Ein dicker Belgier reitet auf einem Kamel Richtung Rathaus. Er trägt ein langes marokkanisches Männergewand. Seine Beine klammern sich links und rechts an den Kamelbauch, er hält sich an der Mähne des Tieres fest. Auf dem Parkplatz vor dem Rathaus macht er halt und teilt den anwesenden Journalisten den Sinn seines Ausritts mit: "So wird es in Zukunft bei uns in Belgien aussehen."

Diese Szene spielte sich vor etwa 30 Jahren im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek ab. Der Mann auf dem Kamel ist der damalige Bezirksbürgermeister Roger Nols, ein rechter Populist. Neben dem Kamelritt gehört zu seinen wichtigsten politischen Taten ein Gesetz, das es verbietet, Ladenschilder in einer anderen Sprache als flämisch oder französisch zu beschriften. Nols bezeichnete Einwanderung stets als Invasion, also als Bedrohung für die Sicherheit der Belgier, und wäre er nicht 2004 gestorben, könnte er heute miterleben, wie seine schlimmsten Prophezeiungen sich erfüllen. Nicht dass man in Schaerbeek besonders vielen Kamelen begegnete. Doch die Attentate, die letzte Woche die Stadt erschütterten und mindestens 35 Menschen töteten, wurden hier in diesem Stadtviertel vorbereitet.

Die Brüder Khalid und Ibrahim El Bakraoui und ihr Komplize Najim Laachraoui kannten sich aus in ihrem Heimatbezirk. Sie hatten unter falschem Namen unweit vom Bahnhof in Schaerbeek ein Apartment angemietet. Im fünften Stock der Rue Max Roos Nummer 4 bastelten sie monatelang an Bomben, feilten an der Choreografie ihrer Gewalttaten, und hierher bestellten sie am Morgen des 22. März das Taxi, das sie zu ihrem Ziel brachte.

Kinder von muslimischen Einwanderern, allesamt. Die Eltern der Bakraouis kommen aus Marokko, ebenso die von Laachraoui. Für Roger Nols wäre der Fall damit geklärt: Gescheiterte Integration und Terrorismus hängen geradezu naturgesetzlich miteinander zusammen. Ein Kamel hat zwei Höcker, und ein frustrierter muslimischer Einwanderer wird zum Terroristen.

Doch wer ein paar Tage in Schaerbeek verbringt, stellt fest, dass die Wirklichkeit mehr als zwei Höcker hat.

Schaerbeek ist ein schöner, recht beschaulicher Bezirk. Man spaziert durch Straßen, die von den typischen schmalen Brüsseler Häusern mit bunten Fassaden gesäumt werden. Auf dem Markt wird frisches Gemüse angeboten, aus den Restaurants duften die Küchen der Weltregionen. Die Gentrifizierung hat schon vor zehn Jahren begonnen, als Studenten und Künstler hierherzogen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

Wie kommt es, dass sich hier manch junger Mann radikalisiert, während andere offenbar ein angepasstes Einwandererleben führen? Das extremistische Verständnis ihrer Religion ist den Tätern gemeinsam, aber der muslimische Glaube ist ganz offensichtlich nicht das einzige Kriterium.

Die Sicherheitskräfte zeigen Präsenz. Doch welche Ursachen hat die Radikalisierung der Täter? © Timothy Fadek für DIE ZEIT

In einem der netten marokkanischen Teehäuser sitzt an einem kleinen Holztisch einer dieser Bärtigen, vor denen die Schaerbeeker warnen. Sie erzählen, dass solche Handlanger den Terror überhaupt erst möglich machten. Die Helfershelfer schießen nicht selbst, jagen sich nicht in die Luft, zumindest vorerst nicht, aber sie stehen Schmiere, überbringen Nachrichten, besorgen Essen, und vor allem rekrutieren sie neue Attentäter. Die Terrorhelfer fahren mit dem Fahrrad durch Brüssel und halten Ausschau. Sie setzen sich in Cafés und beobachten die Jungs um sich herum. Wer kommt infrage? Wer ist beschädigt, abgebrüht, durchgeknallt, größenwahnsinnig, bekifft genug, um auf die alles betäubende Idee des Dschihadismus hereinzufallen? Wer hat so wenig zu verlieren, dass fast jedes Angebot attraktiv ist?

Das Teeglas des schlaksigen Islamisten ist noch voll, der Tee schon längst kalt. Er trägt kein marokkanisches Gewand, wie einst Roger Nols, sondern einen Strickpulli, darüber eine schwarze Kunstlederjacke. Seit fünfzehn Minuten spricht er in ein billiges Klapphandy. Er scheint für die erste Betreuung der Rekruten zuständig zu sein. "Was soll ich tun?", fragt er auf Arabisch ins Telefon. Schweigen. "Aber die sind überall", sagt er. Es folgen einige Mmhs und Ahas, dann sagt er abschließend: "Alles wie immer – nur vorsichtiger."

