Der Wintertag, an dem der amerikanische Senat seinen Bericht über die Folterpraxis der CIA veröffentlichte, war für den Ex-Agenten John Kiriakou ein Tag wie jeder andere in den vergangenen zwei Jahren. Über ihm schlief ein Heroinabhängiger, neben dem Bett lagen die braune Gefängnishose und das braune Gefängnishemd bereit. Um sechs Uhr gingen die Türen auf. Beim Frühstück saß John Kiriakou neben den Italienern. Mörder, Betrüger, New Yorker Mafiosi, und irgendwo dazwischen der heroinabhängige Sohn von Michael Douglas. Kiriakou kam hier drinnen im Bundesgefängnis von Loretto in Pennsylvania zurecht. Die CIA hatte ihn gelehrt, wie man in einer feindlichen Umgebung überlebt. Nur eines hatte sie ihm nicht beibringen können: an die Folter zu glauben.

Zwölf Jahre sind vergangen, seitdem John Kiriakou aus der CIA ausgeschieden ist. Acht Jahre, seitdem er in einem Fernsehinterview bestätigte, dass die CIA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 Gefangene gefoltert hatte. Drei Jahre, seitdem er selbst zum Gefangenen wurde. Jetzt ist Kiriakou wieder ein freier Mann. Und er redet weiter. Darüber, was man in einer Demokratie mit einem mutmaßlichen Terroristen machen darf, der etwas über vergangene und künftige Anschläge wissen könnte – und was auf keinen Fall.

Der Mann, den John Kiriakou bei all diesen Gedanken im Kopf hat, heißt Abu Subaida, er war Kiriakous Gefangener. Es ist heute unmöglich, sich John Kiriakous und Abu Subaidas Geschichte anzuhören, ohne an einen weiteren Mann zu denken. Dieser Mann heißt Salah Abdeslam. Er ist mutmaßlich einer der Attentäter der Anschläge von Paris. Auch an der Planung der Anschläge von Brüssel könnte er beteiligt gewesen sein. Inzwischen sitzt er in einem Hochsicherheitsgefängnis bei Brügge. Zunächst hat Abdeslam mit der Polizei geredet, seitdem in Brüssel die Bomben explodierten, schweigt er. In einem Interview hat Donald Trump, der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, über Abdeslams Vernehmer gesagt: "Ich finde, es sollte ihnen erlaubt sein, absolut alles mit ihm zu machen, was sie für nötig halten." Die IS-Leute, fragt er, "können Köpfe abschneiden, aber wir dürfen nicht waterboarden"? Sollte er Präsident werden, will er Waterboarding offiziell erlauben.

Über das Folterprogramm, das von der Bush-Regierung erdacht worden war, ist mittlerweile vieles bekannt. Und sehr vieles immer noch unbekannt. Der Geheimdienstausschuss des Senats hat sein Wissen auf mehr als 6.700 Seiten in einem Bericht zusammengefasst. 2014, während Kiriakou in Loretto im Gefängnis saß, wurde der Bericht veröffentlicht, allerdings nur in einer Kurzfassung von 550 Seiten. Der Rest ist als geheim eingestuft. Das, was bekannt wurde, reichte, um die Welt zu schockieren. CIA-Beamte quälten die Häftlinge beim Waterboarding: Sie fixierten sie und schütteten ihnen Wasser in den Mund, bis die Gefangenen dachten, sie würden ertrinken. Die Beamten hielten die Gefangenen über mehrere Tage wach. Sie sperrten sie in einen Kasten, die sogenannte Hundebox. Wie brutal diese Methoden waren, musste jedem klar sein, der daran beteiligt war. Auch heute noch werden sie gerechtfertigt – als Notwehr einer bedrohten Demokratie. Bloß lieferte der Bericht noch eine Erkenntnis: dass die Folter keine brauchbaren Informationen hervorgebracht hat. Kein Anschlag wurde verhindert, kein Terrorist wurde geschnappt, weil ein Gefolterter etwas verraten hätte. Stattdessen: falsche Geständnisse, erfundene Geschichten.

Als Barack Obama 2008 Präsident wurde, machte er es zu einer seiner wichtigsten Aufgaben, den moralischen Schaden zu beheben, den der Kampf gegen den Terror in Amerika hinterlassen hatte. Im Wahlkampf hatte er ein neues, besseres Amerika heraufbeschworen. Er sprach von Transparenz und Offenheit. Die Hoffnung war groß, dass die Folterknechte der CIA sich vor Gericht verantworten müssten, dass diejenigen zur Rechenschaft gezogen würden, die das Programm ersonnen und ihm durch juristische Tricks den Anschein der Legalität gegeben hatten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

Anfang dieses Jahres hat Obama in einer Rede an die Nation auf seine Präsidentschaft zurückgeschaut. Es war eine Rede, die an den idealistischen Obama erinnerte, der Amerika immer dann am stärksten sah, wenn es der Freiheit und der Gerechtigkeit treu blieb. Die Rede war aber auch enttäuschend, denn sie machte deutlich, wie selten Obama für diese Werte gekämpft hat. Die Worte "Offenheit" und "Transparenz" tauchen nicht in der Rede auf.

Obama beendete die Folterpraxis, doch nicht gegen die Folterer ging seine Regierung hart vor, sondern gegen jene, die sie publik gemacht hatten. Bis heute stand keiner der Folterer vor Gericht. Der Einzige, der im Zusammenhang mit dem Folterprogramm verurteilt wurde, ist John Kiriakou.

