DIE ZEIT: Frau Altermatt, Sie sind eine der amtsältesten Jugendanwältinnen in der Schweiz. Seit einem Vierteljahrhundert schlagen Sie sich mit schwierigen Jugendlichen herum. Wann hatten Sie die schwierigste Zeit?

Barbara Altermatt: Das war ganz zu Beginn, in den 1990er Jahren. Als ich ein Jahr nach meinem Uni-Abschluss zu arbeiten begann. Damals stürzten die Jugendlichen reihenweise mit Heroin ab. Die offene Drogenszene gab es ja nicht nur am Platzspitz in Zürich, sondern auch in Olten. Wir wurden täglich von Anzeigen überhäuft, wenn wieder Leute irgendwo eingebrochen waren, um sich ihre Sucht zu finanzieren. Die Masse und die Menge überforderten uns komplett.

ZEIT: Wie haben Sie darauf reagiert?

Altermatt: Wir rannten und rannten und suchten nach Entzugsplätzen, von denen es aber damals viel zu wenige gab. Manchmal half alles Rennen nicht. Ich weiß noch heute die Namen jener, für die wir zu spät kamen – und die starben.

ZEIT: 1992 wurde in Zürich der Platzspitz geschlossen.

Altermatt: Das war eine riesige Erleichterung. Mit der neuen Drogenpolitik verschwand das Thema von einem Tag auf den anderen. Seither beschäftigen uns Drogendelikte nur noch am Rande.

ZEIT: Der Anlass für unser Gespräch ist eine gute Nachricht: In der Schweiz begehen Jugendliche so wenig Delikte wie seit Jahren nicht mehr. War die Aufregung um die Jugendkriminalität also völlig übertrieben?

Altermatt: Nein, überhaupt nicht. Wir haben in den vergangenen Jahren einfach vieles gut gemacht.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Altermatt: Kinder lernen heute in Präventionsprogrammen, wie sie Konflikte anständig lösen können. Die Schulsozialarbeit wurde massiv ausgebaut. Heute gibt es diese Erstanlaufstellen fast flächendeckend – und damit die Möglichkeit, Probleme früh anzupacken. Wichtig sind auch die Jugendpolizeien. Sie sorgen für mehr soziale Kontrolle. Sie wissen, wo in den Städten die neuralgischen Punkte sind, markieren Präsenz, sprechen mit den Jungen. Und – der Staat tut viel dafür, dass Jugendliche beruflich Fuß fassen können.

ZEIT: Alle diese Maßnahmen sind teuer. Hat sich der Aufwand gelohnt?

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 15 vom 31.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Altermatt: Man hat mit sehr viel Geld ein Fundament gelegt. Darauf kann man nun aufbauen.

ZEIT: Blicken wir ein paar Jahre zurück: Weshalb war die Jugendkriminalität auf allen Titelseiten?

Altermatt: Die Zahl der Delikte, darunter auch schwere, nahm stark zu. Wir hatten mehr als 2.000 Fälle pro Jahr. Heute sind wir bei knapp 1.000. Der politische Druck, etwas zu tun, war riesig.

ZEIT: Weshalb explodierten die Deliktzahlen in jener Zeit?

Altermatt: Ein Grund waren die geburtenstarken Jahrgänge. Ein anderer die vielen Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten im ehemaligen Jugoslawien, die in die Schweiz kamen. Für uns war es nicht einfach, mit diesen zum Teil traumatisierten jungen Männern zu arbeiten. Ihre Väter lebten seit Jahren in der Schweiz, die Söhne waren daheim der "Mann im Haus". Dann kam der Krieg, sie mussten fliehen, wurden entwurzelt und verloren in der Schweiz auch noch die Rolle als Familienoberhaupt. Sie suchten nach Bestätigung und Anerkennung, fanden diese aber nicht unbedingt in der Schule, sondern in der Gruppe von Gleichaltrigen. Manche von ihnen, indem sie zu Gewalttätern wurden.

ZEIT: Wie haben Sie diese Jugendlichen wieder auf den richtigen Weg gebracht?

Altermatt: Manche brauchten auch einen radikalen Schnitt. Wir haben sie fremdplatziert und dafür gesorgt, dass sie eine Ausbildung machen konnten. Andere durften daheim wohnen, wurden aber eng begleitet.

ZEIT: Was ist aus diesen Jugendlichen geworden?

Altermatt: Ein Drittel hat es geschafft. Sie konnten sich gut in der Schweiz integrieren und wurden nicht mehr straffällig. Ein weiteres Drittel hat es teilweise geschafft, kommt aber hin und wieder mit dem Gesetz in Konflikt.

ZEIT: Und was wurde aus den übrigen 30 Prozent?

Altermatt: Sie begehen weiter kriminelle Handlungen.

ZEIT: Das ist doch ein recht hoher Anteil, nicht?

Altermatt: Jedes Opfer ist eines zu viel.

ZEIT: Frau Altermatt, was ist eigentlich für einen Jugendlichen am schlimmsten, wenn er es mit Ihnen zu tun bekommt?

Altermatt: Das ist vermutlich der Moment, wenn es an der Haustür klingelt und die Polizei vor ihm steht. Und dann die Frage: Wie sag ich’s meinen Eltern?

ZEIT: Als Jugendanwältin sind Sie weder Fisch noch Vogel. Sie sind Staatsanwältin, Richterin und daneben, außer bei ganz schweren Delikten, auch noch die Anwältin des Täters. Auf wessen Seite stehen Sie?

