Es ist der erste Morgen nach dem Anschlag in Brüssel. Unser Treffen ist seit Langem verabredet. Boualem Sansal hat einen Roman geschrieben, der Das Ende der Welt heißt. Darin geht es um eine Glaubensdiktatur im Jahr 2084. Eine einzige Religion beherrscht den Planeten. Widerspruch, Pluralismus, unreligiöse Gedanken sind ausgelöscht, ebenso alle Erinnerungen an die Vergangenheit. Die Welt ist zusammengeschrumpft, wüst und leer, es gibt nur noch den Propheten und seine willenlosen Untergebenen. Michel Houellebecq hat dem Roman seinen Segen erteilt. Die Franzosen haben das Buch hunderttausendfach verschlungen. Es hat den großen Preis der Académie française bekommen. Seit Monaten bereichert Sansal mit seinem weißhaarigen Pferdeschwanz und seiner altmodischen Nickelbrille die französischen Talkshows.

Sansal ist 66 Jahre alt. Als er geboren wurde, war Algerien noch ein französisches Departement. Er stammt aus demselben Stadtviertel wie Albert Camus, die Mütter der beiden waren befreundet. Er hat sein ganzes Leben in Algerien verbracht, war hoher Staatsbeamter im Wirtschaftsministerium, schrieb Romane, wurde entlassen. Wir treffen uns im Verlag Gallimard, seiner Heimat in Paris, und wollen über Literatur sprechen, über seinen Roman, der bald in Deutschland erscheinen wird. Aber das geht nicht. Die Bilder aus Brüssel, die Stimmung in Paris, eine Mischung aus urbaner Routiniertheit und schwer bewaffneter Melancholie, lassen kein entspanntes Gespräch aufkommen. Was immer die Wahnsinnigen aus Molenbeek mit ihren sinnlosen Morden eigentlich bezwecken wollen, sie haben bereits etwas erreicht. Die Städte sind nicht mehr dieselben. Gespräche, Gedanken, Reflexe und Nervenbahnen haben sich verändert. Man will sich nicht verrückt machen lassen und ist es vielleicht schon.

In dieser Lage gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man setzt darauf, dass die jungen Männer, die bereit sind, sich und uns in die Luft zu sprengen, zum üblichen Unfallgeschehen des westlichen Lebens gehören, ein schwieriger, aber doch berechenbarer Fall, dessen Restrisiko man am Ende genauso ungerührt zur Kenntnis nimmt wie die jährliche Verkehrstotenstatistik. Dann kann man auch jetzt noch ruhig schlafen. Oder man glaubt, dass dies ein Kampf ist, der sich, egal wie viele Fingerabdrücke und Daten man auch sammelt, nicht mehr kontrollieren lässt und der erst aufhören wird, wenn sie gewonnen und wir verloren haben. Dann kann man nicht mehr schlafen.

Boualem Sansal hat diesen verrückten Gedanken, obwohl so vieles, eigentlich alles gegen ihn spricht, der Verstand, das Gefühl, das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen den stabilen Demokratien und den verlorenen Söhnen der Vorstädte. Er sagt: "Sie haben dem Westen den Krieg erklärt und führen systematisch eine Schlacht nach der anderen. Und sie werden gewinnen. Ihr erster Sieg besteht darin, die Gesellschaft zu verängstigen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

Doch das sei nur die erste Phase. Wie alle Anfänger im Leben mit dem Terror entwickelten die westlichen Gesellschaften im Moment die unvermeidlichen Symptome eines beginnenden Traumas. Sie klammern sich an Fahndungserfolge und beruhigen sich mit einer Mitleidstheorie. Sie suchen Gründe für den Terror, beschuldigen sich selbst, die falsche Politik, die missglückte Integration. Boualem Sansal kennt das Drehbuch, nach dem sich das alles abspielt. Er hat denselben Film schon einmal in den neunziger Jahren in Algerien gesehen. Die Angriffe auf die Frauen, die man herunterspielt, "das ist zwar nicht schön, aber so ist nun mal ihre Kultur, jeder hat so seine Marotten". Das Stockholm-Syndrom der angegriffenen Gesellschaft, die versucht, Verständnis zu entwickeln. Die panische Ausgrenzung der Islam-Kritiker, die zu Rechtsextremisten erklärt werden. Man könne, meint Sansal, diese Phase leider nicht überspringen. Jede bedrohte Gesellschaft wiederhole dieselben Fehler. Doch dann, irgendwann, wacht man auf und sieht: Das ist eine Armee mit Waffen, mit Technologie, mit einem genauen strategischen Plan. In der nächsten Etappe, prophezeit Sansal, werde sie Journalisten ermorden. Über hundert sind in Algerien liquidiert worden.

Sansal redet schnell, sehr schnell. Er lässt sich nur ungern unterbrechen. Er sprudelt. Natürlich weiß er, dass man ihn im Westen für einen Alarmisten hält, einen Schriftsteller, der alles übertreibt, weil das Übertreiben sein Beruf ist. Man hört ihm zu und schickt ihn nach Hause, nach Algerien, wo er einmal ein wichtiger, einflussreicher Mann war und heute ein verbotener Autor ist, der um sein Leben fürchtet. Wäre er nicht Muslim, meint er, ließe man ihn auch im Westen nicht mehr zu Wort kommen. Ein Essay über die Welteroberungspläne des Islamismus, den er im Auftrag der Hamburger Körber-Stiftung geschrieben hat, wurde von der Stiftung nicht wie geplant veröffentlicht, weil der Autor sich weigerte, ihn abzumildern. An einer zentralen Stelle des Essays heißt es: "Auch in Europa ist es mit der Meinungsfreiheit nicht weit her, sobald es um den Islam geht. Die bloße Erwähnung des Begriffs würgt jede Diskussion im Keim ab oder lässt sie auf Phrasen und Allgemeinplätze des politisch Korrekten zusteuern." Der abgelehnte Essay erschien schließlich unter dem Titel Allahs Narren im Merlin Verlag. Die Buchpremiere fand in einer weltverlorenen Scheune in der Lüneburger Heide statt. Dem Buch vorangestellt ist ein Satz von Camus: "Wer die Dinge beim falschen Namen nennt, trägt zum Unglück der Welt bei."