Obama hat die Logik der CIA übernommen, nicht die Logik der Gerechtigkeit. Er hat es in den Jahren seiner Präsidentschaft versäumt, sein Land moralisch zu erneuern. Und nun kann Donald Trump wieder das Recht auf Waterboarding einfordern, und 60 Prozent der US-Amerikaner stimmen ihm zu. Wie konnte das passieren?

Whistleblower – so nennt man jemanden, der Fehlverhalten der Regierung enthüllt. John Kiriakous Job ist es nicht mehr, Amerika im Auftrag der CIA vor den Bösen zu beschützen. Sein Job ist es jetzt, an das Böse in Amerika zu erinnern. Er muss sich noch immer daran gewöhnen.

In Jeans und einem weiten T-Shirt sitzt John Kiriakou in seinem Wohnzimmer in Arlington bei Washington und sagt: "Ich glaube nicht mehr an den Staat." Kiriakou ist ein großer, kräftiger Mann von 51 Jahren, der seine Diabetes-Medikamente in Tagesrationen aufteilt. Hinter ihm stapelt sich Kinderspielzeug, an den Wänden hängt nichts Persönliches. Er sagt, dass er diesen Ort noch nie mochte. Durch das Fenster zeigt er zu einem hellblauen, dreistöckigen Haus mit vielen Giebeln und einer großen Veranda. Sein Traumhaus. Er hat es vor ein paar Jahren gebaut. Jetzt lebt eine andere Familie darin.

Kiriakou, der Ex-Agent, hatte durch seine Verhaftung seinen Job verloren. Seine Frau, eine CIA-Mitarbeiterin, wurde entlassen. Zusammen mit ihren drei gemeinsamen Kindern lebten die beiden eine Zeit lang von staatlicher Hilfe und Essensmarken. Kiriakou musste in ein kleineres Haus umziehen und sein Auto verkaufen. Seine Anwaltskosten: eine Million Dollar. Die Pensionsansprüche: weg. Wenn er die Stadt verlassen will, muss er das bei seiner Bewährungshelferin anmelden. Auch wählen darf er nicht mehr. Der nächste Präsident wird nicht Kiriakous Präsident sein.

John Kiriakou hat immer die Demokraten gewählt. Familientradition. Eine starke Regierung war für Kiriakou immer etwas Gutes. Sie kann Minderheiten vor der Mehrheit schützen. Doch nun hatte sich so eine starke Regierung gegen ihn gerichtet – unter einem Präsidenten, von dem er es am wenigsten erwartet hätte.

Sein Leben lang hat Kiriakou vom Aufstieg geträumt, von der weiten Welt. Er wächst in einer engen Enklave griechischer Einwanderer in einer kleinen, trostlosen Stadt in Pennsylvania auf. Nachts umkreist er mit seinem Kurzwellenradio die Welt. Tagsüber schreibt er Briefe an Regierungschefs in fernen Ländern. Er besitzt Autogrammkarten vom Schah, vom Papst und von Fidel Castro. Später studiert Kiriakou Nahostwissenschaften in Washington, er bewirbt sich bei der CIA. Der psychologische Einstellungstest ergibt: Kiriakou sei ein extrovertierter Mensch, intuitiv, selbstbewusst und entschieden. 1990 schwört John Kiriakou im CIA-Headquarter in Langley den Eid auf die US-Verfassung. Er wird Analyst, zuständig für Kuwait und den Irak. Für das Weiße Haus schätzt er die Bedrohung durch die beiden Länder ein.

Als Saddam Hussein im Sommer 1990 in Kuwait einmarschiert, ist Kiriakou dort im Zentrum der Aufmerksamkeit. Er darf an Sitzungen im Weißen Haus teilnehmen, da ist er gerade mal 25 Jahre alt. Einmal erkundigt sich Colin Powell, der spätere Außenminister, nach ihm. Er will seine Einschätzung, woher wohl ein Attentat auf George W. Bush kommen könnte, wenn ein solches geplant wäre. "Vom irakischen Geheimdienst", antwortet Kiriakou. Fünf Stunden später feuert Amerika fünf Cruise Missiles auf den Geheimdienst in Bagdad.

1997 geht Kiriakou, zum Spion ausgebildet, nach Athen. Dort wirbt er Agenten an und jagt die linken Terroristen der Untergrundgruppe 17. November, die mit tödlichen Anschlägen unter anderem den Abzug der Amerikaner aus Griechenland erzwingen wollen. Athen ist weltpolitisch gesehen etwas abgelegen, aber der Einsatz ist durchaus gefährlich, und Kiriakou darf in einem großzügigen Haus in den Bergen wohnen und einen gepanzerten BMW fahren.

Es sind die Anschläge auf das World Trade Center, die ihn in der CIA nach oben katapultieren. Kiriakou wird Chef der CIA-Antiterroreinheit in Pakistan.

Wiegt der Erfolg mehr als die Moral?

Am 28. März 2002, morgens um zwei Uhr, stürmen Spezialeinheiten ein Versteck in der Nähe der Stadt Faisalabad. Schüsse, Chaos, 60 Gefangene. Bald wird den Amerikanern klar, wer darunter ist: Abu Subaida. Ein Palästinenser Anfang 30, der als einer der wichtigsten Getreuen von Osama bin Laden gilt. Kiriakou sitzt am Bett des Verletzten, der an den Hoden, am Magen und am Oberschenkel getroffen wurde. Es ist der erste große Fahndungserfolg der Amerikaner in ihrem Kampf gegen den Terror und der Höhepunkt von Kiriakous Karriere. Gleichzeitig steuert die CIA auf ihren moralischen Tiefpunkt zu.

