Wird plötzlich als Fremder betrachtet: Moderator Jan Vesper. © Frank Rothe für DIE ZEIT

Immer sonntags besucht Jan Vesper sein altes Viertel Sandow in Cottbus. Seine Mutter wohnt noch immer dort im zweiten Stock eines Plattenbaus, Modell WB 70. Vesper bemüht sich, schnell im Haus zu verschwinden, seine Frau begleitet die Kinder auf den Spielplatz. Sie ist blond. Vespers Haare sind schwarz, seine Haut ist etwas dunkler als ihre, sein Vater stammt aus Ägypten. Er ist in diesem Viertel aufgewachsen, nun leben auch Flüchtlinge in den Blocks. Jetzt hat er den Eindruck, er werde beobachtet von den anderen, den Einheimischen. Vielleicht ist nicht jeder Blick gegen ihn gerichtet, vielleicht ist er gar nicht gemeint. Oder doch? Er fühlt sich unbehaglich, also meidet er die Blicke. Jan Vesper ist 44 und ein Meister im Vermeiden geworden.

An einem Dienstagmorgen im März steigt er ein wenig unsicher aus dem Wagen, er blickt sich suchend um, scannt die Umgebung. Vom Balkon gegenüber schauen ein paar Leute herüber. Vesper sieht aus, als würde er sich am liebsten wieder ins Auto setzen. Die aktuelle politische Situation betrifft ihn persönlich. Er hat das Gefühl, dass er von seiner Umwelt jetzt anders betrachtet wird. Als Flüchtling.

So wie ihm geht es im Augenblick vermutlich vielen Deutschen mit Migrationshintergrund, wie es so schön heißt, oder die einfach nur eine dunklere Hautfarbe haben. Die Frage, die Vesper sich nun täglich stellt: Wie soll er sich dazu verhalten?

Anfang der Neunziger liefen die Neonazis durch Sandow und brüllten "Ausländer raus!". Sie meinten auch Vesper, obwohl er im Zweifel länger im Viertel lebte als sie. Obwohl er in Deutschland geboren wurde. In seinem Jugendclub saßen die Jungs plötzlich mit Glatzen und Baseballschlägern. "Das war besetztes Gebiet", sagt er. Für ihn eine Katastrophe. Seine Heimat wandte sich gegen ihn. Sein Bewegungsfeld wurde zum ersten Mal kleiner.

Heute versucht er, sich im Supermarkt in der Mitte des Ganges zu halten, damit niemand denken könnte, er stehle etwas aus den Regalen. Vesper ist aufgefallen, dass die Kassierer ihn oft ignorieren und erst mit ihm reden, wenn sie hören, dass er genauso deutsch spricht wie sie, wie ein Muttersprachler. Wenn seine beiden Söhne fragen, ob er mit ihnen in die Schwimmhalle gehe, dann denkt er: "Scheiße, das möchte ich nicht!" Er fürchtet die Blicke, die Kommentare der anderen. Den Kindern sagt er, er habe keine Lust. Sein Sohn hat schwarze Haare. In der sechsten Klasse sagte ein Mitschüler zu ihm: "Der Neger hat hier nichts zu suchen." Vesper kann viele solche Erlebnisse aufzählen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 15 vom 31.3.2016.

Seine Großmutter hat ihm als Kind den Rat gegeben, er solle sich bei Schlägereien stets in die andere Ecke des Schulhofes zurückziehen. "Das ist quasi mein Leben", sagt Vesper. Keine Auseinandersetzung. Bloß nicht auffallen. Assimilieren. Später studierte er Publizistik. Der Journalismus war sein persönlicher Aus- oder besser Aufbruch. Endlich das sagen zu können, was ihn bewegt. Es war sein Versuch, sichtbar zu werden, wahrgenommen zu werden als Jan, nicht als vermeintlicher Ausländer.

Seit 1997 ist er bei Radio Eins und seit 13 Jahren Moderator in Cottbus. Er spricht die Nachrichten. Die Menschen draußen hören nur seine Stimme. Sein Gesicht kennen sie nicht.

Jan Vesper ist auf dem Weg in das andere Plattenbauviertel der Stadt – Sachsendorf, wo er ab der dritten Klasse wohnte. Er deutet auf einen gläsernen Neubau am Straßenrand, die Vattenfall-Zentrale, der Konzern verkauft gerade seine Braunkohlesparte, es geht um 8.000 Arbeitsplätze in der Region. Seit er fürs Radio arbeitet, kennt er die Geschichte jedes Hauses dieser Stadt. Er ist so tief verwurzelt in Cottbus, dass er selbst in der Zeit, als er in Berlin studierte, jeden Abend zurückfuhr.

Er fühlt sich sicher, bewegt sich in den Koordinaten seines inneren Stadtplans – wohin er gehen kann und wo er sich lieber nicht zeigt. Wenn er anderen Dunkelhäutigen begegnet, versucht er, sie vor möglichen Fehlern zu bewahren. Manchmal denkt er auch nur: "Das arme Schwein: Hoffentlich steigt er nicht in den Nachtbus." Vespers Antennen sind fortwährend auf Empfang.