"Afrikaner philosophieren nicht", so scheint die große Mehrzahl der Philosophen hierzulande noch immer zu denken. Afrikanische Philosophie gehört in der Regel jedenfalls nicht zum Lehrstoff an deutschen Universitäten, obgleich es in den vergangenen Jahren durchaus zu verdienstvollen Versuchen kam, die Debatten über Existenz und Eigenarten einer afrikanischen Philosophie auch im deutschsprachigen Raum stärker zu verankern. An diese Bemühungen schließt nun eine Anthologie an, die – zum Teil ältere – Texte einiger der aktuell wichtigsten afrikanischen Intellektuellen versammelt. In ihrer Einleitung bieten die Herausgeber einen gelungenen Überblick zu den Trends des afrikanischen Denkens. Ihr Anliegen, die eurozentrische Vorherrschaft in der politischen Philosophie von den Rändern aus zu hinterfragen und auf diese Weise zu neuen Horizonten zu gelangen, passt zu den umfassenderen Debatten über die Neujustierung globaler Wissensordnungen.

Wer von den Autoren des Bandes lediglich den Reiz exotischer Weisheiten erwartet, wird nicht auf seine Kosten kommen. Was die Vielzahl ihrer Stimmen und Richtungen durchzieht und das Gemeinsame und Lebendige der Aufsätze ausmacht, das ist der Versuch, in der Auseinandersetzung mit globalpolitischen Themen ein neues kulturelles Selbstbewusstsein Afrikas zu erarbeiten. Dabei stellen sie Großkonzepte wie Demokratie, Freiheit, Gender, Menschenrechte und Kosmopolitismus kritisch auf den Prüfstand, ohne einem simplen Kulturrelativismus zu frönen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

Paulin J. Hountondji aus Benin etwa, einer der bekanntesten Philosophen Afrikas, kritisiert zwar den europäischen Anspruch, die Menschenrechte erfunden zu haben. Zugleich mahnt er aber, dass afrikanische politische Eliten sich dem universalen Anspruch von Menschenrechten nicht einfach entziehen dürften. Der nationalistische Diskurs habe im Namen einer afrikanischen kulturellen Originalität die Universalität der Menschenrechte und jegliche vom Westen ausgehende Wertvorstellungen zurückgewiesen. Hier offenbare sich eine Haltung, die, "genau betrachtet, dem klassischen Eurozentrismus gar nicht so unähnlich ist". Emmanuel Eze, der nach seinem Studium in Nigeria und Kongo in Chicago wirkt, warnt vor der Tendenz afrikanischer Philosophen, ein aus vermeintlich traditionellen Strukturen hergeleitetes "Konsensprinzip" als demokratischen Gegenentwurf zu westlichen Modellen zu proklamieren. Nkiru Nzegwu, in Nigeria ausgebildet und heute ebenfalls Professorin in den USA, tadelt einen Teil der Genderforschung als "geschichtsvergessen". Viel gelesene Autorinnen wie Martha Nussbaum übertrügen die westliche Geschlechterproblematik umstandslos auf den afrikanischen Kontext, ohne diesen zu kennen.

Der kamerunische, in Südafrika lehrende Historiker Achille Mbembe, der unlängst den Geschwister-Scholl-Preis erhielt, plädiert schließlich für eine ästhetische und ethische Haltung, die sich von älteren, ethnisch fundierten Formen der Identität wie einem "afrikanischen Sozialismus" oder "Panafrikanismus" löst: den Afropolitanismus als Ausdruck einer Politik der Offenheit, die sich nicht zuletzt in der südafrikanischen Metropole Johannesburg finden lasse. Dort formiere sich vor dem Hintergrund einer Geschichte der rassistischen Gewalt und Ausbeutung eine neue Kultur der Toleranz und Kreativität. Afrikanisches Denken kann auch so optimistisch sein.

Franziska Dübgen/Stefan Skupien (Hrsg.): Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen; Suhrkamp, Berlin 2015; 353 S., 18,– €