In Washington diskutiert die Bush-Regierung, was sie mit dem Gefangenen tun soll. Schließlich lässt der Präsident Abu Subaida in ein Versteck nach Thailand ausfliegen. Der Mann, den Kiriakou geschnappt hat, wird zum ersten Geheimgefangenen der USA. In Thailand retten Ärzte sein Leben. Dann befragen ihn erfahrene FBI-Beamte. Abu Subaida gibt einige wichtige Informationen über Al-Kaida preis.

Danach schickt die CIA ihre Leute zu Abu Subaida. Sie wollen jetzt auch etwas herausfinden. Da muss doch noch mehr sein!

Angestoßen vom Fall Abu Subaida, entsteht im Frühjahr 2002 im Zusammenspiel zwischen CIA und Bush-Regierung ein Programm zum Foltern von Gefangenen. Die Beamten erfinden dafür den Euphemismus "erweiterte Verhörmethoden".

Kiriakou bekommt von dem, was in Washington diskutiert wird, nichts mit. Er ist noch immer in Pakistan. Dort gibt es viel zu tun. Kiriakou erlebt eine Zeit im Ausnahmezustand. Er schläft kaum, seine Vorgesetzten hämmern ihm ein, der nächste Anschlag müsse verhindert werden. In seinem Haus in Arlington erzählt Kiriakou, dass er sich trotz der Belastung recht gut unter Kontrolle gehabt habe. Einmal aber habe er die Fassung verloren. Bei einer Gefangennahme in der Nähe von Faisalabad antwortet ein Häftling ihm stur auf jede Frage mit "Fuck you", dann bringt er alle Mitgefangenen dazu, "Death to Amerika" zu brüllen. Kiriakou packt den Mann, der, an Armen und Beinen gefesselt, im Schneidersitz auf dem Boden sitzt, und reißt ihn so heftig hoch, dass die Schienbeinprothese des Gefangenen herausspringt. Kiriakou schreit: "Wenn du nicht sofort die Fresse hältst, werde ich dich mit deiner Prothese zu Tode prügeln!" Ein paar Stunden später, am Abend, kommt der Schock. Wie konnte er so die Beherrschung verlieren? Kiriakou erzählt einer Kollegin, was geschehen ist. Sie zuckt mit den Schultern. Sein Vorgesetzter sagt: "Mach dich locker. Vergiss es."

Über die ethischen Fragen seines Berufs hat John Kiriakou bis zu diesem Zeitpunkt nicht oft nachgedacht. Sein Ausraster in Pakistan hat ihn erschreckt, aber vielleicht war er nur überarbeitet? Er schiebt die unangenehmen Gedanken weg, wie ihm seine Kollegen geraten haben. Es funktioniert. Er ist der Gute, der die Bösen jagt, so einfach scheint es damals noch.

Nach vier Monaten in Pakistan kehrt Kiriakou nach Washington zurück, in die CIA-Zentrale. Als er mit einem Kollegen zur Kantine geht, fragt der ihn beiläufig, ob er sich in den neuen "erweiterten Verhörmethoden" schulen lassen wolle. Solche sensiblen Angebote, sagt Kiriakou, werden bei der CIA gerne informell gemacht, so kann man sie jederzeit als Missverständnis abtun. Kiriakou weiß aus internen Berichten, dass zu den Verhörmethoden, die der Kollege erwähnt, auch das Waterboarding gehört. Die Sache ist ihm nicht geheuer.

Kiriakou will Terroristen finden. Er will, dass sie bestraft werden, aber er fragt sich, warum man sie nicht wie üblich verhören und vor Gericht stellen kann. Gleichzeitig fragt er sich noch etwas: Ob es Schwäche ist, dass er vor dem Waterboarding zurückschreckt. Möglicherweise, sagt er sich, muss man ja tatsächlich mit diesen Terroristen anders umgehen als mit den Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. Die hatten, das weiß er, ihr Wissen zum Teil beim Schachspiel offenbart. Kiriakou ist hin- und hergerissen. Er geht zu einem hochrangigen CIA-Mitarbeiter, den er sehr respektiert, und fragt ihn: "Was würden Sie machen?" Der Kollege antwortet: "Zuerst lass es uns beim Namen nennen. Es ist Folter." Dann sagt der Kollege noch etwas. Irgendwann werde es jemand übertreiben und einen Gefangenen töten. Dann werde es zuerst eine parlamentarische Untersuchung geben, dann eine weitere durch das Justizministerium, und irgendjemand werde dafür ins Gefängnis gehen. "Wollen Sie dahin?"

Dass man auch dafür ins Gefängnis gehen kann, dass man nicht am Folterprogramm teilgenommen hat, können sich beide Männer damals nicht vorstellen.

Von den vierzehn Agenten, die gefragt werden, ob sie sich in den Verhörmethoden schulen lassen wollen, sagen zwölf Ja. So erzählt es Kiriakou. Nur er selbst und ein weiterer Kollege lehnen ab. Der Kollege heißt Deuce Martinez, er wird bei Kiriakous späterer Verhaftung eine Rolle spielen.

