Seit dem Sommer 2015 erlebt Europa das dritte große Projekt "Alternativlosigkeit", das von der deutschen Regierung ausgeht. Bei den ersten beiden, dem Bankenrettungsschirm und der Euro-Rettung, wurden alle Volkswirtschaften auf die Regeln deutscher Sparpolitik festgezurrt, und beide Male war der Druck, den die deutsche Regierung auf die anderen Europäer ausübte, gewaltig. Die Drohungen reichten von einem Ende der Währung bis zu einem Ausschluss schwächerer Volkswirtschaften. Das dritte Projekt "Alternativlosigkeit" beschreitet den deutschen Sonderweg in einer besonders komplexen Form. Der Musterschüler des Neoliberalismus verlangt nun von seinen Nachbarn eine tugendhafte Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen.

Was im Herbst 2015 als Ausnahme begann und von der internationalen Öffentlichkeit zu Recht als humanitär vorbildliches Verhalten gelobt wurde, hat inzwischen, da es nicht Ausnahme, sondern Regel wurde, mehrere Veränderungen durchlaufen. Die erste Verdrehung stellte sich gleich am Anfang dadurch ein, dass die Zahl der Flüchtlinge als Naturereignis und nicht als Menge von einzelnen Individuen verstanden wurde. Die Aufnahme der in Ungarn gestrandeten Menschen im Herbst 2015 wurde so fälschlicherweise als eine einmalige Entlastung dargestellt. Aber wenn Menschen als eine naturhafte Masse angesehen werden, wird ihnen die Menschlichkeit abgesprochen. Man ignoriert ihre Fähigkeit zur rationalen Entscheidung. Die gut gemeinte Willkommenskultur ist blind für das Signal, das sie an alle aussendet, die heimatlos und ohne Hoffnung sind, in eines der reichen Länder Europas einreisen zu dürfen. Oder wie es eine UN-Kommissarin für Flüchtlingsfragen schon im Winter 2015 auf den Punkt brachte: Die Flüchtlinge aufzunehmen war eine große Leistung, doch diese zugleich in die Welt hinauszuposaunen, weckte weltweit Hoffnungen, die niemand erfüllen kann.

Schon an diesem Punkt der Erzählung fällt einem das Drama von Bertolt Brecht ein: Der gute Mensch von Sezuan. Nachdem Shen Te von den Göttern eine große Summe Geldes bekommen hat, um Gutes tun zu können, eröffnet sie einen Tabakladen. Da die armen Menschen in ihrer Stadt von ihrer Güte wissen, ist der Laden innerhalb eines Tages von den Bedürftigen überrannt und droht bankrott zu gehen. Um gut bleiben zu können, erfindet Shen Te einen Vetter Shui Ta, der mit genug Gefühlskälte ausgestattet ist. Er bringt den Laden auf Vordermann, indem er die üblichen Mittel von Konkurrenz und Ausbeutung anwendet. Die Parabel endet mit der Schwangerschaft von Shen Te und einem Gerichtsprozess gegen Shui Ta, der beschuldigt wird, die gute Shen Te umgebracht zu haben. Shui Ta kann vor Gericht leicht beweisen, dass er beide Identitäten in einem umfasst. Die schlimmen Verhältnisse haben ihn dazu gezwungen, sich aufzuspalten. Die Erkenntnis ist so einfach wie realistisch: Wer in einer schlechten Welt gut sein will, braucht die Hilfe eines schlechten Menschen. Das Einzige, was diesen Widerspruch aufheben könnte, wäre nicht individuelle Güte, sondern eine Revolution der schlechten Wirklichkeit.

Im zweiten Akt des europäischen Dramas entsteht der Shui Ta in drei unterschiedlichen Gestalten. Zum einen riegeln die Staaten des Westbalkans ihre Grenzen ab. Der gute Mensch Merkel kann also immer noch darauf beharren, seine Grenzen offen halten zu wollen. Es kommen aber kaum noch Flüchtlinge dort an, da die anderen Staaten die Drecksarbeit übernehmen. Das zweite Auftreten des bösen Vetters ist in dem rapiden Anwachsen rechter bis rechtsextremer politischer Bewegungen in Deutschland zu sehen. Die Landtagswahlen im März 2016 haben zu einem dramatischen Verlust bei den beiden Volksparteien CDU und SPD geführt und der rechten AfD aus dem Stand zweistellige Prozentzahlen beschert. Die anschließende Wahlanalyse der Parteien der demokratischen Mitte erinnert auffallend an die Logik einer Einheitspartei. Über alle Parteigrenzen hinweg zählen sie ihre Ergebnisse zusammen, um dann stolz zu verkünden, dass sie doch immer noch zwischen 75 Prozent und 80 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinen. Freundlicherweise zählen sie bei diesem Rechenkunststück die Linkspartei zu den demokratischen Parteien, nachdem sie lange auf ihrer Ausgrenzung bestanden haben. Die Grenze zwischen den bisherigen Parteien und der neuen AfD wird zur neuen, alles bestimmenden Opposition: Shui Ta ist der andere, mit dem man nichts zu tun haben will. Die politische Analyse bleibt schon hier weit hinter der brechtschen Erkenntnis zurück, dass jede gute Tat ihre böse Folge aus sich selbst gebiert, wenn die Welt durch individuelle Güte nicht zu verändern ist.

Der dritte Auftritt des Shui Ta in unserer Zeit ist dann auch von besonderer Raffinesse. Um weiterhin das Bild der Willkommenskultur aufrechterhalten zu können, wird die Frage nach der Regulierung des Flüchtlingsstroms in ein möglichst fernes Land ausgelagert. Die Türkei, die bisher als zweifelhafte Demokratie und unsicherer Kandidat für einen EU-Beitritt galt, wird über Nacht zum wichtigsten Verbündeten geadelt, damit sie das schmutzige Geschäft der Grenzsicherung übernimmt. Wenn es dabei zu hässlichen Bildern kommt, wird dadurch nur der unterschwellige Rassismus, den die deutsche Gesellschaft immer noch gegen die Türkei hegt, bestätigt, man selbst behält die Hände rein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

Der Plan, alle mit Schleppern nach Griechenland gelangten Flüchtlinge in die Türkei zurückzubringen und dafür dieselbe Anzahl legal nach Europa einreisen zu lassen, ist von perfidem Zynismus. Schon wenige Fragen zeigen seine Shui-Ta-hafte Wahrheit: Was passiert mit den Flüchtlingen, die sich nicht freiwillig in die Türkei zurückbringen lassen? Werden sie mit Schusswaffen dazu gezwungen? Was passiert mit Flüchtlingen, die nicht über die Türkei nach Europa kommen? Und warum übernimmt die EU nicht ohne diesen Menschenhandel die Hälfte der Flüchtlinge aus der Türkei? Muss sich erst ein Mensch in die Hände von Schleppern begeben, damit ein anderer an seiner Stelle gerettet werden darf?

Wenn die Schlepper weiterhin so clever sind wie bisher, sollten sie eine Gruppe von tausend Freiwilligen in einem möglichst großen Boot möglichst sichtbar nach Griechenland bringen. Diese werden dann zurückgebracht, und schon können tausend Flüchtende legal in die EU einreisen. Bei nur zehn Fahrten am Tag wären in einem halben Jahr schon 1,5 Millionen Menschen gerettet. Der Menschenhandel 2016 ist eine so absurde Vorstellung, dass man auf die Idee eines Fährverkehrs kommen könnte, bei dem die immer gleichen Tausend hin- und hergefahren werden. Der Plan wirkt wie vom Zentrum für politische Schönheit.