Im neonaturalistischen Literaturbetrieb der Gegenwart stehen die "kleinen, wilden Romane" Günter Herburgers (so ein Verlagskatalog) als Fremdlinge da. Das Genre Roman, das in seinen Anfängen – und noch bei Goethe und Novalis – so ziemlich alles durfte, darf heute eigentlich nur mehr recht wenig. Es wird von mächtigen Literaturbetriebsinstanzen seit Langem verpflichtet auf eine gebremste (gleichsam in gesellschaftliche Verantwortung genommene) Form realistischer Fiktionalität. Nehmen wir ein willkürlich aus dem gängigen literaturkritischen Meinungsangebot herausgegriffenes Beispiel: In Juli Zehs Roman Spieltrieb wird – so glaubt Wikipedia – die "rechtsphilosophische Frage nach der objektiven Existenz von Recht und Unrecht" gestellt. Mit anderen Worten: Es wird in diesem Buch eine Idee verhandelt, die dem Leser und der Leserin real (und der entsprechende Roman deshalb realistisch ) vorkommt, weil das entsprechende Begriffskonstrukt sie auch beschäftigen könnte, wenn sie gerade keinen Roman lesen. Diese Idee wird außerdem sozusagen versteckt in einem übersichtlichen, an Mustern des 19. Jahrhunderts geschulten erzählerischen Arrangement fiktionaler Figuren, Dialoge, Landschaftsbeschreibungen, Interieurs und Straßenszenen. Und Dreingaben aus dem Arsenal der Avantgarde (innerer Monolog, style indirecte libre , ungewöhnliche Erzählperspektive) unterscheiden den ernst zu nehmenden Roman von den Schmuddelkindern der U-Literatur, verschaffen ihm Distinguiertheit. Es ist ein geheimer und verspäteter Triumph des Platonismus – dessen Urvater die "Lügen der Dichter" bekanntlich verabscheute.

Günter Herburger, geboren 1932, macht ein Programm daraus, sich nicht an diese unausgesprochenen Vorschriften zu halten. Sein neues Buch Wildnis, singend spielt zwar in der – durchaus wiedererkennbaren – Gegend um Isny im Allgäu. Aber wir könnten nicht weiter entfernt sein von einem naturalistischen Schauplatz. Es ist ein magisch-realistisches Allgäu, das wir betreten. Ein einsam auf dem Lande lebendes Aussteiger-Ehepaar, die Kosslowskis (die im Fortgang des Erzählens immer wieder andere Namen und Epitheta annehmen), bekommt Besuch von einer Fremdlingin. Ricarda ist nach dem Krieg mit ihrem Nazivater und ihrem Bruder nach Peru ausgewandert.

Als sei sie durch ein Wurmloch gekrochen, liegt sie frierend und schmutzig eines Tages auf der Erde des heruntergekommenen ländlichen Anwesens. Tiere (wilde und gezähmte) teilen die Häuslichkeit, in die sie jetzt aufgenommen wird, und spielen als stumme Figuren mit. Ein Kalb wird geboren. Wölfe tauchen auf. Vögel und Katzen kommen zu Besuch. Meerschweinchen erinnern an Südamerika und werden rituell geopfert. Ricardas gehasster Bruder, der durch einen Schlaganfall gelähmt ist und in einem Schweizer Pflegeheim vegetiert, wird besucht. Ökologische, theosophische, gendertheoretische und "transhumanistische" Motive sind erkennbar. Den einleuchtendsten Schlüssel zur Interpretation seines Buchs aber liefert Herburger selbst. In einer Schlussbemerkung dankt er der Ulmer Anthropologin Ina Rösing, der Erforscherin des peruanischen Schamanismus, "ohne deren großartige Werke dieses Buch nicht entstanden wäre".