Weil er ablehnt, so glaubt Kiriakou heute noch, wird er nach seinem Pakistan-Einsatz nicht befördert. Sein Chef wirft ihm vor: "Du zeigst einen schockierenden Mangel an Bereitschaft für den Antiterrorkampf." So erinnert sich Kiriakou. Er wechselt die Abteilung, bereitet den Irak-Krieg mit vor und verschwendet nicht mehr viele Gedanken an das Folterprogramm. Als die CIA intern die unwahren Behauptungen verbreiten lässt, dass Abu Subaida nur einmal dem Waterboarding unterzogen worden sei und schon nach wenigen Sekunden wichtige Informationen preisgegeben habe, hat er sogar das Gefühl, seine Zweifel seien übertrieben gewesen. Der Erfolg wiegt wohl doch mehr als die Moral, denkt Kiriakou.

2004, zwei Jahre nach der Verhaftung von Abu Subaida, verlässt Kiriakou die CIA. Er hat ein lukratives Angebot von Deloitte, einer der weltweit größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Er denkt, dass es das war zwischen ihm und der CIA.

Heute verdient John Kiriakou seinen Lebensunterhalt als eine Art professioneller Ex-Whistleblower. Er spricht vor Studenten, arbeitet mit Nichtregierungsorganisationen an Projekten. Im Herbst des vergangenen Jahres führt ihn ein solches Projekt nach Athen. Eine australische Organisation will der griechischen Regierung bei der Ausarbeitung eines Gesetzes helfen, das Leute wie Kiriakou schützt, die Fehlverhalten der Regierung aufdecken. Griechenland, die Wiege der Demokratie, soll es besser machen als die USA.

Endlich wieder in Athen. Vom Taxi lässt Kiriakou sich zu seinem Lieblingsort fahren: einen Berg mit einer kleinen Kapelle. Von hier oben hat man einen fantastischen Blick über die Stadt. Man sieht die Akropolis, den Hafen, das Meer. Kiriakou atmet tief durch. Er sagt: "Hier fühle ich mich frei."

Bevor es ins Gefängnis ging, hatte er sich in Washington seinen griechischen Pass ausstellen lassen. Griechenland, das Land seiner Vorfahren, das Land seiner ersten Erfolge bei der CIA. Als er den Pass in den Händen hielt, sagt Kiriakou, habe er das gute Gefühl gehabt, irgendwo willkommen zu sein.

Doch jetzt, wo er hier ist, verschwindet das gute Gefühl rasch: Die Griechen, stellt sich heraus, haben gar kein sonderlich großes Interesse an dem Whistleblower-Gesetz. Und die Organisation, die Kiriakou hergebeten hat, leidet unter Finanznot. Er arbeitet hier also umsonst. "Ich bin es leid, arm zu sein!", ruft Kiriakou. "Ich will nicht mein ganzes Leben der Whistleblower bleiben!" Immerhin hat seine Frau inzwischen wieder einen Job. Sie arbeitet jetzt als Analystin bei einer Rüstungsfirma.

Am Abend bessert sich Kiriakous Laune. In einer E-Mail teilt ihm das PEN-Center USA mit, dass der Oscar-Preisträger Jared Leto ihm im November in Los Angeles den Freedom of Speech Award überreichen wird. Es ist ein Preis für die Meinungsfreiheit.

"Jared Leto!!!" Kiriakou lacht und wiederholt den Namen immer wieder, wie ein großes Kind.

Abu Subaida, der Mann, den Kiriakou in Pakistan geschnappt hat, kann sich nicht vor den "erweiterten Verhörmethoden" drücken. Er wird im Frühjahr 2002 von einem Menschen zu einem Test- und Präzedenzfall, an ihm wenden Kiriakous Kollegen zum ersten Mal Folter an. Sie zwingen ihn, sich nackt auszuziehen. Aber Abu Subaida gibt keine neuen Informationen über Al-Kaida preis. Sie beschallen ihn mit lauter Musik. Kein Erfolg. 47 Tage Isolationshaft, Schlafentzug: wieder kein Erfolg. Dann das erste Mal Waterboarding, das simulierte Ertrinken. Später muss Abu Subaida tagelang in einem Sarg liegen. Scheinbeerdigung. Weiter mit Folter, jeden Tag. Abu Subaida weint, fleht, bittet um Gnade. Geheimnisse verrät er nicht. Weil er nicht will? Oder weil er nicht kann?

Die CIA-Leute werden später zur Rechtfertigung sagen: "Das hier ist eine Wissenschaft." Und heute wird Donald Trump nicht müde zu wiederholen: "Folter funktioniert!"

Das stimmt nicht. Die Befürworter der Folter haben es nie geschafft, wissenschaftliche Argumente vorzulegen. Es gibt keine validen Studien dazu, keine Theorie, nichts. Im Gegenteil.

Der Folter liegt die Annahme zugrunde, dass der Wille eines Gefangenen gebrochen werden muss, damit er bereit ist, Informationen preiszugeben. Schmerzen oder die Androhung von Schmerzen, so das Kalkül, könnten Kooperationsbereitschaft erzwingen. Ein Forscher der Universität Liverpool analysierte für eine 2014 veröffentlichte Studie 288 Stunden Ton- und Videoaufzeichnungen von Verhören einer britischen Antiterroreinheit und kam zu einem ganz anderen Ergebnis: Verwertbare Informationen erhielten die Ermittler, wenn es ihnen gelungen war, eine Verbindung zu den Befragten aufzubauen. Dagegen schwiegen die Verdächtigen, wenn die Verhörer einen aggressiven oder sarkastischen Vernehmungsstil wählten.

