Neulich am Produktionsabend kam der Chefredakteur in mein Büro, warf mir eine fertige Politik-Seite auf den Schreibtisch, presste mit angehaltenem Atem ein "Ist okay" heraus und kehrte auf dem Absatz wieder um. Ich kenne diese Art stiller Missbilligung. Die Duftnote eines brennenden Pferdestalls gefällt nur wenigen. Und noch weniger Menschen scheinen zu wissen, dass Pfeiferauchen in Deutschland auch diesseits der 60 gestattet ist.

Als 16-Jähriger hatte ich beschlossen, mit dem Pfeiferauchen aufzuhören. Gelernt hatte ich es während einer Fahrradtour durch Schottland, bei einem Volksstamm also, der etwas freier im Denken und in der Mode ist als der germanische. In den Pubs der Highlands war der Griff zur Pfeife damals völlig normal. Dorfläden verkauften Pfeifen für 2,95 Pfund und dazu einen Tabak namens "Clan", ein erbarmungswürdiges Kraut in tartangemusterten Tüten. Die Kombination verätzte die Zunge und erzeugte ein Geschmackserlebnis nach verbrannter Kupplung. Gegen Ende der Reise warf ich die Pfeife feierlich von einer Brücke in den River Ness und schwor mir, dass es das gewesen sein sollte. Meine mitreisende Peergroup freute sich. Sie hatte mich ohnehin für ziemlich gaga gehalten und blöd gefragt: Gehst du jetzt in Rente, oder was!?

Ich brach den Schwur. Ein Glück. Heute, 26 Jahre später, erfüllt mich Grauen bei dem Gedanken, dass mir all diese Zeit eine fantastische Genusswelt entgangen wäre, hätte ich mich zurück in Deutschland nicht doch noch einmal ratsuchend an einen Fachhändler gewandt. Der lächelte mich altväterlich an und legte eine gute Bruyèreholz-Pfeife mit Filter für 60 Mark nebst einem gediegenen Virginia-Tabak auf die Ladentheke. Aus diesem Kern wuchsen bei mir zu Hause über die Jahre eine Tabak-Bar und eine Pfeifen-Garderobe für jede Jahreszeit und jede Stimmung.

Ich weiß, Pfeifenraucher leiden noch immer unter einem schlechten Image. Und zugegeben, Pfeifenrauchen sieht so antriebslos und undynamisch aus, dass man den Anhängern dieser Kulturtechnik instinktiv eine Gehbehinderung oder eine Überdosis Günter Grass unterstellt. Alles Quatsch. Mit einer gut gestopften Pfeife gibt man sich einfach selbst das Signal, dass jetzt mal eine Stunde Ruhe ist. Man konzentriert sich auf den geistesnährenden Akt, eine Substanz zurück in ihre Elemente zu zerlegen, in Feuer, Wasser und Luft. Das beschert tausend gute Gedanken.

Pfeiferauchen ist Meditation, ist Zen. Bloß in lecker.

Vergangenes Frühjahr hatte ich eine Lungenentzündung (nein, nicht vom Pfeiferauchen, man inhaliert ja nicht). Die führte mich zu einem weisen Landarzt. "Rauchen Sie?", fragte er. Na ja, gelegentlich ein Pfeifchen, sagte ich. Er setzte eine strenge Miene auf und sprach: "Hören Sie bloß nicht damit auf." Wie bitte?, antwortete ich. Der weise Landarzt nickte: "Meine Erfahrung sagt mir, dass Menschen so etwas brauchen. Etwas verlässlich Schönes."

Vielleicht übertrieb der gute Mann ein bisschen, es gibt ja, jedenfalls in meinem Alter, noch andere verlässlich schöne Sachen, die zweifelloser gesund sind. Aber es gibt auch solche, die zweifellos ungesünder sind. Jedes Mal, wenn ich einen Zigarettenraucher frage, ob ihm das eigentlich schmeckt, heißt es: Eigentlich nicht. Das nenne ich unsouveränes Verhalten. Pfeifenraucher streiten höchstens darüber, was besser schmeckt, dänische oder englische Tabakmischungen. Die Dänen sind "gesoßt", sprich mit allerlei Aromen getüncht, Vanille, Pflaume, Rum oder anderes Obst. Das riecht zwar fein-weihnachtlich, schmeckt meiner Ansicht nach aber wie abgestandener Früchtetee mit Holzkohle. Die englischen Tabake hingegen ziehen ihren Charakter aus der Mischung verschiedener naturbelassener Kolonialsorten, Virginia aus Amerika, würziger Perique und Latakia, der ursprünglich aus Syrien und heute leider nur noch aus Zypern kommt. Die "Raumnote" der Engländer ist bestimmt nicht so sozial verträglich wie die der Dänen, aber dafür ... ach, Pardon, ich komme ins Schwärmen und denke schon an die nächste. Probieren Sie’s halt selbst. Es ist nie zu spät, mit dem Nichtrauchen aufzuhören. Wenn man es richtig anfängt.

Jochen Bittner mag auch Düfte von Chanel, Schuhe von zeha und Videos von Walk Off the Earth