Erst war da nur diese Anzeige im Navigationssystem. Eine Straßenkarte von Hamburg nach Salzburg, auf der Strecke vier Stationen. Erster Stopp: "Supercharger Rhüden, Germany. 20 Minuten Ladezeit erforderlich." Daneben das Symbol einer fast leeren Batterie und eine Zahl: 9 Prozent. So viel Strom sollte noch übrig sein in Rhüden, nach rund 230 Kilometern.

Was, wenn man den Supercharger gar nicht erreicht? Oder wenn der nicht funktioniert? Oder die Ladestellen besetzt sind? Neun Prozent, es muss nicht viel schiefgehen, und man liegt da. Antriebslos. Am Straßenrand. Der Mann von Tesla, dem kalifornischen E-Auto-Pionier, hatte gleich ein Wort für solche Sorgen: Reichweitenangst. Die nagende Furcht, dass der Fahrer die geplante Strecke einfach nicht schafft mit einem Stromauto. Dann fügte er sofort hinzu, sie sei grundlos. Es funktioniere ja alles.

Tatsächlich hat Tesla rund um die hiesigen Autobahnen ein – allerdings breitmaschiges – Netz von Tankstellen gebaut. Sie machen das Abenteuer überhaupt erst möglich. Die Batterien sind nahezu voll, als es losgeht in Hamburg. Rund 500 Kilometer Reichweite sind angezeigt, aber ein Tesla-Fahrer lernt schnell, dass diese Zahl in der Wirklichkeit deutscher Autobahnen fast durch zwei geteilt werden muss. Und das, obwohl Klima und Beschleunigung schon auf Sparmodus stehen.

Leider ist es kalt. Am Morgen bei Fahrtantritt sind es nur zwei Grad. Im Kalten zu fahren ist genauso schlecht, wie schnell zu fahren, weil das Auto dann mehr Strom verbraucht – es muss die Umgebung der Batterie auf gut 20 Grad aufwärmen, sonst arbeitet sie nicht richtig. Also geht es langsam voran von Hamburg nach Süden. 120 Stundenkilometer maximal. Sonst schnellt die Verbrauchsanzeige nach oben, und man bekommt gleich einen neuen Anfall von Reichweitenangst.

Anfangs ist das mit dem langsamen Fahren kein Problem, weil rund um die Stadt das Tempo begrenzt ist. Dann aber kommt freie Fahrt – für die anderen. Der Tesla kann so schnell beschleunigen wie kaum ein Benzinauto auf dem Planeten, "von Sinnen" heißt die sportliche Motoreinstellung im Bordcomputer, und das zu Recht. Doch auf der Fernfahrt tummelt sich das Auto auf der rechten Spur im Bereich schwer beladener Ford Fiestas und Kleinlaster. Und muss man doch mal nach links, behandeln einen die deutschen Premium-Raser in ihren Fünfer-BMWs und Sechser-Audis besonders rüde.

Elektroautos - Das ist Teslas Model 3 Der US-Autohersteller will mit seinem neuen Wagen den Massenmarkt erobern: Das Auto soll ohne Optionen umgerechnet nur 31.000 Euro kosten und ab Ende nächsten Jahres erhältlich sein.

Sie behupen das amerikanische Luxusauto, drohen, fahren nah auf, zweimal sogar rechts vorbei, extra-schnell und extra-laut. Eine Mischung aus Hass und Neid und verletztem Überlegenheitsgefühl drückt sich in ihren Mienen, Lichthupen und Fahrweisen aus. All die Tests, die den Tesla vor den deutschen PS-Monstern platzierten, all die Klimavergleiche: Das Model S ist eine Blech und Carbon gewordene Herausforderung für deutsche Bleifüße. An der Ampel fährt es ihnen davon, und auf der Autobahn zuckelt es dahin wie ein Rolls-Royce, als gäbe es keine Eile auf der Welt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

Die anderen denken, Tesla-Fahrer hielten sich für was Besseres. Aber im Tesla herrscht ein Wirrwarr der Gefühle. Erst Geschwindigkeitsneid und der Impuls, es diesen Dinosauriern da draußen mal zu zeigen. Dann eine innere Ruhe, wie sie auf der Überholspur nie entstehen kann. Auch die Reichweitenangst lässt ein wenig nach: Durch Langsamfahren werden aus den prognostizierten neun Prozent erst zehn und dann elf Prozent. Man spürt so etwas wie Kontrolle.

Schließlich die Abfahrt Rhüden im Harz, 300 Meter von der Autobahn eine Tankstelle mit einem geisterhaft leeren Selbstbedienungsrestaurant. Aber wo tankt der Luxus-Stromer? Der Tankwart weist den Weg zum hintersten Winkel des riesigen Parkplatzes, dahin, wo schon keine Sattelschlepper mehr parken. Dort ist endlich das Tesla-Logo. Kein Auto, alle Säulen frei. Man fährt rückwärts heran, öffnet den Stromeingang und schließt das dreifingerbreite Kabel an. So einfach klingt es, so einfach ist es auch. "Supercharging" schreibt das Auto umgehend auf seinen riesigen Bildschirm im Innern. Es saugt also wirklich neuen Lebenssaft ein.