Folter kann Gefangene zwar auch zum Reden bringen – aber das, was sie sagen, ist nicht zu gebrauchen. Während des Korea-Krieges gestanden Gefangene zum Beispiel Gräueltaten, die nie stattgefunden hatten. Auch Abu Subaida hatte alle nützlichen Aussagen vor der Folter gemacht. Danach erfand er Namen und geplante Attentate, deren sinnlose Verfolgung die CIA laut einem ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Hunderte Millionen Dollar kostete. Eine Studie des ehemaligen CIA-Psychiaters Andy Morgan von der University of New Haven erklärt, warum Folter nicht funktionieren kann. Extremer Stress und die Angst vor brutalen Verhören beeinträchtigen das Erinnerungsvermögen. Im besten Fall wird ein Folteropfer irgendetwas sagen – bloß, damit der Peiniger aufhört.

Kein Folterer wird angeklagt

Es liegt nahe, dass es Kiriakous Kollegen, die Abu Subaida foltern, gar nicht nur um Informationen geht. Vielleicht geht es ihnen darum, im Machtkampf gegen andere Behörden mit immer krasseren Methoden aufzutrumpfen. Das eigene Scheitern vor dem 11. September vergessen zu machen. Und: Rache zu üben. Nur: Rächen sie sich am Richtigen?

Abu Subaida verrät der CIA nichts Neues, weil er nichts Neues verraten kann. Er ist gar kein so hoher Al-Kaida-Mann, wie die Geheimdienste dachten. Das Bild, das die CIA von ihrem ersten Geheimgefangenen zeichnet, ist bestenfalls stark übertrieben. Was für eine Ironie: Alles, was die Amerikaner von ihm erfahren haben, wissen sie aus normalen Befragungen durch das FBI kurz nach seiner Festnahme.

Mehr als fünf Jahre nachdem Kiriakous und Abu Subaidas Lebenswege sich in Pakistan gekreuzt haben, verschlingen sie sich wieder auf schicksalhafte Weise. Es ist ein kalter Dezembertag 2007 – der Tag, an dem Kiriakou zum Whistleblower wird. In den Wochen davor sind immer mehr Neuigkeiten über die Verhörmethoden der CIA ans Licht gekommen. Die New York Times hat enthüllt, dass Jose Rodriguez, Kiriakous CIA-Boss, der ihn damals nicht befördert hat, 92 Videobänder zerstört hat. Die Aufnahmen zeigen das Waterboarden von Abu Subaida und einem weiteren Gefangenen. Kiriakou ist jeden Tag froher, dass er damals nein zur Schulung gesagt hat. Dabei sind die Enthüllungen erst ein Bruchteil dessen, was später noch bekannt werden wird: dass Abu Subaida ganze 83-mal dem Waterboarding unterzogen wurde. Dass anderen Gefangenen püriertes Essen rektal eingeführt wurde. Dass ihnen gedroht wurde, die eigene Mutter werde vor ihren Augen geköpft. Dass ein Agent einen Gefangenen russisches Roulett spielen ließ, ihm einen Revolver an die Stirn hielt und abdrückte.

Von den bekannten 119 CIA-Gefangenen, wird es später heißen, wurden mindestens 39 gefoltert. Im Dezember 2007 jedoch sind die Medien erst am Anfang ihrer Recherchen. Alle Quellen der Artikel sind bis zu diesem Zeitpunkt anonym. Dann fragt der Sender ABC bei Kiriakou an, ob er zu einem Interview bereit sei. Kiriakou, seit drei Jahren nicht mehr in Diensten der CIA, fährt nach New York. Als der Reporter Brian Ross ihn im Studio fragt, was genau zu diesen "erweiterten Verhörmethoden" gehöre, antwortet Kiriakou: "Ich glaube, ich kann sagen, dass das, was in der Presse darüber geschrieben wurde, stimmt, dass diese Methoden alles vom heftigen Schütteln des Gefangenen bis zum Waterboarden umfassen."

Ross: "Wie fühlt sich das an?"

Kiriakou: "Als ob man erstickt oder ertrinkt."

Ross: "Würden Sie sagen, das ist Folter?"

Kiriakou: (lange Pause) "Wissen Sie, damals ..." ( Pause) "Nein. Damals dachte ich, dass wir das machen müssen." – "Aber ich habe meine Meinung dazu geändert. Heute glaube ich, dass wir unsere Finger vom Waterboarden lassen sollen."

Ross: "Warum glauben Sie das?"

Kiriakou: "Weil wir Amerikaner sind, und wir sind besser als das."

Das Interview geht um die Welt, ABC sendet immer neue Ausschnitte, und John Kiriakous Gesicht ist plötzlich überall. Zum ersten Mal hat ein Ex-CIA-Offizier die Folterpraktiken bestätigt und beschrieben.

Kiriakou ist von dem Effekt, den sein Interview hat, überrascht. Er wollte nichts aufdecken. Er dachte, er habe nur das wiederholt, was ohnehin schon in den Zeitungen stand. Zum Zeitpunkt des Interviews lebt er das angenehme Leben eines Ex-Spions. In seinem neuen Job bei Deloitte betreibt er so etwas wie legale Wirtschaftsspionage. Er recherchiert über Firmen und rekrutiert Informanten. Er sammelt Kunst, kauft eine frühe Picasso-Zeichnung und einen kleinen Miró. Es geht ihm sehr gut, und er hat nicht das geringste Interesse, etwas daran zu ändern. Nach dem Interview kündigt ihm sein Arbeitgeber, und die CIA schickt einen Bericht an das Justizministerium, sie verlangt Ermittlungen gegen Kiriakou. Kiriakou hatte bei der CIA sieben Geheimhaltungsvereinbarungen unterschrieben.