Altermatt: Ich bin Fisch und Vogel! Anklage, Ermittlung und Vollzug kommen im Jugendstrafrecht aus einem Guss. Nehmen wir ein Beispiel: Überfall auf einen Tankstellenshop. Die erste Frage ist für mich: Braucht es Untersuchungshaft? Dann beginnen die Ermittlungen, und gleichzeitig stellt sich die Frage: Was passiert mit dem Jugendlichen langfristig? Was braucht er, damit das nicht wieder vorkommt? Wir wollen die Leute ja nicht im Gefängnis versauern lassen.

ZEIT: Versauern vielleicht nicht, aber eine harte Strafe wirkt doch abschreckend.

Altermatt: Natürlich ist es sehr unangenehm, wenn man komplett von der Außenwelt abgeschnitten ist und sein Handy abgeben muss. Auf Dauer ist es aber kontraproduktiv.

ZEIT: Wieso?

Altermatt: Je länger man junge Menschen aus dem normalen Leben entfernt, desto schwieriger ist es für sie, wieder Fuß zu fassen. Und vor allem wird ihr Reifeprozess gestoppt. Wenn man nicht vom Anfang ihrer Strafe an alles dafür tut, ihre Entwicklung in geordnete Bahnen zu lenken, hat man eine wichtige Chance verpasst. Sind die Delinquenten 25 oder 30 Jahre alt, ist der Zug abgefahren. Und dabei muss man bedenken, dass diese Jungen noch ein langes Leben vor sich haben. Die können jahrzehntelang auf der schiefen Bahn sein.

ZEIT: Trotzdem fällt auf, dass sich im Jugendstrafrecht alles um den Täter und nicht um seine Tat dreht.

Altermatt: Jeder Mensch wächst an dem, was in seinem Leben schiefgeht. Nicht nur meine Klienten. Wir müssen deshalb rasch eine Zusammenarbeit mit ihnen aufbauen und herausfinden, wo ihre wunden Punkte liegen. Aus einem Delikt kann sich eine lange Zusammenarbeit entwickeln, die bis ins Erwachsenenalter hinein dauert.

ZEIT: Nehmen wir nochmals Ihr Beispiel eines Tankstellenshop-Überfalls. Was passiert mit dem Täter, wenn er bewaffnet war?

Altermatt: Da drängt sich wohl eine geschlossene Einrichtung auf ...

ZEIT: ... die 800 Franken am Tag kostet?

Altermatt: Das ist etwas knapp, wir sind eher bei 1.000 Franken. Das sind geschlossene Einrichtungen für Jugendliche mit ganz schwierigen Karrieren. Da braucht es viel Sozialarbeit, aber auch psychiatrische Betreuung, damit Veränderung möglich wird. Doch egal, welche Maßnahme ein Jugendlicher am Ende bekommt: Er wird schonungslos mit seinem Delikt konfrontiert. Wir sind extrem beharrlich und verlässlich. Wir geben die Regeln vor und sagen, wo es langgeht. Kuschlig ist das nicht!

ZEIT: Keine Kuscheljustiz, wie man den Jugendanwälten immer wieder vorhält, sondern eher eine Nacherziehung von jungen Leuten?

Altermatt: Erziehung und Sozialisation.

ZEIT: Sie baden also aus, was die Eltern versäumt haben?

Altermatt: (lacht) Wir kümmern uns um Entwicklungsschritte, die noch nicht stattgefunden haben.

ZEIT: Das klingt nun aber sehr diplomatisch!

Altermatt: Jeder Jugendliche ist ein Gemeinschaftswerk. Viele Menschen haben die Möglichkeit mitzuhelfen, dass einer die Kurve kriegt. In der Familie passiert nur ein Teil. Spätestens beim Kindergarteneintritt gibt es neue Einflüsse, dann kommt die Schule, die Lehrstelle.

ZEIT: Frau Altermatt, blicken wir in die Zukunft: Wie weit wird die Jugendkriminalität noch sinken?

Altermatt: Gut möglich, dass wir eine Talsohle erreicht haben.

ZEIT: Also könnten die Deliktzahlen wieder steigen. Zum Beispiel mit den neuen Flüchtlingen aus Eritrea, darunter zahlreiche unbegleitete Minderjährige?

Altermatt: Wir hatten auch schon mit solchen zu tun. Aber bis jetzt ist es keine wichtige Klientengruppe.

ZEIT: Wird sich das ändern?

Altermatt: Wenn wir diesen Neuankömmlingen eine realistische Chance geben, Teil unserer Gesellschaft zu werden, glaube ich das nicht. Sie brauchen aber, wie alle jungen Menschen, eine Perspektive. Und viel Struktur. Vom ersten Tag an, wenn sie in den Asylunterkünften ankommen.

ZEIT: Viele sind aber in den Asylunterkünften auf sich allein gestellt.

Altermatt: Und genau da muss man ansetzen.

ZEIT: Eine Frage zum Schluss: Wie brav sollen junge Menschen eigentlich sein?

Altermatt: Ich träume nicht von einer Gesellschaft, in der die Jungen nicht über die Stränge schlagen.

ZEIT: Warum?

Altermatt: Dass Erwachsene in einem bürgerlichen Leben angekommen sind, ist das eine. Eine Gesellschaft aber, in der niemand ans Limit geht, nicht einmal mehr die Jugendlichen, wäre eine tote Gesellschaft.