Mit seiner hochmerkwürdigen Erzählung einer Ménage-à-trois zwischen Ricarda und den Kosslowskis – so könnte man die sanfte Vieldeutigkeit dieses Romans zusammenfassen – unternimmt Herburger eine Neuerfindung des Allgäus aus dem Geist des Schamanismus. Heilungsrituale scheinen sich auf die politische Schuld der Vätergeneration zu beziehen. Südamerikanische Drogen und chemische Antidepressiva spielen Hauptrollen. Psychoanalyse wird als Exorzismus verstanden. Ein Weltenbaum wird bestiegen. In die westliche Alltagswelt dringt archaische Religiosität und verwandelt alle Verhältnisse und Beziehungen. "Wer bei wem lag, war nicht wichtig", heißt es einmal. Herburger beschreibt eine lustvolle Auflösung der personalen Grenzen, ein Ineinanderfließen der Landschaften, der Wetterlagen, der Ersten und der Dritten Welt, der Tiere und der Menschen. Auch was im Innern der Figuren passiert, ist von den realen Ereignissen nicht streng zu unterscheiden. "Was Ihr denkt und fühlt, mag richtig sein", sagt eine Figur zu einer anderen, "doch in der Wirklichkeit existiert es nicht."

Diese Vertauschungen, Verwandlungen und Auflösungen spiegeln sich in der Faktur von Herburgers Prosa als ein Erzählstil, dessen Seltsamkeit dadurch zustande kommt, dass er sich erstens nicht an die naturalistisch gewohnte Wichtig-unwichtig-Hierarchisierung in der Erzählung vorkommender Details hält und zweitens allen vom Erzählfluss nahegelegten Assoziationen exakt folgt. "Ach, wie schön war das grüne Allgaw (sic!) mit der Flut gelber Butterblumen, die nie verdarb. Die Gebirge der vorderen Alpenkämme besaßen noch Schnee, der im Schein der Sonne am wolkenlosen Himmel die Farbe zerlassener Butter annahm, ein unablässiger Brotaufstrich, und wenn Vogelschwärme in der Nähe sich verteilten, mochten sie einem philosophischen Unglauben angehören, der den Geschwindigkeiten in Raum und Zeit hinterhereilte und sich allmählich auf dem Steuerrad, das die Madonna im Griff behielt, wie ermattete Blütenblättchen, die sich zu früh hervorgewagt hatten, niederließ. Sie streifte sie ab, als handle es sich um eine Allergie, Mahnung des Wetterdienstes für ein zu warmes Frühjahr."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

Das entstehende Leseerlebnis ist eine Art exquisiter Verstörung. Man tendiert auf den ersten Seiten mehr als einmal dazu, das Buch in die sprichwörtliche Ecke zu feuern. Wer aber durchhält, fühlt sich von Herburgers Erzählfluss bald und unter sich steigerndem Genuss getragen. Man folgt seinen Wendungen und Details, die – wie die musikalischen Elemente in einem Song von Prince – jeweils individuell auf Hochglanz poliert sind, mit immer größerem Vergnügen. Man kann in diesem Buch ein Qualitätsniveau artistischen Gemachtseins der Einzelheiten bewundern, das auf Deutsch seit Arno Schmidt selten geworden ist, für das es aber in der amerikanischen Literatur Parallelen gibt, zum Beispiel bei David Foster Wallace. Anders als Wallace ist Herburger aber auch ein begabter und effektiver Konstrukteur von Identifikationsmöglichkeiten und Spannungsbögen. Man will, wenn man sich einmal auf die seltsame und vielfältig verschobene Welt dieses avantgardistischen Heimatromans eingelassen hat, durchaus wissen, wie es weiter- und ausgeht mit Ricarda und den Kosslowskis. Die Schlusspointe der Handlung und das durchaus grausige Ende des Romans werden hier aber nicht verraten.

Wenn nicht alles täuscht, zeigt die neonaturalistische Romankultur der Gegenwart neuerdings Risse. Durch sie hindurch wird erkennbar, womit wir es bei Günter Herburger zu tun haben: mit einem Meister der poetischen Möglichkeiten, die dem Roman bei seiner Entstehung in die Wiege gelegt waren und die er seit dem 19. Jahrhundert immer wieder vergessen hat. In der klassischen Avantgarde, bei Joyce, bei Hans G Helms – und neuerdings bei Dietmar Dath –, blitzen diese Möglichkeiten immer wieder auf, um dann wieder im literarischen Untergrund zu verschwinden. Dem großen Heimatdichter Günter Herburger könnte, wenn es gerecht zuginge, einmal sein Ehrenplatz in der Tradition einer neuen deutschen Seltsamkeit zuteil werden. Wir sollten ihn in der Zwischenzeit, auch wenn wir ihn oft nicht verstehen, ehren – und vor allem lesen.

Günter Herburger: Wildnis, singend. Roman; Hanani Verlag, Berlin 2016; 250 S., 19,50 €