Geheimnisse gehören zu den wichtigsten Machtinstrumenten einer Regierung. Denn Geheimnisträger können die Öffentlichkeit steuern, sie können sie täuschen. Aus diesem Grund hatte Obama in seinem ersten Wahlkampf angekündigt, diese ausufernde Praxis der Geheimdienste zu beenden. Aber Geheimnisse versprechen auch Ruhe vor Kritikern. Ein Vorteil, den auch Obama im Amt schnell zu schätzen lernte.

Kurz nach seinem Amtsantritt 2009 gewährt Obama allen Regierungsmitarbeitern, die am Folterprogramm beteiligt waren, Immunität. Er sagt: "Ich glaube an Transparenz, aber ich glaube auch daran, dass die USA in einer gefährlichen Welt manchmal geheime Operationen durchführen und Informationen zum Zwecke der Inneren Sicherheit schützen müssen." Es sind nicht mehr die Worte eines idealistischen Wahlkämpfers, sondern die eines pragmatischen Präsidenten. Er will Amerika mit einer Reform der Krankenversicherung verändern, nicht das Land in eine Diskussion über Schuld verwickeln. Obama weiß auch, dass die Republikaner in einer Anklage der CIA-Folterer eine Hexenjagd auf jene Menschen sehen würden, die Amerika vor den Terroristen schützen wollten. Das könnte gefährlich für ihn werden. Er verbietet die Folterpraxis, das muss reichen.

Obamas Justizminister Eric Holder jedoch ist der Überzeugung, dass ein Land, das sich seiner Sünde nicht stellt, Gefahr läuft, sie zu wiederholen. Er lässt 100 besonders krasse Fälle untersuchen. Umgehend sitzt Obamas Stabschef in den Samstags-Talkshows und sagt, es sei Zeit, dieses dunkle Kapitel hinter sich zu lassen. Im November 2010 entscheidet Holder, die Vernichtung der Foltervideos durch Jose Rodriguez, Kiriakous ehemaligen Chef, nicht anzuklagen. Im Juni 2011 werden 98 der 100 Fälle ohne Anklage abgeschlossen. Im August 2012 folgen die beiden letzten. Kein Folterer wird angeklagt.

Im Fall von John Kiriakou lässt die CIA nicht locker. Immer wieder fordert sie das Justizministerium auf, gegen ihn zu ermitteln. Denn obwohl Kiriakou sich lange gewünscht hat, dass das Interview nicht stattgefunden habe, genießt er auch die Aufmerksamkeit. Er spricht mit der Washington Post, der New York Times, mit den Fernsehsendern NPR, CBS und MSNBC. ABC stellt Kiriakou als Terrorismus-Experten ein. Er schreibt ein Buch über seine Zeit bei der CIA, in dem er seine Kritik am Folterprogramm noch einmal schärft.

Der Ex-Agent John Kiriakou bedrängt die Regierung, und er gibt keine Ruhe mehr. 2009 beginnt das FBI im Auftrag des Justizministeriums gegen ihn zu ermitteln.

Auf Obamas Betreiben hat der Kongress zwar ein Gesetz verabschiedet, das Whistleblowern, die Rechtsverstöße der Regierung aufdecken, besonderen Schutz zugesteht. Es war Obamas Versuch, sein Versprechen einer transparenten Regierung einzulösen. Allerdings mit Einschränkungen. Denn der Schutz gilt nur, wenn sich die Whistleblower bei der Aufdeckung nicht der Medien bedienen – und wenn sie keine Vorkommnisse aus den Geheimdiensten enthüllen. Dank der harten Antiterrorgesetze, die noch unter George W. Bush verabschiedet worden waren, ist die Ermittlung gegen Kiriakou jetzt sehr einfach. Das FBI liest einfach seine E-Mails.

Nach dem ABC-Interview im Dezember 2007 schickt ein Reporter der New York Times Kiriakou eine E-Mail. Der Reporter recherchiert über Deuce Martinez, den CIA-Mitarbeiter, der damals mit Kiriakou die Schulung in den "erweiterten Verhörmethoden" abgelehnt hatte. Nicht abgelehnt hatte er jedoch, an den Verhören selbst teilzunehmen. Martinez wurde der good cop, der auf den Plan trat, nachdem die Folterer ihre Arbeit beendet hatten. Aus den Mails, die das FBI mitliest, lässt sich schließen, dass sich Kiriakou mit dem Reporter trifft und ihm erzählt, was für ein Mensch Martinez war. Religiös, ein guter Agent, kein Folterer. Kirikaou zeigte dem Journalisten die Visitenkarte, die Martinez ihm bei einem gemeinsamen Mittagessen gegeben hatte. Auch Martinez ist nicht mehr in den Diensten der CIA. Seit seinem Ausscheiden arbeitet er für die Firma der Psychologen Mitchell und Jessen. Es sind jene Psychologen, die das Folterprogramm für die CIA entworfen hatten. Der Reporter spricht außer mit Kiriakou auch mit 23 weiteren Geheimdienstleuten. Kiriakou ist der Einzige, der sich mit Namen zitieren lässt.

