Kaum jemand kommt durch, die Nationalversammlung ist belagert. "Chávez lebt!", skandieren Hunderte Menschen vor dem Parlament in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas. Sie tragen rote T-Shirts und Kappen, trommeln und singen. "Da, ein Gringo!", schreit eine Frau in ein Megafon, ein Ausländer! "Nieder mit den Imperialisten! Nieder mit der Konterrevolution!", ruft die Menge. Männer bauen sich bedrohlich vor dem Journalisten aus dem Ausland auf. Ein Kommandant der Streitkräfte bahnt ihm schließlich einen Weg ins Parlament.

"Ich hoffe, dass die irgendwann mal die Lust an ihrem Geschrei verlieren", sagt Marialbert Barrios und verdreht die Augen. Selbst hier im Parlamentsbau hört man das Trommeln der Demonstranten noch. Barrios ist die jüngste Abgeordnete des Hauses: 25 Jahre alt, eine ehemalige Studentenaktivistin, die im Dezember einen Wahlkreis gewann. Jetzt sitzt sie für die gemäßigt progressive Partei Primero Justicia (Gerechtigkeit zuerst) im Parlament. Zu Beginn, erzählt sie, habe hier tagelang niemand arbeiten können. Da durften die Demonstranten noch auf die Besuchertribüne. Jede Wortmeldung hätten sie niedergebrüllt. "Kaum einer dieser Demonstranten kommt einfach spontan", sagt Barrios und fügt leise hinzu: "Die sind von der Regierung entsandt."

Das kann man zwar nicht nachprüfen, aber plausibel erscheint es schon. Die Regierung von Venezuela sucht die Konfrontation mit der Volksvertretung. Seit 1999 wurde das Land von den Chavisten regiert, den Anhängern des vor drei Jahren verstorbenen comandante Hugo Chávez, aber im Dezember gewann eine Koalition aus linken und bürgerlichen Oppositionsparteien zwei Drittel der Stimmen bei der Parlamentswahl. Seither erfahren die Abgeordneten der Mehrheit: Sie haben kaum etwas zu sagen.

Der Präsident und das Parlament werden in Venezuela getrennt gewählt, die Amtszeit des Chávez-Nachfolgers Nicolás Maduro geht bis 2019. Theoretisch müsste er sich mit der Volksvertretung abstimmen, aber Maduro will kompromisslos weiterregieren – am Parlament vorbei, mithilfe der Gerichte und des Militärs, mit chavistisch kontrollierten Volksräten, mobilisierten Volksmassen und Notstandsgesetzen. Oppositionspolitiker wurden unter Vorwänden ins Gefängnis geworfen.

Nun geht eine Angst um, die so charakteristisch für Lateinamerika ist: Entsteht wieder einmal eine Diktatur? Es ist noch nicht lange her, dass Venezuela und der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" von Hugo Chávez auch unter europäischen Linken als Vorbild galten, wenngleich sie wussten, dass Chávez kein Demokrat nach bürgerlichen Vorstellungen war. Der Kult um seine Person war legendär, jeden Dialog mit Andersdenkenden lehnte er ab. Wo immer er konnte, besetzte der comandante Kontrollinstanzen wie Gerichte und Wahlbehörden mit eigenen Leuten. Sogar die Soldaten mussten am Ende auf den Chavismus schwören und nicht etwa auf Verfassung und Volk.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

"Demokratische Revolution" nannte Chávez das. Sein Argument: Wie sonst sollte die Linke ein jahrzehntealtes System aufbrechen, in dem die Reichen sich selbst bedienten und den Armen keine Chance gaben? Die Regierung Chávez verhalf den Unterprivilegierten zu politischer Selbstorganisation und halbierte für eine gewisse Zeit die Armutsrate. Etliche Nachbarländer – Ecuador, Bolivien, Argentinien – orientierten sich bald an dieser Politik.

Und doch hat Marialbert Barrios die meisten Stimmen in ihrem Wahlbezirk erhalten. Ausgerechnet in La Pastora, einer Hochburg der Chavisten, am Fuß des Berges mit dem Chávez-Mausoleum gelegen. Ausgerechnet diese Frau, die zur Universität gehen und Internationale Beziehungen studieren konnte, die statt Arbeiterhemden gern Seidenblusen trägt. "Im Wahlkampf drohte man uns Schläge an", sagt Barrios. "Vor fünf Jahren hätte ich als Oppositionspolitikerin keinen Fuß in diese Gegenden setzen dürfen."

Doch die Leute hatten den Sozialismus satt, der in Venezuela einfach nicht funktionieren wollte. Vor den staatlichen Supermärkten muss man inzwischen einen Tag lang für Mehl oder Eier anstehen. Butter oder Aspirin fehlen ganz. Venezuelas Wirtschaft war schon immer merkwürdig: Das Land lebt fast ausschließlich von den Erlösen aus dem Ölexport, die von den Regierungen, ob links oder rechts, nach Gutdünken verteilt wurden. Doch das Verteilungssystem der Chavisten war besonders willkürlich, Abermilliarden gingen durch Ineffizienz und Korruption verloren sowie dadurch, dass es einer machtbesoffenen Linken gelang, die wenigen verbliebenen Unternehmer zu vergraulen. Und neuerdings ist Öl am Weltmarkt kaum noch etwas wert. Forschungsinstitute sagen voraus, dass Venezuela schon in diesem Jahr den Staatsbankrott anmelden werde.