Biertrinkende Gemüseverkäufer verteidigen unsere Werte

Das Anwerben von späteren Attentätern oder auch Hilfsterroristen läuft ungefähr so ab: Auf den Straßen, an den Bahnhöfen, in Wettbüros, vor Bordellen und natürlich in den Gefängnissen sind die Kleinkriminellen anzutreffen, die das EU-Viertel mit Drogen versorgen oder Autos klauen. Auch die Attentäter vom 22. März kamen aus diesem Milieu. Beim Anwerbeprozess werden diejenigen bevorzugt, die im Umgang mit Kalaschnikows, in Sachen Geldwäsche und bei Versteckspielen mit der Polizei schon Erfahrung sammeln konnten. Ihre Indoktrinierung dauert einige Monate, eher Jahre. Vieles passiert hinter verschlossenen Wohnungstüren. Selbst die Nachbarn bekommen nichts mit.

So kurz nach den Attentaten wirken diejenigen, die nach radikalem Nachwuchs Ausschau halten, etwas angespannt. Polizeisirenen bilden in diesen Tagen eine Art Hintergrundmelodie. Der bärtige Mann im Teehaus klappt sein Handy zu, er schmeißt ein Zwei-Euro-Stück auf den Tisch und macht sich auf den Weg. Er fühlt sich vom Reporter verfolgt. Es sind auch viele V-Männer unterwegs in Brüssel. Er schaut sich immer wieder um. Nach wenigen Schritten begegnet er zwei jungen Marokkanern, die jeweils eine Dose Jupiler-Bier in der Hand halten. Das Sendungsbewusstsein des Islamisten ist stärker als die Furcht. "Wisst ihr nicht, dass heute Freitag ist?", ermahnt er die biertrinkenden Gemüseverkäufer.

"Verschwinde, oder wir ficken die Religion deiner Mutter, du verdammte, bärtige Kackfresse!" Sie fassen – etwas grob formuliert – die Haltung vieler Schaerbeeker gegenüber islamistischen Terroristen zusammen.

Der Bärtige sieht die Männer erschrocken an und ergreift die Flucht Richtung Nordbahnhof, dem einzigen Ort, der in Schaerbeek wirklich unangenehm und nachts auch gefährlich ist: des Drogenhandels und der massiven Prostitution wegen.

"Dort gehört der Typ hin!", erläutern die jungen Belgier marokkanischer Herkunft, die nach Feierabend auf dem Markt ihr Bier genießen, nachdem der triste belgische Winter nun langsam vorbei ist. "Solche Idioten laufen hier andauernd herum, leider wird ihnen selten die Meinung gegeigt."

Das Zwischenergebnis der Schaerbeeker Recherche lautet: Biertrinkende Gemüseverkäufer marokkanischer Abstammung sind die Einzigen, die weder Angst vor den Islamisten haben noch auf deren Dschihad-Story hereinfallen. Sie tun eigentlich genau das, was in diesen Tagen von vielen Politikern beschworen wird: Sie verteidigen unsere Werte.

Allerdings werden sie damit weitgehend allein gelassen.

Einer der Attentäter von Paris wurde in diesem Haus in der Rue des Quatre-Vents festgenommen. © Timothy Fadek für DIE ZEIT

Mohamed El Arnouki kann für seine Mitbürger nicht viel tun. Der 46-jährige gebürtige Schaerbeeker, Sohn marokkanischer Gastarbeiter, ist Schöffe im Bezirk, also Beigeordneter des Bürgermeisters. Er kümmert sich um die Familienpolitik und Grünflächen. "Schaerbeek hat die schönsten Parks in Belgien", berichtet er.

Seine andere Zuständigkeit ist weniger erfreulich. Jeden Donnerstag empfängt der Lokalpolitiker verzweifelte Mütter im pompösen Rathaus, einem Prachtstück der flämischen Neorenaissance. In Sälen mit hohen Decken und goldverzierten Fenstern hört sich der christdemokratische Lokalpolitiker die Sorgen der Bürger an. "Meistens betteln sie um eine Wohnung oder um Arbeit für ihre Söhne", erklärt der Stadtrat. Bei solchen Anfragen könne er höchstens Schultern tätscheln. So gut wie nichts ist in seiner Kasse: In Schaerbeek liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen bei 11.000 Euro pro Haushalt.

Nur in einem anderen Brüsseler Bezirk sind die Leute noch ärmer.

"Wir wissen, dass einige unserer Söhne Scheiße bauen", erklärt eine Anwohnerin in Molenbeek, die lieber anonym bleiben will. "Wir hoffen aber immer, dass sie keine Terroristen sind." Ihre Freundin Djamila M. ist die Mutter von Abdel Aberkan, Freund der Abdeslam-Brüder. Der eine jagte sich am 13. November vergangenen Jahres auf dem Pariser Boulevard Voltaire in die Luft, seine Leiche wurde auf dem islamischen Friedhof von Brüssel bestattet. Der andere, Salah Abdeslam, ist der einzige überlebende Täter von Paris. Er hatte sich offenbar monatelang in Molenbeek versteckt. Als die Fahnder Abdeslam auf die Spur kamen, war es Aberkan, der ihn ins Haus seiner Mutter Djamila brachte, wo der Terrorist sich ein paar Tage im Keller versteckte. Bevor die Spezialkräfte am 18. März das Haus stürmten, trat Djamila M. aus der Tür und humpelte hinter zwei schwer bewaffneten, vermummten Soldaten her. Es gibt ein Video davon: Sie in einem dunkelgrünen Überkleid aus Samt, die Sicherheitskräfte in Tarnfarben. Djamila M. gestikuliert wild, fasst sich an die Brust, bekommt wegen einer Erkrankung kaum Luft. "Was ist passiert?", soll sie die Soldaten gefragt haben.

