DIE ZEIT: Herr Aslan, am Osterwochenende attackierten die Taliban einen Kinderspielplatz in Pakistan. Über 70 Menschen starben, die Hälfte Kinder. Müsste das nicht genügen für die ideologische Selbstdemontage des Dschihad?

Ednan Aslan: Für Glaubensfanatiker ist nicht der ethische Vorbehalt entscheidend, keine Kinder zu töten, sondern die richtige religiöse Absicht. Hier ging es um das Töten von Feinden, gemäß der klassischen Theologie der Vergeltung: "Vergeltung ist gottgefällig!" Wenn Amerikaner unsere Frauen und Kinder töten, und sei es "nur" durch Angriffe auf islamistische Kämpfer, dann töten wir nun ihre Frauen und Kinder.

ZEIT: Die Opfer in Lahore waren pakistanische Christen, der Attentäter war Lehrer an einer Koranschule. Hätte er es nicht besser wissen müssen?

Aslan: Nicht nur Christen, sondern alle freiheitsliebenden Menschen gehören in der dschihadistischen Theologie zum selben Feindbild. Wer sie angreift, dient dem "wahren" Islam. Das war auch entscheidend für die Ermordung eines jordanischen Piloten durch den "Islamischen Staat". Er wurde bei lebendigem Leib verbrannt.

ZEIT: Dass Rache gerecht sei, ist ein altes religiöses Motiv. Auch das Alte Testament kennt einen rachsüchtigen Gott. Doch wieso sind heute junge Islamisten bereit, für Allah zu sterben – zuletzt bei den Anschlägen in Brüssel?

Aslan: Die Gründe mögen bei jedem Einzelnen verschieden sein, aber ich als Theologe kann Ihnen nur sagen: Auch im heutigen Islam wird Märtyrertum noch als ein vollendeter Handel mit Gott betrachtet. Für Gott zu sterben, so predigen es auch Europas Imame, sei die höchste Hingabe, die ein gläubiger Mensch erbringen kann. Das Märtyrertum gilt als Wert an sich, auch bei denen, die überhaupt nicht gewaltbereit sind. Wer als Märtyrer stirbt, dem werden alle seine Sünden vergeben. – So eine Aussage fällt bei uns in keiner Moschee auf. Und die islamische Theologie stellt solche Lehren nicht infrage. Da können sich auch militante Islamisten willkommen fühlen.

ZEIT: Bitte einen Beleg!

Aslan: Gerade wurde bekannt, dass in einer Broschüre der türkischen Religionsbehörde Diyanet schon Kindern das Märtyrertum nahegebracht wird. Die Diyanet ist als türkisch-islamischer Dachverband auch in Deutschland und Österreich die einflussreichste Organisation für Muslime. In einem von ihr veröffentlichten Comic diskutiert ein Vater mit seinen Kindern, warum es gut ist, als Märtyrer zu sterben. Seine Tochter beklagt sich, dass sie als Mädchen von dieser Ehre ausgeschlossen bleibt. Daraufhin erklärt ihr der Vater, was der Prophet sagt: Wer die Absicht zum Martyrium habe, werde auch wie die Märtyrer von Sünden befreit, er fühle den Schmerz des Todes nicht.

ZEIT: Glauben Sie, dass das irgendeinen liberalen Muslim in Westeuropa beeindruckt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

Aslan: Ich glaube schon, dass es Folgen hat, wenn von Imamen gelehrt wird: Ein Märtyrer, der das Paradies sieht, wird davon so begeistert sein, dass er noch mehrmals zurückkehren will ins Leben, um abermals als Märtyrer zu sterben. So etwas hören Sie nicht nur in Rakka, sondern auch in Ankara.

ZEIT: Aber in Westeuropa?

Aslan: Dort gibt es dieselben islamischen Lehrbücher. An der Universität Wien haben wir im Auftrag von Integrationsminister Sebastian Kurz untersucht, was in islamischen Kindergärten gelehrt wird. Das Ergebnis war alarmierend. Wie wollen wir den Islamismus bekämpfen, wenn wir nicht in der Lage sind, unsere Kinder zu motivieren, religiöse Wahrheiten auch anzuzweifeln?

ZEIT: Trotzdem scheint die große Mehrheit der Muslime nicht bereit, in einen Dschihad zu ziehen oder gar zu Selbstmordattentätern zu werden. Ist der Koran wirklich die Gefahr?