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Diese Eiswüste soll also die gefährlichste Waffenkammer der Welt sein? Schon möglich, denkt der Reisende, je länger er die klirrende Landschaft rund um die russische Arktisstadt Murmansk durchquert. Von der norwegischen Grenze aus führt eine Überlandstraße kilometerweit entlang an zweireihigen Zäunen mit raureifen Stacheldrahtkronen, Warnschildern und modernen Überwachungskameras. In den wenigen Ortschaften, die in die karge Landschaft aus Krüppelbirken und gefrorenen Seen geklotzt sind, marschieren Soldatentrupps mit buschigen Fellmützen über die Straße.

Die Kola-Halbinsel, die sich von hier aus ostwärts in die Barentssee erstreckt, ist eine Art riesiger Marine-Pier. Umspült vom Golfstrom, frieren ihre Fjorde kaum je zu. Das macht die Region Murmansk zu Russlands Tor in den Atlantik und zum wichtigsten Stützpunkt für seine größte Marineeinheit, die Nordflotte. Atomar bewaffnete U-Boote sind hier stationiert, aber auch Langstreckenbomber und Landstreitkräfte.

Vor Kurzem hat der Kreml begonnen, mindestens 6.000 zusätzliche Soldaten in der Gegend anzusiedeln. Sie sind nur ein Teil einer Arktisarmee, die entlang der weiten russischen Polarmeerküste aufwächst, auch wegen der Schatzkammer an Rohstoffen, die sich hier verbirgt. Sechs neue Militärbasen entstehen, alte Startbahnen aus dem Kalten Krieg werden renoviert, neue Eisbrecher gebaut und moderne U-Boote in Dienst gestellt, die mit noch mehr Atomsprengköpfen beladen werden. Sowohl Russland als auch die Nato halten in letzter Zeit immer aufwendigere Militärmanöver im hohen Norden ab.

Was passiert hier?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016.

Es passiert etwas, das die Welt lange nicht mehr erlebt hat: eine gewaltige neue Grenzerkundung. Jahrzehntelang dachte man, die Erdoberfläche sei im Großen und Ganzen zwischen Staaten aufgeteilt – doch dann kam der Klimawandel und begann, die Arktis aufzutauen. Schaut man vom Weltall aus auf den Nordpol, wirkt das Polarmeer wie eine Torte, die gerade aus dem Tiefkühlfach gezogen wird. Fünf Länder, mächtige und weniger mächtige, greifen nach ihren Stücken: Russland, die USA (via Alaska), Kanada, Dänemark (via Grönland) und Island. Denn unter dem Eis schlummern große Mengen an Öl, Kobalt, Gold und Nickel. Geologen nennen die Arktis wegen ihres Rohstoffreichtums schon "Ali Babas Höhle".

Außerdem öffnet sich im hohen Norden nicht weniger als ein neues Weltmeer. Das zurückgehende Eis legt die möglicherweise schnellste Schifffahrtsstraße zwischen den reichsten Ländern der Erde frei. Über all diesen handfesten Interessen schwebt die prestigeträchtige Frage, wem eigentlich der Nordpol gehört: der Nato oder Russland?

Russland plane hier den nächsten "Gebietsgriff", glaubt ein US-Senator

Muss sich die Welt nach der Ukrainekrise also schon wieder auf einen de-freezing conflict gefasst machen, auf einen Konflikt, der ausgerechnet aus Tauwetter entspringt – diesmal allerdings rein meteorologischem?

Es müsste nicht so kommen. Denn es gibt Spielregeln, nach denen die Arktis aufzuteilen ist, festgelegt entlang naturwissenschaftlicher Kriterien von den Vereinten Nation. Bloß was, wenn sich am Ende keiner an diese friedlichen Regeln hält? Oder wenn die Gegenspieler nur davon ausgehen, dass der jeweils andere es nicht tut? Die Gefahr des nordischen Goldrausches liegt nicht so sehr in dem, was sich entlang der Polarmeerküste tatsächlich abspielt – sondern vor allem in gefährlichen Deutungen. Wer macht welche Bewegung? Zu welchem womöglich verdeckten Zweck?

Vor allem die beiden Großmächte Russland und die USA liefern einander gerade reichlich Stoff für Projektionen, für sich selbst vergewissernde Ungewissheiten sozusagen.

Auftritt des Senators von Alaska, des Republikaners Dan Sullivan. Seiner Meinung nach bekommt die dösige US-Bundesregierung in Washington nicht mit, was sich im hohen Norden abspielt. Russland plane in der Arktis den nächsten "Gebietsgriff", glaubt er. Die richtige Antwort darauf sei, mehr US-Militär in der Gegend zu stationieren, um es notfalls mit der russischen Übermacht aufnehmen zu können. Was tue Barack Obama stattdessen? Er rede die ganze Zeit vom Klimawandel. "Die Russen spielen in der Arktis längst Schach, und unsere Regierung denkt immer noch, es sei Vier gewinnt" , glaubt Sullivan.

Ist das nun Paranoia oder Realismus?

Vor zwei Jahren noch hätte kaum ein Europäer geahnt, welchen Symbol- und Strategiewert eine Halbinsel namens Krim für Russland haben könnte. Wird der Wert, den Moskau dem Polarmeer beimisst, ähnlich unterschätzt? Russlands Regierung hat bereits 2007 klargemacht, dass es den Nordpol für so russisch hält wie die Krim. Mit einem U-Boot platzierten Arktisforscher damals eine metallische Russland-Flagge am Meeresgrund, angeblich direkt am Nordpol, in über 4.000 Meter Tiefe. Die Aktion war rein symbolisch, der Nordpol gehört den Russen deshalb genauso wenig wie der Mond den Amerikanern. Aber der Claim sollte vor aller Welt abgesteckt werden.

"Der Nordpol hat für Russland eine symbolische Wichtigkeit", glaubt die Russland-Expertin Katarzyna Zysk von der norwegischen Defence University. "Ihn als russisch zu reklamieren passt zur nationalpatriotischen Agenda des Kreml."

Putin will den Zugang zum Polarmeer aus geostrategischen Gründen

Man könnte Wladimir Putins Ideologie selbst arktisch nennen: Die Welt ist ein rauer Ort, an dem die Starken die besten Chancen haben und wo Militärmacht eine Tugend ist. Versehen mit diesen Überzeugungen, versucht Russland gerade, sich als alternative Weltordnungsmacht zu etablieren. Ganz kühl geopolitisch gedacht, ist das, was dem größten Land der Erde dafür bisher schmerzlich fehlt, ein ausreichender Zugang seiner Flotte zu den Weltmeeren. Dieser Zugang wäre wichtig, um den vielen Militärstützpunkten, welche die USA rund um den Globus verteilt haben, wenigstens einige schwimmende Basen entgegensetzen zu können. Die Schwarzmeerflotte, die auf der Krim stationiert ist, taugt dazu nicht. Im Konfliktfall könnte das Nato-Mitglied Türkei die Durchfahrt durch den Bosporus ins Mittelmeer blockieren. Derselbe schnelle Stopp wäre der russischen Ostseeflotte gewiss, weil die Nato den Skagerrak, die Meerenge zwischen Dänemark und Norwegen, schließen könnte. Die beste strategische Option ist deshalb das Polarmeer – es bietet unblockierbaren Zugang in den Atlantik.