Pro Großfamilie maximal zwei Jungs

Kann man wirklich unfreiwillig zur Terrorhelferin werden? Die Polizei ließ die kranke Djamila M. wieder frei unter der Auflage, dass sie nicht mit der Presse spricht. Das übernimmt ihre Freundin nun für sie: "Djamila ist keine Terrormama." Sie schwöre auf Allah, dass nicht alle Molenbeeker Terroristen seien.

Pro Großfamilie seien es ein, maximal zwei Jungs, die den Bezug zur Realität verlören. Dennoch müssten die Familien zusammenhalten. "Die Belgier hassen uns – und die schlimmsten Terroristen wie die Bakraouis zum Beispiel wurden vorher von ihren Familien verstoßen." Wer ins Gefängnis komme, auf den müsse man hinterher besonders aufpassen. Oder man könne ihn gleich aufgeben. Zusammenhalt sei ihr Beitrag zur Deradikalisierung. Viele verirrte Schäfchen würden so zurück in den Stall finden.

Die Erwartungen sind niedrig, die man an die jungen Männer aus Schaerbeek oder "Molenbeekistan" hat, wie eine französische Zeitung das Viertel nannte. Offenbar ist es für manche der Männer leichter, die Zuschreibungen irgendwann auch selbst zu übernehmen. Alles, was vorher im Ungefähren war, passt dann jedenfalls zusammen, alles ist viel weniger kompliziert, wir gegen die, die gegen uns: eine Welt ganz so, wie Roger Nols sie sah.

Bewohner des Brüsseler Viertels Molenbeek. Monatelang konnte sich hier einer der Pariser Attentäter verstecken. © Timothy Fadek für DIE ZEIT

In diesen Tagen finden viele Polizeikontrollen statt, die keine Meldungen produzieren. An jeder Ecke werden Wohnungen und Geschäfte durchsucht. Menschen festgenommen und kurz darauf wieder freigelassen. Journalisten interviewen die Menschen nicht, sie führen Kreuzverhöre durch. In den Friseurläden, in den Waschsalons, in den Spielhallen vermischen sich Trauer, Wut und Ratlosigkeit. Endlose Diskussionen werden darüber geführt, wie man jetzt am besten reagieren soll – eingeklemmt zwischen Terroristen und Rassisten.

Soll man abwarten und Tee trinken? Wie die Mehrheit der Menschen es hier tut. Soll man jetzt besonders hart am Aufstieg arbeiten? Wie die Mehrheit hier ihn sich erträumt. Soll man die Terroristen selbst jagen? Ein paar besonders mutige Jungs vor dem Waschsalon beteuern, dass sie dem "bärtigen Kackbratzen" am liebsten aufs Maul hauen würden. Oder sollte man doch seinen Patriotismus zeigen? Einige Frauen haben sich Belgienfahnen über die Schultern geworfen. Sie wollen der Opfer des Terrors gedenken und marschieren im Regen mit ihren Kindern an der Hand Richtung Innenstadt. Als die Metro nach den Attentaten nicht mehr fuhr, gab es für Molenbeek nämlich keinen Ersatzverkehr.

Auf der Place de la Bourse kommen seit dem 22. März die Brüsseler und auch viele Touristen zusammen. Auf den Boden haben die Menschen ihre Botschaften des Zusammenhalts und des Friedens gekritzelt. Dazwischen steht hier und da: "Haut ab, ihr Marokkaner" auf Flämisch, "Belgien den Belgiern" auf Französisch oder "Allahu Akbar" auf Arabisch. In der Mitte liegen Flaggen aus verschiedenen Ländern, abgebrannte Kerzen und verwelkte Blumen. Es bilden sich immer wieder spontane Menschenketten. Es wird geschwiegen, gesungen, geklatscht.

Ein Poet, der sich als Belgier marokkanischer Abstammung vorstellt, stimmt ein Gedicht an. Die Brüsseler lauschen, senken den Kopf, und einigen kullern Tränen über das Gesicht:

Belgien ist Pommes, Schokolade und Freiheit
Belgien, das sind Polizisten, die uns schützen
Und Polizisten, die uns schlagen
Belgien, das sind unmenschliche Attentäter
Und Rassisten, die Attentäter machen
Belgien ist, wenn mich eine Belgierin fragt
warum wir Marokkaner so etwas tun
Und sie nicht merkt, was eigentlich passiert

Nichts reimt sich in diesem Gedicht. Gar nichts.