon in der Antike. Es kommt auf den Blickwinkel an: Mediziner haben schon damals Heilungen anders erklärt als Nichtmediziner. Das hat zunächst einmal nichts mit Fortschritt zu tun. Ich stimme Ihnen in der Definition von Wunder zu. Doch warne ich davor, die kritischen Debatten über Wunder in der Antike zu unter- und die Bedeutung der Neuzeit zu überschätzen.

C+W: In Goethes Faust steht: "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind." Es ist ein Erweis göttlicher Macht. Sollte Glaube aber nicht ohne solche Erweise auskommen, um Glaube zu sein?

Markschies: Es wäre eine ziemliche menschliche Selbstüberschätzung, zu denken, dass die Grenzen unseres Verständnisses der Welt auch die Grenzen der Welt an sich wären. Die Auffassung, nur das, was ich mir zufällig mit dem Verstande zusammenreimen kann, geschieht, die würde ich für genauso ärmlich halten wie die, dass ich nur deswegen glaube, weil es mir durch bestimmte Wunder bewiesen wird.

C+W: Das heißt, sich weder allein an Wunder zu halten noch an die Wissenschaft?

Markschies: Besser so: Man soll den Stand aktueller wissenschaftlicher Erklärungsmodelle nicht für der Weisheit letzten Schluss halten.

C+W: Kann jedes Wunder irgendwann durch Wissenschaftsforschung erklärt werden?

Markschies: Ich bin kein Prophet. In der Philosophie gibt es die Denkfigur eines allumfassenden Wissens, das die Christen Gott zuschreiben. Dass freilich ein Mensch irgendwann diesen Erkenntniszustand erreicht, scheint mir ziemlich unwahrscheinlich.

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C+W: Sind Wunder immer positiv besetzt?

Markschies: Wunder ist erst einmal keine moralische Kategorie. Im Griechischen heißt Wunder: das, was mich Staunen macht. Und was ich nicht erklären kann. Der Theologe Ernst Troeltsch sagte: In den Geschichtswissenschaften kann nur als historisch akzeptiert werden, was in einer Kontinuität steht und nach denselben Mechanismen funktioniert wie andere historische Ereignisse. Das ist aber eine sehr problematische Position, weil es dann keine Neuheit in der Geschichte gäbe, etwas, was sich nicht aus Vorherigem ableiten lässt.

C+W: Kann man Gott erpressen? Erst wenn er ein göttliches Zeichen sendet, beten wir ihn an?