Der zweite Kontakt, der Kiriakou in Schwierigkeiten bringt, ist der zu einem Journalisten, der als Rechercheur für eine Gruppe von Menschenrechtsanwälten arbeitet. Sie verteidigen Al-Kaida-Gefangene in Guantánamo. Dem Journalisten bestätigt Kiriakou den Namen eines weiteren CIA-Agenten, der maßgeblich am Folterprogramm beteiligt war.

Als hätte das FBI selbst Zweifel daran, ob das ausreicht, stellen die Beamten Kiriakou zusätzlich eine Falle. Sie setzen einen FBI-Agenten auf ihn an. Getarnt als japanischer Diplomat, versucht er, Kiriakou als Spion anzuwerben. Erfolglos, Kiriakou meldet den Versuch direkt dem FBI.

Obama bleibt stumm

Als das FBI Kiriakou wenige Monate später kontaktiert und um Hilfe bittet, schöpft er daher keinerlei Verdacht. Seine Gedanken sind an diesem Januartag 2012 bei der Wohnung, die er in New York kaufen will. Er hat sich inzwischen selbstständig gemacht, als Consultant für zwei Hedgefonds, der neue Job läuft gut. Das Gespräch mit den FBI-Beamten ist freundlich. Erst, als es fast vorbei ist, wird Kiriakou klar, worum es wirklich geht. "Um ganz offen mit Ihnen zu sein", sagt einer der Agenten, "in dieser Minute durchsuchen wir Ihr Haus."

Kiriakou wird verhaftet. Er habe mit den Informationen, die er weitergab, die nationale Sicherheit gefährdet, heißt es später in der Anklage.

Die Regierung beruft sich auf das härteste aller Gesetze, den Espionage Act von 1917. Kiriakou ist jetzt ein Staatsfeind, es drohen ihm bis zu 35 Jahre Gefängnis. Der Espionage Act wurde während des Ersten Weltkriegs erlassen. Man wollte Saboteure bestrafen, Menschen, die Angriffsziele verrieten oder Munitionslager sprengten. Aber das Gesetz wurde auch benutzt, um Kritiker und einfache Kriegsgegner zu verfolgen. Die Obama-Regierung wendet das Gesetz wieder in einer ähnlich drastischen Weise an. Man kann nur vermuten, warum, aber möglicherweise hofft Obama, dass man ihm dieses harte Vorgehen als Stärke auslegen wird. Als Kiriakou angeklagt wird, kämpft Obama um die Wiederwahl ins Weiße Haus. Für seine zurückhaltende Sicherheitspolitik, sein Zugehen auf den Islam und die Öffnung nach Russland wird er permanent von seinen Gegnern kritisiert. Außerdem hat Obama gelernt, wie wichtig die CIA für ihn ist. Ohne sie hätte er seinen größten sicherheitspolitischen Erfolg, die Tötung Osama bin Ladens, nicht erreicht.

Seit 1945 wurden elf Amerikaner unter dem Spionagegesetz angeklagt. Acht davon während der Präsidentschaft von Barack Obama. Man nennt sie "Obama’s Eight", zu ihnen gehören der NSA-Mitarbeiter Edward Snowden und der IT-Spezialist der US Army, Bradley Manning, der heute eine Frau ist und Chelsea heißt. Einige der Angeklagten kamen mit geringen Strafen davon, Bradley Manning wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt. Doch selbst im Fall geringer Strafen wurde die Existenz der acht zerstört.

Kiriakou wird durch die Anklage in den Ruin gestürzt. Er löst seine Consulting-Firma auf, seine Klienten haben gekündigt. Er verkauft seine Möbel, die Antiquitäten aus dem Nahen Osten, die Kunst. Er vermietet sein Haus und nimmt den einzigen Job an, den er bekommen kann: die Nachtschicht in einem Bastelmarkt.

Die Staatsanwaltschaft bietet ihm einen Deal an. Acht bis zehn Jahre, wenn er sich schuldig bekennt. Er lehnt ab. Er glaubt, gegen kein Gesetz verstoßen zu haben. Deuce Martinez war nie undercover tätig. Seinen Namen weiterzugeben könne nicht illegal gewesen sein. Der zweite Agent, der tatsächlich undercover war und dessen Namen er dem Rechercheur bestätigt hatte, wurde nie öffentlich erwähnt.

Die Staatsanwaltschaft argumentiert: Dass Martinez an den Verhören teilgenommen habe, sei geheim gewesen. Durch die Veröffentlichung sei er zu einem Ziel für Terroristen geworden. Und Informationen über Undercoveragenten dürften nicht an Unbefugte weitergegeben werden. Nie. Es geht ums Prinzip.

Kiriakous Anwälte gelangen in den Besitz von 70 Dokumenten, mit denen sie glauben, seine Unschuld beweisen zu können. Sie wollen belegen, wer ursprünglich den Namen des Undercoveragenten genannt hat. Allerdings sind die Dokumente als geheim eingestuft. Die Richterin weigert sich, sie freizugeben. Die Staatsanwaltschaft bietet Kiriakou jetzt dreieinhalb bis fünf Jahre gegen einen Schuldspruch in einem minderschweren Fall an.

Am Ende geht die Staatsanwaltschaft auf 30 Monate herunter. Kiriakou überlegt eine Nacht lang. Er ist nach wie vor von seiner Unschuld überzeugt, aber er hat Angst, dass er bei einem Prozess keine Chance hat. Kiriakou will seine Kinder aufwachsen sehen. Am nächsten Morgen stimmt er dem Deal zu. John Kiriakou ist der erste CIA-Agent überhaupt, der dafür ins Gefängnis geht, dass er Informationen an die Presse weitergegeben hat.

