Und dann wird es laut im Raum 139 der Carl-Bantzer-Schule, einer Gesamtschule in Schwalmstadt bei Kassel. Die Schüler der Stufe 10 diskutieren, lachen, einer flüstert "pssst", der andere ruft: "Komm, sei ehrlich." Es geht um: Geld – und die Frage, wofür man es unnötigerweise ausgibt. Klamotten, die dann nur im Kleiderschrank rumliegen, sagt Jara. Teure Handyspiele, sagt Bastian. Alkohol, ruft irgendwer, und Zigaretten.

Es ist die dritte Stunde an einem Freitag: Unterricht im Wahlpflichtfach "Mein Geld", wie jede Woche. Im Raum hängt noch der Geruch von Schwefel aus der Chemie-Stunde, doch jetzt steht Jörg Uhlenbrock im Nadelstreifenanzug hinterm Pult. Er ist eigentlich Anlageberater in Kassel, an diesem Tag aber als Geldlehrer im Einsatz. So wie etwa 100 andere Ehrenamtliche, die sich im Verein Geldlehrer engagieren und an Schulen im ganzen Bundesgebiet unterrichten: Geldanlage und Zinseszinsen, Kredite und Altersvorsorge. Ihr Ziel: finanzielle Bildung an Schulen zu fördern. Denn die ist unter Jugendlichen nicht besonders weit verbreitet.

Die Zahlen geben den Geldlehrern recht: Rund die Hälfte aller Schüler und Schülerinnen ab 14 Jahren hat schlechte Wirtschafts- und Finanzkenntnisse, wie eine aktuelle Studie des Bankenverbands zeigt. Zwei von drei Befragten haben nach eigenem Bekunden von der Börse "keine Ahnung", drei von vier wissen nicht, was Rendite ist. Doch die Jugendlichen würden das gerne ändern. Die große Mehrheit wünscht sich, dass Schulen wirtschaftliche Zusammenhänge besser vermitteln, zwei Drittel fordern ein Schulfach "Wirtschaft".

Verbraucherschützer sehen die Politik in der Verantwortung, doch in vielen Bundesländern sei Finanzbildung noch nicht in den Lehrplänen verankert, sagt Melanie Weber-Moritz von der Deutschen Stiftung Verbraucherschutz. Deswegen unterstützt die Stiftung Projekte, die die Finanzkompetenz von Kindern und Jugendlichen fördern – in Workshops sollen sie zum Beispiel lernen, wozu man ein Girokonto benötigt, welche Versicherungen wichtig sind und wie man Kostenfallen bei Verträgen erkennt und meidet. Neben vier Schulen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen unterstützt die Stiftung seit Januar vier Schulen in Hamburg dabei, Verbraucherbildung in den Unterricht zu integrieren.

Aber auch Banken und Versicherungen wollen die Lücke füllen: Die Allianz hat mit zwei Partnerunternehmen die Initiative My Finance Coach ins Leben gerufen, die Jugendliche für den "verantwortungsbewussten Umgang mit Geld sensibilisieren" soll; der Bankenverband und die Europäische Bankenvereinigung sind mit eigenen Projekten am Start. Verbraucherschützer sehen das kritisch: "Wenn Unternehmen an Schulen gehen, besteht die Gefahr, dass sie für sich oder bestimmte Finanzprodukte werben", sagt Verbraucherschützerin Weber-Moritz. "Solch eine einseitige Beeinflussung darf es nicht geben."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

In Schwalmstadt lässt Anlageberater Jörg Uhlenbrock die Schüler rechnen: Wie viel Geld kostet es pro Jahr, wenn man jede Woche für vier Schachteln Zigaretten 24 Euro ausgibt? Und wie viel Vermögen könnte man aufbauen, wenn man die 1.200 Euro stattdessen jedes Jahr an der Börse anlegen würde? Philip, Nietenarmband und Star Wars-Kappe, tippt in den Taschenrechner, dann zeigt er auf: "Eine ganze Menge", sagt er, "bei durchschnittlich acht Prozent Rendite pro Jahr wären es nach zehn Jahren mehr als 18.000 Euro."

Die Geldlehrer betonen, dass sie die Schüler nicht beeinflussen wollen. Die Dozenten dürften nicht für Produkte oder Firmen werben, sagt Grischa Schulz, der Gründer der Initiative. Zudem begleite stets ein Lehrer der Schule den Unterricht. Fragt man die Leitung der Carl-Bantzer-Schule, ist die Meinung einhellig: Man sei "sehr dankbar" für den Finanzen-Unterricht, sagt Wolfgang Marek, pädagogischer Leiter. Schulleiterin Heidrun Elborg ist überzeugt, dass ihre Schüler bessere Chancen auf einen Job haben, wenn sie daran teilnehmen – weswegen sie dafür nicht nur eine Note, sondern auch ein Zertifikat bekommen. Und eine Lehrerin sagt: "Hätten wir das mal in der Schule gelernt, wir könnten heute sicher viele Finanzfragen besser einschätzen."

Zum Beispiel jenes Versprechen, über das Geldlehrer Uhlenbrock am Ende der Stunde diskutieren lässt. Er hat ein Buch mitgebracht, es heißt: "In sieben Jahren zur ersten Million." Er fragt, welche Sparraten und Renditen notwendig wären, um dieses Ziel ohne Startguthaben zu erreichen. Die Schüler rechnen und diskutieren. Am Ende wird klar: Das kann nicht klappen. Nicht einmal, wenn man vom Kettenraucher zum Nikotin-Totalverweigerer wird.