Die zwei wichtigsten Institutionen Ulms stehen nah beieinander: das Münster und der Abt. Die erste ist die höchste Kirche der Welt, die zweite ein Haushaltsgerätehandel, den Schwaben auf andere Art heilig. In bester Lage thront er dort, wo andere Städte ihre teuren Boutiquen haben: 5.000 Quadratmeter, vollgepackt mit Spätzlehobeln, Staubsaugern, Tortenhebern und allem, was ein g’scheiter Haushalt so braucht. Das Münster und der Abt sind vom Hauptbahnhof nur eine Viertelstunde Fußweg entfernt. Sie könnten geradeaus durch die Fußgängerzone laufen und sich dabei einfach bestätigen, was Sie schon wussten: Ulm ist ein spießiges Städtchen mit tiefer Liebe zur Vorratsdose und einer Riesenkirche.

Sie könnten aber auch die verträumte Seite von Ulm entdecken. Die gibt es, wirklich! Um sie zu finden, biegen Sie so schnell wie möglich von der biederen Fußgängerzone rechts zum Fischerviertel ab. Es liegt an der Mündung der Blau in die Donau und lohnt sich aus drei Gründen: Fachwerkhäuser, Fischgerichte und Bier (alles zusammen etwa im Restaurant Gerberhaus). Spätestens nach einem großen Hellen erscheint das Kleinstädtische gemütlich. Nach einem weiteren sogar romantisch – vor allen Dingen, wenn man die richtige Begleitung hat. In manchen Sträßchen des Viertels kommt man sich sehr nah: "Kussgasse" wird ein Stück der Schwörhausgasse genannt, weil es so schmal ist, dass die Häusergiebel sich fast berühren – genau wie die Passanten darunter. Nur wenige Minuten entfernt wächst neben einer Brücke über die Blau Süddeutschlands schönste Trauerweide.

Gehen Sie weiter zur Donau und über die Eisenbahnbrücke zur bayerischen Schwesterstadt Neu-Ulm. Genießen Sie den Blick zurück auf einen doch nicht so biederen Ort. Zwischen den typischen Spitzgiebeln schimmert die moderne Glaspyramide der Zentralbibliothek.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016.

Die Brücke an der Marienstraße bringt Sie zurück nach Ulm. Laufen Sie ein kleines Stück auf der Stadtmauer entlang, bevor Sie zum ehemaligen Stadttor mit den bunten Ziegelmustern heruntersteigen, dem Metzgerturm. Schön ist er und ganz schön schief – 3,3 Grad Neigung, kaum geringer als in Pisa. Eine weniger bodenständige Stadt hätte sich dazu bestimmt eine Legende über liebeskranke Prinzen und eingesperrte Jungfern ausgedacht. In Ulm drehen sich auch die Sagen um Irdisches, und zwar um die Wurst: Der Bürgermeister soll einst alle Metzger zu einer Standpauke in den Turm bestellt haben, weil sie Sägespäne in ihre Würste mischten. Die dicken Fleischer krochen vor Angst in eine Ecke und verbogen so den Turm.

Vom Metzgerturm sind es nur zehn Minuten zum Münsterplatz. Dort können Sie endlich den Kopf in den Nacken legen, um die 161,5 Münstermeter zu bestaunen. Lassen Sie sich Zeit: Die Ulmer haben ein halbes Jahrtausend daran gebaut. Wer noch Kraft für die 762 Stufen nach oben hat, bekommt eine Aussicht, die beweist: Die Ulmer können träumen. Wer so eine Kirche zustande kriegt, muss hoch hinaus denken – aber auch die Füße fest auf dem Boden haben. Nehmen Sie sich ein Beispiel daran: Nach dem Weg in die Wolken kaufen Sie einen Schnellkochtopf. Beim Abt nebenan gibt es eine riesige Auswahl.