Vor 20 Jahren tritt in einem Konferenzsaal der Vereinten Nationen in Genf eine junge Frau ans Rednerpult. Ihr Herz schlägt schnell. Lange hat sie sich vorbereitet, Protokolle gewälzt und Argumente auf Karteikarten geschrieben. Gleich wird sie zum ersten Mal vor einer großen Gruppe von Diplomaten sprechen.

Es ist Herbst 1996, die UN-Wirtschaftskommission für Europa tagt. Die Delegationen streiten, ob Staaten ihre Bürger informieren müssen, wie es der Umwelt geht: Wenn eine Fabrik giftigen Qualm in die Atmosphäre pustet, hat der einzelne Bürger dann ein Recht darauf, es zu erfahren? Darf er vor Gericht ziehen, um Informationen einzuklagen?

Die Verhandlungen sind zäh, einige Delegationen blockieren, vor allem die deutsche. "Dann ergriff Roda das Mikrofon", erinnert sich einer, der damals im Saal saß. Roda Verheyen heißt die junge Frau am Rednerpult, eine Hamburger Jurastudentin im sechsten Semester, sie spricht für die Delegation der Umweltorganisation Friends of the Earth. Sie redet mit fester Stimme, überzeugend, ohne Furcht: Sie verlangt Transparenz und ein Klagerecht für die Bürger – und zeigt, warum das mit dem Gesetz vereinbar wäre, auch mit dem deutschen Grundgesetz. Mit klug gewählten Worten zerpflückt sie die Argumente ihrer Gegner. Gestandenen Diplomaten habe sie die Sprache verschlagen, das Gesicht eines deutschen Delegierten sei "zerbröselt". So erinnert sich der Anwalt Peter Roderick, ein Freund und Kollege Verheyens, der heute Berater des britischen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn ist. Der Auftritt der Jurastudentin Verheyen führte damals zum Durchbruch. Zwei Jahre später unterzeichneten die Delegationen die Aarhus-Konvention, den ersten völkerrechtlichen Vertrag, der einzelnen Personen Rechte im Umweltschutz gewährt.

Wie weit geht die Verantwortung eines Unternehmens für den Klimaschutz?

Heute ist Verheyen 43 Jahre alt. Eine Frau mit Brille und blonden Locken, Mutter von drei Kindern, Anwältin in einer Kanzlei nahe der Hamburger Alster, Spezialgebiet: Umwelt- und Völkerrecht. Die Lust, sich mit vermeintlich Stärkeren anzulegen, ist ihr geblieben. Verheyen vertritt die Anklage in einem der spektakulärsten Wirtschaftsprozesse des Jahres: im Prozess eines peruanischen Bauern gegen den Großkonzern RWE, den zweitgrößten Stromversorger Deutschlands und einen der größten CO₂-Emittenten der Welt.

Der Bauer heißt Saúl Luciano Lliuya. Über seiner Heimatstadt Huaraz in den peruanischen Anden schmilzt ein Gletscher. Dessen Tauwasser fließt in einen See mit marodem Staudamm. Unterhalb dieses Damms steht Lliuyas Haus. Er fürchtete, der Damm könnte bersten, der Gletschersee sein Haus überschwemmen. Er fragte sich, wer schuld am Schmelzen des Gletschers ist. Lliuya lernte einen Aktivisten der Organisation Germanwatch kennen. Der empfahl ihm, gegen Energiekonzerne zu klagen – zum Beispiel gegen RWE. Verheyen wurde Lliuyas Anwältin. "RWE ist für die Gefahr mitverantwortlich, in der er schwebt", sagt sie. Weil der Konzern seit Jahrzehnten in großem Stil Kohle verbrenne und damit zur Erderwärmung beitrage, müsse er dem Bauern helfen, sich vor den Fluten zu schützen. Verheyen fordert 20.000 Euro von RWE, das sei der "gerechte Anteil" an den Kosten für das Abpumpen des Wassers.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

Es gibt Experten, die halten Verheyens Ansatz für verrückt. Sicher, die Emissionen aus den Kohlekraftwerken von RWE tragen zum Klimawandel bei. Aber glaubt Verheyen ernsthaft, sie könnte einem einzelnen Konzern die Verantwortung für genau jene Gletscherschmelze nachweisen, durch die sich der Bauer in den peruanischen Anden bedroht fühlt?

Um damit durchzukommen, müsste man genau beziffern, wie groß der Anteil von RWE an den Klimaschäden sei, sagt Michael Reder, der an der Hochschule für Philosophie in München über Unternehmensethik forscht. Man müsste Fragen klären, auf die es keine klare Antworten gebe: Wie viel Gletscherfläche taut wegen des vom Menschen verursachten Klimawandels – und wie viel aus anderen Gründen? Welcher Emittent genau trägt die Schuld? RWE? Oder ein anderer Energiekonzern, der ähnlich viel CO₂ produziert? "Das ist sauber nicht machbar", sagt Reder. Verheyen will es trotzdem versuchen, mithilfe des Paragrafen 1004 aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Der besagt, dass man Anspruch auf Reparatur oder Unterlassung hat, wenn das, was einem gehört, durch jemanden beeinträchtigt wird.