Keine Lust, kein Interesse, keine Ahnung: Das war über Jahre die Antwort von Lena Schulte-Kemna, wenn sie jemand auf das Thema Geldanlage ansprach oder sie selbst darüber nachdachte. Die Medizinerin wollte sich partout nicht damit beschäftigen, überhaupt fühlte sie sich zu unwissend. Und so tappte sie in eine Falle, ausgerechnet an ihrer Alma Mater, als am Ende ihres Medizinstudiums Berater die Hörsäle belagerten. Sie ließ sich eine Anwartschaft auf eine private Krankenversicherung verkaufen, um "ihre Gesundheit einzufrieren" und im Falle einer Erkrankung noch schnell in die private Kasse wechseln zu können; sie schloss eine Berufsunfähigkeitsversicherung mit integrierter fondsgebundener Rentenversicherung ab, um auf einen Streich für Krankheiten und Alter vorzusorgen. Ihr Berater nannte sich "unabhängig", und doch lebte er nicht von einem Beratungshonorar, sondern von den Provisionen der Versicherungen. "Das war mir damals egal", sagt Lena Schulte-Kemna, "ich wollte das Thema vom Tisch haben."

Keine Lust, kein Interesse, keine Ahnung: Das trifft auf viele Deutsche zu, wenn es um Geldanlage und Altersvorsorge geht. Sie parken ihr Geld auf Sparbüchern, auch wenn sie dafür keine Zinsen bekommen; sie meiden Aktien, auch wenn die langfristig eine recht sichere Wette auf höhere Renditen sind; sie kaufen Beratern ab, was denen die höchste Provision bringt; sie stürzen sich auf Immobilien, wenn die am teuersten sind; sie wissen oft nicht einmal, wofür sie eigentlich sparen und welches Risiko sie tragen können.

Wie verbreitet dieses Unwissen ist, das zeigen immer wieder Umfragen. Eine Studie der ING-DiBa und der Marktforschungsfirma Ipsos kam 2013 gar zu dem Ergebnis, die Deutschen hätten die geringste Finanzbildung in Europa: 35 Millionen Deutsche seien "finanzielle Analphabeten", hieß es damals. Und selbst unter Lesern der ZEIT sagt jeder Dritte, dass er "schlecht" oder "eher schlecht" über Geldanlage Bescheid wisse, wie eine aktuelle Umfrage von ZEIT GELD unter rund 500 Lesern der ZEIT und von ZEIT ONLINE zeigt. Unter den Lesern unter 35 Jahren hält sich sogar jeder Zweite für wenig informiert. Auffällig ist, dass die Mehrheit der Befragten mit lückenhaftem Wissen den Umgang mit Geld wesentlich im Elternhaus gelernt hat. Unter denjenigen, die ihr Finanzwissen als "gut" einschätzen, haben es sich dagegen 80 Prozent im Selbststudium angeeignet. Und noch etwas zeigt die Umfrage: In der Schule war Geld fast nie Thema.

Offenbar wird Unwissen also zu Hause vererbt – Wissen dagegen vor allem auf eigene Initiative erworben. "Der Umgang mit Geld wird in vielen Fällen im Elternhaus geprägt, und dort sind Finanzen oft ein Tabuthema", sagt Kirsten Wulf, die mit ihrer Initiative Bricklebrit in Familien und Schulen Workshops zum Thema Geld gibt.

Man kann sich auf die Suche nach den Ursachen machen und wird darauf stoßen, dass Vater Staat den Deutschen lange die Vorsorge abnahm. Viele Jüngere haben nun noch nicht registriert, dass die gesetzliche Rente – wie vor einigen Jahren vom Gesetzgeber beschlossen – sinken und nicht mehr reichen wird, um den Lebensstandard im Alter zu sichern. Man kann auf das Schulsystem schimpfen und empört-amüsiert den Tweet von Naina Kümmel zitieren, die während des Abiturs feststellte, dass sie "’ne Gedichtanalyse in vier Sprachen" schreiben könne, aber "keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen" habe. Man kann aber auch mit denen sprechen, die mehr wissen wollen – und ihre Finanzen in die eigene Hand nehmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

Lena Schulte-Kemna hatte gerade begonnen zu arbeiten, als Assistenzärztin an der Universitätsklinik Ulm, als das Thema Geld für sie an Bedeutung gewann. Sie verdiente mehr, als sie ausgeben wollte, auch ihre Eltern hatten etwas Geld für sie angespart – nun musste sie sich kümmern. Ihr Vater schenkte ihr einen Ratgeber, sie las von Aktien und Fonds, und aus Ahnungslosigkeit wurde Ehrgeiz: "Ich habe gemerkt, dass ich schon beim Thema Vorsorge ein paar Fehler gemacht habe", sagt Schulte-Kemna, "und ich wollte nicht, dass mir das bei der Geldanlage wieder passiert."

Ziele setzen

Fehler bei der Geldanlage und bei der Vorsorge: Andreas Hackethal kennt eine ganze Reihe davon. Hackethal ist Professor für Finanzen an der Frankfurter Goethe-Universität und erforscht, wie Menschen mit ihrem Geld umgehen. Zu den typischen Fehlern zählt er, dass Anleger Gewinne an der Börse zu früh realisieren und Verluste zu lange aussitzen – ein Phänomen, das die Ökonomen Daniel Kahneman und Amos Tversky schon 1979 in ihrer Prospect Theory beschrieben haben, heute ist es als "Dispositionseffekt" bekannt. Zu den gängigen Fehlern gehört auch, dass Anleger ihre Wertpapiere zu häufig handeln und die hohen Kosten dafür ihre Erträge schmälern und dass sie einen sogenannten home bias haben. Das bedeutet, dass sie sich auf Wertpapiere aus ihrer Heimat konzentrieren, weil die ihnen vertrauter vorkommen, obwohl sie de facto auch nicht mehr wissen als alle anderen Marktteilnehmer – genau wie bei ausländischen Papieren.

Doch viel bedeutender ist aus Hackethals Sicht ein Fehler, der nicht einmal besonders viel mit dem Wissen über Geldanlage zu tun hat: "Viele Menschen haben keine Vorstellung davon, wofür und mit welchem Zeithorizont sie anlegen und vorsorgen wollen", sagt der Ökonom, "und sie kennen ihr eigenes Risikoprofil nicht."