4,8 Millionen Amerikaner haben die höchste Sicherheitsstufe, sie dürfen als streng geheim eingestufte Dokumente lesen, und viele von ihnen reden ständig mit irgendjemandem. Vor allem Mitarbeiter der Regierung. Denn in Washington gibt es zwei Sorten des Geheimnisverrats. Denjenigen, der die Regierung stützt, und denjenigen, der ihr schadet. Die Operation, die zur Tötung von Osama bin Laden führte, soll so bekannt wie möglich werden. Den Machern des Kinofilms Zero Dark Thirty gewährt Obama daher Zugang zu Top-Secret-Informationen der CIA. Im Film wird Folter folgerichtig als notwendiges Übel dargestellt. Auch im Fall der Cyberattacke auf das iranische Atomprogramm und des Drohnenkriegs gibt die Regierung gezielt Informationen an Journalisten weiter. Sie will ihre Version der Geschichte verbreiten.

Nachdem das Urteil gegen Kiriakou gesprochen ist, sagt der damalige CIA-Direktor David Petraeus: "Eide sind wichtig, und es muss Folgen für diejenigen geben, die glauben, sie stünden über dem Gesetz." Kurz darauf wird bekannt, dass Petraeus selbst geheime Informationen an seine Geliebte und Biografin weitergereicht hat. Er hat ihr Namen von Undercoveragenten genannt, er hat sie in Kriegsstrategien eingeweiht, er hat sie mit Zitaten des Präsidenten versorgt. Weitaus brisanteres Material als das, was Kiriakou weitergegeben hatte. Petraeus bekennt sich schuldig und muss 100.000 Dollar Geldstrafe zahlen. Eine Haft bleibt ihm erspart. Er tritt bei der CIA zurück – und bleibt Obamas Berater.

Nach dem Urteil gegen Kiriakou schreibt Bruce Riedel, der anfangs bei der CIA Kiriakous Chef war und Obama als Afghanistan-Berater diente, einen Brief an den Präsidenten. Er bittet ihn, den Schuldspruch aufzuheben. "Bitte, Herr Präsident, lassen Sie es nicht zu Ihrem Vermächtnis werden, dass nur die Whistleblower zu Gefängnisstrafen verurteilt werden." Unterschrieben ist der Brief von vielen ehemaligen CIA-Offizieren. Aber Obama bleibt stumm. John Kiriakou sitzt 24 Monate seiner Strafe ab, dann wird er für drei Monate unter Hausarrest gestellt.

Als John Kiriakou am 16. November 2015 den Saal des Beverly Wilshire Hotel in Los Angeles betritt, ist er nervös. Für seine Dankesrede beim PEN Award hat er nur fünf Minuten Zeit. Im Publikum: wichtige Leute aus dem Filmgeschäft, Produzenten, Drehbuchschreiber. Die Rede soll eine Bewerbung sein. Wenn Washington nicht daran interessiert ist, die Folter aufzuarbeiten, übernimmt das vielleicht Hollywood?

Als Kiriakou auf die Bühne tritt, umarmt ihn Leto. Kiriakou hebt an zu seiner Rede: "Ich sage manchmal, die Regierung hat mich zu einem Dissidenten gemacht. Das sage ich nur halb im Scherz, denn obwohl ich stolz bin, den PEN Award zu bekommen, hatte ich nie vor, eine Karriere daraus zu machen, ein Problem mit der Regierung zu haben. Aber als ich zwei Jahre im Gefängnis saß, hatte ich das Gefühl, dass die Regierung keine Mühen scheute, mit mir ein Problem zu haben." Kiriakou sagt: "Ich habe mich nicht verändert, die Regierung hat sich verändert." Die Dankesrede ist ein bisschen politisch, ein bisschen persönlich und ein bisschen lustig. "Wisst ihr, Gefängnis ist gar nicht so schlimm", sagt er und klopft sich auf den großen Bauch. "Ich habe 15 Kilo zugenommen." Er ist der Einzige, der an diesem Abend Standing Ovations bekommt. Schon komisch, was in diesen Ex-Spion und Whistleblower wider Willen alles hineininterpretiert wird.

Für John Kiriakou ist es noch einmal gut ausgegangen. Im März 2016 hat Hollywood noch nicht zugesagt, aber immerhin produziert Kiriakou mit Oliver Stone eine Serie für den History-Channel. Es geht um die CIA und das Folterprogramm.

Abu Subaida, der Mann, der Kiriakou den größten Erfolg seiner Karriere und seinen tiefen Fall bescherte, hat eine lange Reise hinter sich. Er war angeblich in Geheimgefängnissen der CIA in Thailand, in Polen, in Nordafrika und auf einer Insel im Indischen Ozean. Wohl seit 2003 ist er in Guantánamo. Offenbar ist er heute ein zerstörter Mann: Hirnschaden, epileptische Anfälle, keine Erinnerung an das Gesicht der Mutter und den Namen des Vaters. Es bleibt offen, was mit ihm passieren wird.

Am 22. März wurde Salah Abdeslam nach wochenlanger Suche von einem Antiterrorteam der Brüsseler Polizei festgenommen. "Alles ist genauso abgelaufen wie damals mit Abu Subaida", sagt Kiriakou. "Ich hoffe nur, dass es nicht auch so endet."

Mitarbeit: Diani Barreto